AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2009

Medizin "Die bringt uns die Leute um"

Zwei Patienten verbluteten aus ungeklärter Ursache, sechs andere fielen in eine Wachlähmung: Unheimliche Vorgänge in einer schwäbischen Klinik beunruhigen die Bevölkerung und spalten das Personal. Im Mittelpunkt stehen ein Arzt und eine Krankenschwester.

Von Bruno Schrep


Adolf Novotny, Oberarzt im Kreisklinikum Tuttlingen, pflegt einen ehernen Grundsatz: "Ich verlasse mich nie allein auf meinen Verstand." Bei schwierigen Diagnosen und unklaren Krankheitsbildern komme stets noch etwas anderes dazu: "Ich nenne es Bauchhirn." Dieses Bauchgefühl, da ist er sicher, habe ihn schon oft vor Kunstfehlern bewahrt, ihn davor geschützt, naheliegende, aber womöglich falsche Schlüsse zu ziehen. "Plötzlich gehen rote Warnlämpchen an."

Genau dieses Bauchgefühl, ergänzt durch konkrete Wahrnehmungen, hat ihn auch veranlasst, wegen unheimlicher Vorgänge auf der Intensivstation des Tuttlinger Klinikums Alarm zu schlagen, seinen Arbeitgeber ins Zwielicht und eine Kollegin vor Gericht zu bringen. "Ich musste es tun."

Was dabei zutage trat, ist wenig geeignet, Vertrauen in den Medizinbetrieb zu wecken. Mysteriöse Todesfälle auf der Tuttlinger Intensivstation beschäftigen die Justiz bis heute, die Staatsanwaltschaft in Rottweil ermittelt wegen Mordverdachts. Zudem überlebten mehr als ein halbes Dutzend Kranke offenbar heimtückische Giftanschläge nur mit knapper Not.

Ärzte, Schwestern und Pfleger sind wegen dieser Vorfälle heillos zerstritten, zwei Lager stehen sich feindselig gegenüber. Keiner traut mehr dem anderen - ein Alptraum für Patienten, die in Tuttlingen eingeliefert werden.

Im Mittelpunkt des Dramas steht neben Narkosearzt Novotny die Krankenschwester Cornelia V. Beide, Oberarzt und Schwester, waren früher gleichermaßen hoch angesehen. Novotny hatte den Ruf, mit seinem Wissen und seinem Gespür für Ausnahmesituationen schon vielen Patienten das Leben gerettet zu haben. Cornelia V., Fachkraft für Anästhesie und Intensivmedizin, war bekannt dafür, sich auch um scheinbar aussichtslose Fälle aufopferungsvoll zu kümmern, selbst Schwerstkranke so aufzurichten, dass sie wieder Mut fassten.

Inzwischen sind die Rollen ungleich verteilt. Der Arzt gilt als Mann, der einen Skandal aufdeckte, womöglich viele Patienten vor Schaden bewahrte. Die Schwester dagegen, seit Dezember 2008 vorbestraft wegen gefährlicher Körperverletzung, gilt in der Öffentlichkeit als hinterhältige Attentäterin.

Arzt und Schwester haben viele Jahre eng zusammengearbeitet, standen oft Seite an Seite im Operationssaal. Sie unterstützten sich auch auf der Intensivstation, wo sich einer auf den anderen verlassen muss, wo es oft auf Sekunden ankommt. Sie duzten sich, sie war die Conny, er der Adolf. Sie verstanden sich als Verbündete beim täglichen Kampf ums Überleben der Patienten. Gemeinsam mit den Kollegen feierten sie Erfolge, gemeinsam trauerten sie, wenn sie einen Kranken verloren.

Doch das Vertrauensverhältnis endet Anfang 2004. Novotny zweifelt, dass es bei zwei plötzlichen Todesfällen mit rechten Dingen zugegangen sei. Der Doktor mit dem grauen Kinnbart und dem schwäbischen Dialekt, bekannt als gründlich, als fast schon überkorrekt, versteht sich als Aufpasser. "Wenn es um meine Patienten geht, bin ich wie ein Wachhund", sagt er von sich selbst.

Als im Februar 2004 ein 79-Jähriger nach einer Gallenblasenoperation stirbt, fällt Novotny nach Studium der Krankendaten als Einzigem auf, dass der Mann offenbar innerlich verblutet ist. Warum? Er hakt nach und glaubt sieben Tage später die Antwort zu kennen. Denn wieder ist ein Patient nach einer relativ harmlosen Operation verblutet, und wieder gibt es dafür keine schlüssige Erklärung.

Novotny hat diesmal selbst anästhesiert. Er weiß, dass der Patient bei dem kleinen Eingriff am Oberschenkel kaum blutete. Er ist sich deshalb sicher, dass eine hohe Dosis des Blutverdünnungsmittels Heparin gespritzt worden sein muss. Das Medikament wird in geringen Mengen verabreicht, um die Entstehung von Blutgerinnseln zu verhindern, um einer Thrombose vorzubeugen. Nur durch eine gewaltige Überdosis kann sich der Arzt den hohen Gerinnungswert erklären, der das Stillen der Blutung unmöglich gemacht hat.

Doch wer sollte so etwas Ungeheuerliches tun? Der Arzt hat plötzlich einen schwerwiegenden Verdacht: "Es war wieder das Bauchgefühl", erinnert er sich heute, "es traf mich wie ein Blitz." Es musste, glaubt er, die Conny gewesen sein.

Tatsächlich war Cornelia V. bei beiden Vorfällen im Dienst. Bei der Gallenblasenoperation assistierte sie. Den Mann mit dem Oberschenkeleingriff versorgte sie im Aufwachraum, schlug selbst Alarm: "Achtung, der Patient blutet."



© DER SPIEGEL 16/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.