AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 16/2009

Pop: Krise? Welche Krise?

Von Tobias Rapp

Silbermond, Peter Fox, Samy Deluxe: Deutsche Musiker stehen an der Spitze der Albumcharts. Was erzählen sie von der Stimmung im Land?

Nicht nur von Börsenkursen lassen sich Verlaufskurven zeichnen. Als "Stadtaffe" von Peter Fox, 37, herauskommt, erreicht die Platte sogleich Platz vier der Hitliste. Kein schlechter Einstieg für das Solodebüt eines Künstlers, auch wenn Fox kein Unbekannter ist, als Sänger der Berliner Reggae-Band Seeed trat er etwa bei der Eröffnungsfeier der Fußballweltmeisterschaft 2006 in München auf.

Platz vier also, es ist die dritte Oktoberwoche. Kürzlich ist Lehman Brothers pleitegegangen. Zunächst verhält sich "Stadtaffe" wie fast jedes erfolgreiche Album: Nach einem starken Beginn geht es langsam abwärts. Dann passiert das Ungewöhnliche: "Stadtaffe" klettert wieder unaufhaltsam, und in der letzten Februarwoche steht die Platte zum ersten Mal an der Spitze, 21 Wochen nach Erscheinen. Seitdem hält sie sich ganz oben, diese Woche auf Platz zwei. Dieser Erfolg ist nicht allein mit Werbegetrommel zu erklären. "Stadtaffe" begleitet Deutschland durch die Krise. Es muss einen Nerv getroffen haben.

Peter Fox hat bis jetzt über 400.000 Stück verkauft, zweimal ist sein Album mit Platin ausgezeichnet worden, ein Ende ist nicht in Sicht. Dieser Erfolg ist nicht die einzige Besonderheit in den deutschen Top Ten. Mit der Band Silbermond und ihrem Album "Nichts passiert" (Platz eins) sowie dem Rapper Samy Deluxe, 31, und seiner CD "Dis wo ich herkomm" (Platz drei) haben es noch weitere deutsche Künstler an die Spitze geschafft.

Alle drei Platten sind auf ihre Art politische Statements zur gegenwärtigen Lage, die, so heißt es ja allenthalben, in Deutschland schlechter ist als die Stimmung. Im Pop aber ist die Stimmung die Lage, er gilt als die schnellste aller Kunstformen, als Seismograf gesellschaftlicher Schwingungen. Was erzählen also die Top Drei der Kalenderwoche 16 über das Land?

Zunächst einmal: erstaunlich viel Gutes. "Dies ist das Land, wo wir leben, dies ist das neue Deutschland", heißt es bei Samy Deluxe, und: "Wenn man genauer hinschaut, ist Deutschland schon ganz in Ordnung." Aber auch: "Ich werd beweisen, dass ich mehr für Deutschland mach als der Staat."

"Stadtaffe" ist eine Liebeserklärung an Berlin. Ein Song wie "Schwarz zu blau", auf den ersten Blick eine düstere Beschreibung eines nächtlichen Nachhausewegs, ist eine Feier des großen Kreuzberger Nebeneinanders: Ja, es stinkt nach Hundescheiße (denn "jeder hat 'n Hund, aber keinen zum reden"), und weinende Hooligans liegen in der Gosse. Aber man kann immer noch bei "Fatima, der süßen Backwarenverkäuferin", einen Kringel kaufen.

Silbermond fallen scheinbar aus der Reihe: "Und ich frag mich, wie viel Zeit wollt ihr denn noch verlieren?", singt Sängerin Stefanie Kloß. "Ich seh euch immer reden, aber nichts passiert." Gemeint sind nicht WG-Mitbewohner, sondern die Politiker.

"Schau mich an", sagt Peter Fox, wenn man ihn fragt, was ein Stadtaffe sei. "Das sind Menschen, die vom Lärm genervt sind, aber selber Krach machen. Leute, die der Dreck nervt und die selbst Sachen auf die Straße schmeißen. Großstadtbewohner eben." Fox heißt mit bürgerlichem Namen Pierre Baigorry, seine Mutter ist französische Baskin, er ist in Berlin aufgewachsen. "Stadtaffe" ist ein Album mit zwölf Stücken, das er im wesentlichen vom Babelsberger Filmorchester und zwei Schlagzeugern einspielen ließ. Grundthema der Platte ist das Berliner Leben. Die Songs schildern ganz bürgerliche Phantasien ("Haus am See"), beschreiben urbane Hektik ("Lok auf 2 Beinen") und generelles Durcheinander ("Kopf verloren").

Auftritte von Fox und seiner Band, etwa in Hamburg, machen klar, wie sehr Berlin mittlerweile als Chiffre für deutsche Befindlichkeiten akzeptiert wird. Kreuzberger Eindrücke sind prototypisch für deutsches Großstadtleben. Deutschland hat sich mit seiner Hauptstadt angefreundet und fängt an, sich in ihren Straßen zu spiegeln.

"German Lässigkeit" hat Roger Cohen, der ehemalige Deutschland-Korrespondent der "New York Times", unlängst halb verwundert, halb bewundernd festgestellt - eine Gabe, der Krise zu trotzen, die sich auch darin zeigt, dass die wahrhaftig krisenerprobte Hauptstadt endlich die kulturelle Hegemonie im Land errungen hat.

Anders aber als bei den Shows seiner Vorgängerband Seeed sind die Migrantenkinder beim ausverkauften Hamburger Konzert von Fox zu Hause geblieben. Das Publikum setzt sich vor allem aus der deutschen Mittelschicht zusammen, von 15 bis 50. Aber auch darin dürfte diese Veranstaltung der Selbstwahrnehmung der Berliner Republik entsprechen: Man weiß, dass die Migranten da sind. Man will sie auch als Teil des sozialen Nebeneinanders. Das heißt aber noch lange nicht, dass man auf die gleiche Party geht. Akzeptanz schließt Vermeidung nicht aus.

Wenn Samy Deluxe einen seiner Rap-Workshops gibt, kommen dagegen Jugendliche unterschiedlichster Herkunft - der ganze ethnische Regenbogen der Problemviertel ist vertreten. Für solche Projekte hat er den Verein Crossover gegründet, zusammen mit dem ehemaligen deutschen Basketball-Nationalspieler Marvin Willoughby und Julia von Dohnanyi. Samy Deluxe war immer der Laute unter den Hamburger Rappern, der mit der männlichen Stimme. Der, der wenig mehr zu sagen hatte, als dass er eben der beste Rapper sei. Privat erweist er sich als überraschend bürgerlich und solide. Er wohnt in einem Hamburger Vorort, keine Villengegend. Darauf läuft es also hinaus, wenn man es als Rapper in Deutschland zu etwas bringt: Einfamilienhaus-Idylle mit maßgefertigtem DJ-Pult im Wohnzimmer.

"Dis wo ich herkomm", erklärt Samy Deluxe, sei auch Ergebnis seiner Arbeit mit Jugendlichen, denen er versuche Selbstbewusstsein zu vermitteln, indem er ihnen zeige, dass es sich lohnen könne, für etwas zu arbeiten - und seien es HipHop-Reime. Deutschland müsse dafür einen selbstverständlichen Rahmen bieten - so ähnlich, wie man sich in den USA auf die Nation als Heimstatt einigen könne. Dieses Emanzipationsprogramm dekliniert Samy Deluxe durch: Es geht um positive Rollenvorbilder für schwarze Kinder ("Superheld") oder darum, Verantwortung nicht von sich zu weisen ("Vatertag").

Er erzählt das auch als schwarzes Kind einer weißen Mutter, das in einer völlig weißen Umgebung in Hamburg-Eppendorf aufwuchs, weil der Vater, ein Sudanese, die Familie früh verließ. Also als jemand, der in keiner schwarzen Community lebte und immer mit all den Zuschreibungen und Vorurteilen konfrontiert wurde, die mit einer dunklen Hautfarbe einhergehen. "Dis wo ich herkomm" beschreibt ein Land, für das Samy Deluxe sich nach einer Zeit in Amerika bewusst entschieden hat - und das er als seins begreift, weil er hier etwas machen kann.

Sosehr sich ein Rapper wie Samy Deluxe in seinen popkulturellen Grundannahmen von einer Rockband wie Silbermond unterscheidet - in ihrem Vertrauen auf die Kraft der deutschen Zivilgesellschaft treffen sie sich dann doch. "Nichts passiert" ist das dritte Album von Silbermond. Die Band kommt ursprünglich aus Bautzen in Sachsen, lebt heute in Berlin. Sie ist neben Wir sind Helden die erfolgreichste der zahlreichen Gruppen, die sich aus einer Sängerin und drei Musikern zusammensetzen. Anders als Peter Fox und Samy Deluxe, die eher ein großstädtisches Lebensgefühl ansprechen, artikulieren Silbermond die ewige Ausbruchsphantasie der deutschen Kleinstadtbewohner.

Doch auch hier, wenn in den Songs auf die Weltfremdheit der Politiker geschimpft wird ("Kommt doch mal runter für mich / Und seht die Welt aus unserer Sicht"), gilt, was man für Samy Deluxe und Peter Fox genauso gut sagen könnte: Das Erstaunliche an dieser Musik ist, wie vernünftig, wie maßvoll sie bleibt, selbst wenn sie wütend ist. Dies ist Pop, der noch Spurenelemente des Aufbegehrens in sich trägt, dabei aber die populistische Versuchung umgeht.

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Forum - Deutsche Musiker - liefern sie den Soundtrack zur Krise?
insgesamt 52 Beiträge
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    Seite 1    
1. Silbermond
Adran, 15.04.2009
"Gib mir einfach nur'n bisschen Halt. Und wieg mich einfach nur in Sicherheit. Hol mich aus dieser schnellen Zeit. Nimm mir ein bisschen Geschwindigkeit. Gib mir was.. irgendwas, das bleibt." zing Spricht für sich..
2. ooo
MarkH, 15.04.2009
Zitat von sysopDie deutschen Charts werden angeführt von einheimischen Interpreten. Die Platten sind auf ihre Art auch politische Statements zur gegenwärtigen Lage. Finden Sie sich in den Liedern wieder?
Nee.. finde mich da nicht wieder .. bin aber grundsätzlich kein Freund der Deutschen Musikindustrie. Wie soll sich da auch Jemand wiederfinden ? Letztendlich ist musik für Alle da.. aber jeder eben anders.
3.
IsArenas, 15.04.2009
Zitat von sysopDie deutschen Charts werden angeführt von einheimischen Interpreten. Die Platten sind auf ihre Art auch politische Statements zur gegenwärtigen Lage. Finden Sie sich in den Liedern wieder?
Eigentlich schon, Deutsch ist schließlich meine Muttersprache. Englische, französische, spanische oder italienische Texte erklären mir die Welt auch nicht besser. Poetische Texte wie die von Rosenstolz sprechen mein Gemüt durchaus an, soll das Forum doch sagen, was es mag.
4.
Adran, 15.04.2009
Zitat von MarkHNee.. finde mich da nicht wieder .. bin aber grundsätzlich kein Freund der Deutschen Musikindustrie. Wie soll sich da auch Jemand wiederfinden ? Letztendlich ist musik für Alle da.. aber jeder eben anders.
indirekt (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,618451,00.html) wurde da auch auf den Artikel angespielt.. Das nette, dass ist schon wieder so einen Antikrise Artikel.. geprägt von der Germanlässigkeit..wenn du verstehst.. Manchmal frag ich mich, was die typen rauchen, die sowas schreiben, und woher ich das Zeug bekomme ;)
5. eine neue Generation ..
ralphofffm 15.04.2009
..von Musikern die gereift sind und sich selbst und ihr Land reflektieren. Ist doch schön. Zeigt auch das die Wunden des 20. Jahrhunderts langsam verheilen. Finde Ich.
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