AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2009

Geografie "Ground Zero" ergrünt

Dürren, Hunger, Wüstenbildung: Die Sahelzone gilt als Inbegriff einer Katastrophenregion. Nun gibt es gute Nachrichten: Viele Millionen Bäume wachsen in kargem Sandboden heran.

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Kein Dorf zu sehen, nirgends, und das ist gut so, findet Chris Reij. Er steht auf einer Sanddüne am Rande der Sahara im Wüstenstaat Niger. Der 60-Jährige schwitzt, seine Nase ist von der Sonne gerötet, es sind 42 Grad im Schatten. "Da drüben konnte man noch vor 20 Jahren das nächste Dorf sehen", sagt er, "aber jetzt ist es völlig von den Bäumen verdeckt."

Die Wüste lebt, und Reij kann es belegen: mit Satellitenbildern, Fotos, mit Zahlen, Daten und Fakten.

"Wir beobachten hier in der Sahelzone die vielleicht größte erfolgreiche Bewaldungsaktion der Gegenwart", sagt der Geograf von der Freien Universität Amsterdam. "Auch seriöse Organisationen behaupten immer wieder, dass sich die Sahara Jahr für Jahr weiter nach Süden frisst, aber das stimmt so nicht."

Seit 20 Jahren kommen allein in Niger jedes Jahr etwa eine viertel Million Hektar Baumbestand dazu, mittlerweile ist eine Fläche ergrünt, groß wie die Niederlande. Insgesamt, schätzt Reij, wachsen dort derzeit rund 200 Millionen neue Bäume heran. Und in den Nachbarländern Burkina Faso und Mali sieht es ähnlich aus.

Dieser Befund ist erstaunlich. Die Sahelzone gilt als Inbegriff der Hoffnungslosigkeit, als Armenhaus der Erde, geplagt von Dürre, Elend und Hungersnot. Wütend brennt die Sonne auf diesen Streifen Ödland, der sich am Südrand der Sahara vom Senegal im Westen bis Somalia im Osten einmal quer durch Afrika zieht.

Wer Sahel sagt, denkt meist an die Bilder von ausgemergelten Kindern und verendeten Kühen. Derlei Fotos brannten sich ein ins öffentliche Gedächtnis in den Dürrejahren von 1968 bis 1973, als der Regen praktisch ausblieb und über hunderttausend Menschen verhungerten.

"Ich bin voller Bewunderung für jeden, der es schafft, hier zu leben", sagt Reij. Der Regen fällt spärlich und nur zwischen Mai und Oktober, wenn überhaupt. Wenn nicht, wird wieder gestorben auf den Dörfern. Dann bekommt Afrika etwas Nothilfe und der Westen ein paar Schlagzeilen, wie etwa 2004, als eine Heuschreckenplage die Region heimsuchte. Danach beginnt das Warten auf die nächste Dürre, und die kommt bestimmt.

Niger ist eines der ärmsten Länder der Welt. Der Anteil der Entwicklungshilfe an den Staatsausgaben beträgt rund 40 Prozent. Weltmeister ist das Land allerdings im Kinderkriegen. Siebenmal im Leben gebiert jede Frau hier im Durchschnitt.

"Viele Leute sehnen sich mittlerweile danach, auch mal etwas Positives aus Afrika zu hören", sagt Reij, während ihn das Rütteln der Schlaglöcher fast an die Decke des Allrad-Toyotas schleudert. Die Sandpiste ist so staubig, dass der Chauffeur mitten am Tag mit Fernlicht fährt, damit er gesehen wird von den entgegenkommenden Lastwagen, irrwitzig bepackt, wie sie sind, mit Stühlen, Menschen, Ziegen und Schafen.

Runde Lehmhütten ziehen vorbei. Frauen mit Mörsern sitzen auf dem Boden und stoßen mit Holzknüppeln Hirse klein, die sie zu einem schweren Brei mischen. Lesen und Schreiben kann hier nicht einmal jeder Dritte. Jedes vierte Kind stirbt, bevor es fünf ist. Malaria, Polio und HIV grassieren. Die Lebenserwartung liegt bei etwa 56 Jahren. Und wenn einmal ein Allradfahrzeug über die Straßen holpert, dann gehört es wahrscheinlich zu einer Hilfsorganisation.

Doch alles könnte viel schlimmer werden, falls der Klimawandel die knappen Niederschläge langfristig weiter drücken sollte, wie viele befürchten. Die Sahelzone sei der "Ground Zero des Klimawandels", warnt Jan Egeland als Sonderberater des Uno-Generalsekretärs. Reij hält nichts von derlei Untergangsrhetorik - auch wenn er eigentlich genau deswegen hier ist: um herauszufinden, wie ein knochentrockenes Land auf noch mehr Dürre reagieren kann.

3000 Kilometer legt er diesmal zurück in nur fünf Tagen, auf einer beschwerlichen Tour von Dorf zu Dorf, oft über sandige Pisten, gemeinsam mit Kollegen aus Niger und den Niederlanden.

Die beiden Fahrzeuge sind von Misereor, dem katholischen Hilfswerk, das derzeit ein Forschungsprojekt auflegt zum Thema Klimawandel in Armutsregionen weltweit. Auch das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und die Stiftung der Münchener Rück beteiligen sich.

Mit Ende zwanzig ging Reij erstmals nach Burkina Faso. Seitdem betreibt er eine Art nordsüdliche Pendeldiplomatie: Seit 30 Jahren schon ist er jährlich mehrfach im Sahel, um dann in England, Schweden, der Schweiz oder in Australien Vorträge zu halten. Das Thema: "Lernen vom ärmsten Land der Welt".

Was, bitte schön, kann man von Niger lernen? "Das fragen Sie am besten die Experten, die ich Ihnen gleich vorstellen werde", sagt er in Dan Saga, einem Dorf unweit der Stadt Maradi.

Zwei Dutzend Männer hocken unter einem Sonnenschutz aus Stroh auf dem Boden, die Älteren in Boubous, den langen, traditionellen Gewändern, die Jungen eher in T-Shirts mit dem Emblem von Manchester United darauf.

"Anfang der Achtziger blieb der Regen aus, und viele Kinder verhungerten", erzählt der Dorfälteste von Dan Saga und malt mit einem Strohhalm Linien in den Sand zu seinen nackten Füßen. "Die Dünen breiteten sich aus, sie waren schon fast im Dorf. Um an Geld zu kommen, hatten wir die Bäume gefällt. Ohne Bäume aber fehlte der Windschutz für die Felder, die Saat wurde vom Wind verweht."

Dan Saga schien todgeweiht, gefangen im Teufelskreis aus Dürre und Not. Um dem Hunger zu entkommen, gingen viele junge Männer als Hilfsarbeiter ins benachbarte Nigeria, das wegen seiner Petrodollar im Vergleich als reich gilt.



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