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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2009

Missbrauch: Unter Brüdern

Von

Im Bistum Würzburg schickte ein wegen Kindesmissbrauchs verurteilter Pfarrer seinen Opfern Detektive ins Haus. Der Fall offenbart das jahrelange Versagen der katholischen Kirche.

Es regnete stark an diesem Märztag in Sonnefeld, deshalb öffnete Joyce Kaitesi nach dem Klingeln hilfsbereit ihre Haustür und ließ die beiden Männer ins Treppenhaus. Ob denn ihr Sohn zu sprechen sei, wegen der Sache mit dem Pfarrer, fragte einer der beiden. Die Sache mit dem Pfarrer, das war ein zehn Jahre zurückliegender sexueller Übergriff.

Wer die Herren denn seien, wollte die Mutter des missbrauchten Schülers wissen. "Wir sind neutral", antworteten die Fremden.

Dann wurde das Duo bestimmter: Der Pfarrer könne unschuldig sein, der Junge sei damals doch sehr jung und leicht beeinflussbar gewesen, vielleicht sehe er die Tat ja heute anders. Mutter Kaitesi begriff langsam, worum es ging. "Hat euch der Pfarrer geschickt? Dieser Kinderschänder hat sich bis heute nicht entschuldigt! Zwei Jahre lang habe ich mein Kind betreuen und beruhigen müssen, und jetzt kommt ihr einfach her und wühlt alles wieder auf? Schämen solltet ihr euch!"

Es war nicht der einzige Besuch, den die Herren im dunklen Anzug ehemaligen Missbrauchsopfern jüngst abstatteten. Die Detektive, die im Auftrag des katholischen Geistlichen Wolfdieter Weiß in der bayerischen Provinz unterwegs waren, forschten noch nach weiteren Jugendlichen, deren Aussagen dem Pfarrer eine Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern eingetragen hatte. Mit Hilfe neuer Aussagen, in denen die Opfer ihre alten Angaben widerrufen, will der Kirchenmann eine Neuaufnahme seines Falls betreiben.

Das ist nicht nur ein erstaunlich dreistes Vorgehen für einen Diener Gottes, dessen Verurteilung zuletzt 2001 vom Bundesgerichtshof bestätigt wurde, es wirft auch ein Schlaglicht auf eine Kultur des Wegschauens, die bis heute die katholische Kirche an einer konsequenten Aufarbeitung des Kindesmissbrauchs in ihren Reihen hindert - und nicht wenige Pädophile offenbar ermuntert, ihre Neigungen unter dem Dach der Kirche auszuleben.

Bis vor kurzem durfte sich Pfarrer Weiß jedenfalls auf die Unterstützung seiner Mitbrüder verlassen. Obwohl das Bistum Würzburg vor Gericht zusichern musste, den Pfarrer niemals mehr mit Kindern in Berührung kommen zu lassen, hatte er noch in jüngster Zeit in Gottesdiensten von befreundeten fränkischen Pfarrern gepredigt und die Messe zelebriert - auch an der Seite von Ministranten.

Trotz Anzeigen, Elternprotesten und Verurteilungen wurde Weiß jeweils nur stillschweigend von einem Ort zum anderen versetzt. Dieses langjährige Entgegenkommen der Kirche bestärkte ihn im Glauben, unschuldig zu sein. Erst jetzt, nach den von ihm angeordneten Detektiveinsätzen, geschah das, was die Opfer schon längst erwartet hatten: Der Pfarrer im Ruhestand wurde auch als Priester suspendiert, seine Bezüge wurden um 20 Prozent gekürzt. Eine immer noch halbherzige Reaktion, findet Opfermutter Kaitesi: "Warum ringt sich die Kirche nicht endlich durch, seinen Priesterstatus ganz aufzuheben?"

Schon 1985 fiel Weiß im Bistum Würzburg erstmals auf, nachdem er im fränkischen Miltenberg mehrere Kinder geküsst und ihnen in die Hose gefasst hatte. Es kam zu einer ersten Verurteilung, dann zur Zahlung einer Geldbuße von 8000 Mark gegen Einstellung des Verfahrens. Dennoch wurde Weiß kurz darauf mit Hilfe des damaligen Limburger Generalvikars Raban Tilmann 170 Kilometer entfernt wieder Seelsorger.

Wenige Jahre später musste Pfarrer Weiß seine neue Gemeinde in Ransbach-Baumbach im Bistum Limburg verlassen, nachdem Messdiener erneut von sexuellen Übergriffen berichtet hatten. Weiß gab gegenüber der Kirche zu, dass er auch in seiner neuen Pfarrstelle "Kinder streichelt, weil er sie gernhat". Generalvikar Tilmann verzichtete jedoch auf ein Disziplinarverfahren und steckte ihn als Seelsorger in ein Frankfurter Krankenhaus, ungeachtet der Vorwürfe, dass er bei Krankenbesuchen Kinder unsittlich berührt haben soll. 1992 übergab Limburg den Seelsorger ins Bistum Bamberg - mit angeblich guten Referenzen.

Der damals zuständige Generalvikar Alois Albrecht kritisiert die Verantwortlichen deswegen jetzt ungewöhnlich scharf. Der Bamberger Kirchenmann fühlte sich von seinen Limburger Brüdern "ein Stück weit reingelegt", denn man habe "ihn nicht umfassend informiert", obwohl der dortigen Personalabteilung die "Tragweite der Vergehen" bekannt gewesen sei.

1998 vergriff sich Weiß als Pfarrer in Ebersdorf bei Coburg und an St. Marien in Sonnefeld erneut an Kindern. Ein Vater stellte sich am Anfang eines Weihnachtsgottesdiensts an den Altar und rief der Gemeinde zu: "Dieser Mann hat meinen Sohn schon mehrere Male missbraucht." Der Rest ging im Orgelspiel unter.

Wieder kam es zur Anklage. Im Urteil des Landgerichts Coburg heißt es, Weiß habe zwei Kinder "am nackten Gesäß gestreichelt" und ein anderes "am Po und an den Genitalien über den Kleidern betastet", um "sich jeweils sexuell zu erregen". Die Folge beim Sohn von Joyce Kaitesi, der zu den Opfern gehörte, waren laut Gericht "gravierende psychische Schädigungen nach der Tat ... mit Angstzuständen". Gesamtfreiheitsstrafe: zwei Jahre auf Bewährung.

Weiß selbst sagt von sich, er gebe den Kindern, "wenn ich sie streichle, nur väterliche Zuneigung", Missbrauch will er das nicht nennen. Er gibt zu, ihnen Geld angeboten zu haben, wenn sie sich auf seinen Schoß setzten. "Ich habe aber immer die Grenze erkannt zwischen sexueller Handlung und Zärtlichkeit", beteuert er. "Es kann sein, dass ich einmal auch den Pobereich berührt habe, aber der Po ist für mich kein Sexualbereich."

In seiner Würzburger Wohnung hat er sich seine eigene Welt geschaffen. Überall stapeln sich Kopien und Akten, mit denen Weiß seine Unschuld beweisen will. Gern führt er auch einen ganzen Stoß Post seiner Anhänger vor. Die jahrelange innerkirchliche Verharmlosung und Unterstützung des Täters nährte offenbar nicht nur bei Pfarrer Weiß den Wahn, unschuldig zu sein.

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