AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2009

Umwelt: Berge ohne Spitzen

Von Jörg Blech, Boston

2. Teil: Deutlich sind weißgraue Narben auf Google Earth zu sehen

Dass die Beamten in Washington auf einmal genauer hingucken, das hat viele in den Appalachen tief verstört. Ron Stollings etwa gehört zwar wie Obama zur Partei der Demokraten, aber als Senator in West Virginia vertritt er das Boone County, die Hochburg des Abbaus. Hier werden jedes Jahr 34 Millionen Tonnen Kohle aus dem Boden geschaufelt. Die Umweltbehörde plane wohl Auflagen, befürchtet Stollings: "Das könnte einen abschreckenden Effekt haben."

Ein Drittel der gesamten Kohlenproduktion in den USA kommt aus den Appalachen, und davon wiederum wird jede dritte Tonne nach dem Spreng-den-Bergweg-Verfahren gewonnen.

Es geht um Gewinne, Steuereinnahmen und Strom, es geht aber auch um eine artenreiche Landschaft, die zu den ältesten Gebirgszügen der Erde gehört.

Mitte des vorigen Jahrhunderts kamen Tausende Einwanderer aus Europa, angelockt von angeblich guten Löhnen in den Minen von West Virginia - und wurden dort von den Kohlekapitalisten fast wie Leibeigene behandelt. Ihre Werkzeuge mussten die Bergleute gegen hohe Gebühren leihen. Ihren Lohn erhielten sie in einer Währung, mit der sie nur in den firmeneigenen Läden bezahlen konnten. Auf diese Weise kamen die Minenbesitzer immer auf ihre Kosten: Wenn sie mit den Löhnen nach oben gehen mussten, erhöhten sie entsprechend die Preise.

Bis heute ist von den Kohlemillionen nicht viel in den Revieren West Virginias hängengeblieben. Entlang den Straßen hausen Menschen in schäbigen Trailerhomes, überall rosten Autowracks vor sich hin. West Virginia ist nach Mississippi der ärmste Bundesstaat in den USA.

Weder eine faire Bezahlung noch die Sicherheit der Bergleute hat die Bosse wirklich interessiert. Statistisch gesehen war es während des Ersten Weltkriegs sicherer, an der Front zu kämpfen, als in West Virginia Kohle zu hauen. Und gefährlich bleibt es bis heute: Im Januar 2006 erschütterte eine Explosion eine Mine in Sago - zwölf Männer wurden eingeschlossen und starben einen elenden Tod.

Der Industrie gilt die Schreckensbilanz unter Tage inzwischen als Argument, den Tagebau weiter voranzutreiben. Das Einebnen der Gipfel ("mountaintop mining") sei sicherer, billiger und vielerorts technisch die einzige Möglichkeit, die Flöze auszubeuten, sagen die Bergbaufirmen.

Zunächst entfernen gewaltige Bagger das Erdreich samt Bäumen - den "Abraum", wie die Arbeiter sagen. Dann bohren sie Löcher in den Fels, stecken Dynamit hinein und zünden: 50 Meter hoch fliegen Schiefer und Sandstein durch die Luft.

Das gelockerte Material schieben Raupen einfach in die Täler, wo es Bäume und Bäche unter sich begräbt. Die freigelegte Kohle laden die Arbeiter auf acht Meter hohe Lastwagen oder Förderbänder. Deutlich sind die weißgrauen Narben in der sonst tiefgrünen Landschaft auf Google Earth zu sehen.

Die Kohlefirmen sind zwar gehalten, den Zustand einigermaßen wieder herzustellen. Doch natürlich lassen sich die Wälder, in denen 130 verschiedene Baumarten vorkommen, niemals mehr ersetzen. Dafür wuchert die Ölweide Elaeagnus umbellata auf den Halden: ein aus Asien eingeschlepptes Grünzeug.

Aus dem Abraum fließt eine Brühe hervor, die mit Blei, Eisen, Mangan, Selen, und Schwefel belastet ist. Dadurch werden Flüsse und Brunnen bedroht - und genau deshalb hat die Umweltbehörde Epa jetzt erstmals Skrupel, das Verschieben ganzer Landschaften weiter zu dulden.

Ein totales Verbot müssen die Sprengmeister dennoch kaum fürchten, eher Auflagen und Geldstrafen. Denn so schmutzig ihre Kohle auch sein mag, die USA werden kaum darauf verzichten: Die Hälfte des US-Stroms wird daraus gewonnen.

Die bereits genehmigten Tagebaue in den Appalachen dürfen denn auch ungestört weitergehen. Kubikmeter um Kubikmeter raspeln sie über die Berge, immer näher an die Menschen heran.

Dabei hatte Therman Caudill, 82, immer gehofft, die Kohleindustrie werde wenigstens ihn verschonen. Sein Großvater wurde in einer Mine durch Steinschlag getötet, sein Vater verlor einen Teil des Augenlichts bei einem Grubenunfall.

"Ich wollte mit dem Bergbau nie was zu tun haben", sagt Caudill. Er wurde Dorflehrer und lebte in einem idyllischen Hochtal. Doch eines Tages zitterte das Geschirr im Schrank - der Berg hinterm Haus wurde stückweise weggesprengt.

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