AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2009

Umwelt Berge ohne Spitzen

In den US-amerikanischen Appalachen werden Hunderte Gipfel weggesprengt, um an Kohle heranzukommen. Viel zu spät bemüht sich die Umweltbehörde um den Schutz der artenreichen Natur.


Früher holten sie die Kohle aus dem Berg. Aber es geht auch anders: In den Appalachen sprengen sie einfach den Berg, um an die Kohle zu kommen.

Was das mit dem Land anstellt, kann erfassen, wer auf den Kayford Mountain im Südwesten des US-Staates West Virginia klettert. Der Berg ist 730 Meter hoch und gehört seit drei Generationen Larry Gibson und seiner Familie. Hier oben haben sie Kinder geboren, haben Schnaps gebrannt, Kühe gemolken und Eichhörnchen gejagt.

Vor vier Jahren war der Ort ringsum noch von dichtbewaldeten Gipfeln überragt. Jetzt geht der Blick nach unten - auf kahle Plateaus. "Unser war immer der kleinste Berg hier", sagt Larry Gibson, 63. "Jetzt ist er der höchste."

Ginge es nach der Bergbaufirma Magnum, wäre Kayford Mountain wohl ebenfalls längst geschleift. Denn auch er ist von Flözen durchzogen, an manchen Stellen bröselt die Steinkohle aus dem Boden.

150.000 Dollar habe ein Landaufkäufer damals geboten, erzählt Gibson. Die Familie hat es ausgeschlagen, und seither kämpft er gegen die Kohle-Leute. Er ist Sohn eines Bergmanns und hat die Branche früh hassen gelernt. "Ich habe gesehen, wie mein Vater aus den Stollen gekrochen ist."

Gearbeitet hat Gibson drüben, in Ohio, in einer Autofabrik von General Motors. Erst jetzt, nach seiner Pensionierung, ist er zum Hüter seines Berges geworden. Das Land haben er und seine Familie einer Stiftung übertragen, damit es niemals an die Bergbaufirmen fällt. Nun dient der Gipfel als Ausguck, von dem aus Gibson Besuchern die Verwüstungen zeigt.

Nur 1,52 Meter ist er groß, und er hat eine kleine Beretta mit neun Schuss - ein widerspenstiger David, um den sich der Goliath nicht weiter scherte. Mehr als 400 Berge haben sie in den vergangenen Jahren plattgemacht - und feiern es als technische Meisterleistung.

"Wir sind die kreativste und innovativste Industrie der Welt", sagt Jason Bostic von der West Virginia Coal Association. Er ist ein schwerer Mann in einem zu engen Anzug. Er kaut Kaugummi und lungert im State Capitol von West Virginia in Charleston herum. Das ist sein Beruf. Bostic ist Lobbyist und versucht, etwaige Einwände, die Politiker gegen das Sprengen der Berge haben könnten, zu zerstreuen.

Bis vor kurzem war das ein leichter Job. Mit George W. Bush saß ein Mann im Weißen Haus, der den Abbau der heimischen Kohle ausdrücklich begrüßte. Umweltprobleme wurden hintangestellt.

In den Bush-Jahren haben sie in West Virginia, aber auch im angrenzenden Kentucky, in Virginia und Tennessee, ganze Landstriche ein paar hundert Meter tiefergelegt. Wenn das so weitergeht, dann könnten bis zum Jahr 2012 knapp sieben Prozent der Appalachenwälder betroffen sein.

Doch seit Barack Obama regiert, gestaltet sich Bostics Geschäft schwieriger. Die Umweltbehörde Epa in der Hauptstadt Washington hat Ende März "erhebliche Bedenken" gegen zwei beantragte Tagebaue geäußert. Etwa 50 weitere Pläne werden erst einmal zurückgestellt. Die Behörde will prüfen, ob die Projekte das Wasser verseuchen könnten.



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