AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 17/2009

Integration Raus aus dem Hinterhof

Seit fast drei Jahrzehnten diskutieren Muslimvertreter und Politiker über islamischen Religionsunterricht an deutschen Schulen. Jetzt zeichnet sich eine pragmatische Lösung ab.

Von , Andrea Brandt und


Spät am Vormittag, etwa in der Mitte der fünften Stunde, stoßen 16 muslimische Schüler in der Hauptschule von Dinslaken-Lohberg auf eine der großen Fragen von Religion und Toleranz.

Es geht um den Lichtvers in einer der wichtigsten Suren des Koran. "Gott führt zu seinem Licht, wen er will", lautet ein Satz aus der deutschen Übersetzung, die Islamkundelehrerin Lamya Kaddor gerade in der Klasse 10 A 1 verteilt hat. Und ein 16-jähriges Mädchen aus der letzten Reihe ist sich auch sofort sicher, wer damit gemeint sein soll: "nur Muslime".

Da hält es die Lehrerin, selbst eine gläubige Muslimin, nicht mehr hinter ihrem Pult. "Das ist Quatsch", ruft sie in den Klassenraum: "Denkt nach!" Es wäre doch "absurd", argumentiert Lamya Kaddor, "wenn Gott, der Schöpfer aller Menschen, mehr als zwei Drittel der Menschheit in die Hölle schicken würde, nur weil sie nicht als Muslime zur Welt kamen."

Solche Sätze aus dem Mund muslimischer Lehrkräfte zu muslimischen Schülern sind eine Rarität in deutschen Klassenräumen - obwohl Schul- und Integrationspolitiker längst erkannt haben, dass es enorm wichtige Sätze sind. Spätestens seit in den Wirkungsstätten islamistischer Hassprediger wie dem Multi-Kultur-Haus in Neu-Ulm religiös begründete, aggressive Aufrufe zum Kampf gegen Andersgläubige gefunden wurden, drängen auch Sicherheitspolitiker wie Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU): Es sei höchste Zeit, den über 750 000 muslimischen Schülern in Deutschland einen eigenen, staatlich beaufsichtigten und deutschsprachigen Religionsunterricht anzubieten.

Schäuble hat diese Erkenntnis zu einem Kernthema der seit 2006 tagenden Islamkonferenz gemacht, die das Zusammenleben von Christen und Muslimen in Deutschland entkrampfen soll. "Wir wollen diese Schülerinnen und Schüler nicht den unkontrollierten Hinterhof-Koranschulen überlassen", sekundierte kürzlich die hessische Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) - und startet nun einen neuen Anlauf für das in Hessen seit Jahren so ausgiebig wie erfolglos debattierte Unterrichtsprojekt.

Es wird auch Zeit. Angesichts des steigenden Muslimanteils in der Bevölkerung verträgt das Thema keinen Aufschub mehr. Nötig sind pragmatische Lösungen und ein Verzicht auf Maximalforderungen. Und einige der von Westbundesländern angeschobenen Modellversuche zeigen auch, wie Islamunterricht in deutschen Schulen etabliert werden könnte.

Die Frage ist indes: Auf welche Art Unterricht lassen sich die höchst heterogenen Muslimgruppen in Deutschland ein?

Jene Verbände, die sich zu einem "Koordinierungsrat der Muslime" (KRM) zusammengeschlossen haben, fordern schon seit Jahren islamischen Religionsunterricht als benotetes Schulfach. Sie drängen auf Gleichbehandlung mit den christlichen Kirchen und anderen Glaubensgemeinschaften - und können sich dabei auf das Grundgesetz berufen. Mit Ausnahme der Stadtstaaten Berlin und Bremen, für die eine Sonderregelung gilt, verpflichtet die Verfassung die Bundesländer, an öffentlichen Schulen einen Religionsunterricht anzubieten, der in Zusammenarbeit mit bestehenden "Religionsgemeinschaften" konzipiert und erteilt wird.

Doch von den islamischen Gruppierungen haben es bisher nur die zahlenmäßig eher kleinen Gemeinden der westlich orientierten Aleviten geschafft, einen Glaubensunterricht nach dem Vorbild des katholischen oder evangelischen Religionsunterrichts zu erkämpfen. Sie dürfen die im Unterricht behandelten Glaubensinhalte in Absprache mit den Kultusbehörden festlegen und darüber hinaus auch bei den Kriterien für die Lehrerauswahl mitreden.

Für die große Mehrheit der mehr als drei Millionen in Deutschland lebenden Muslime, die Sunniten und Schiiten, halten die Bundesländer dagegen bislang lediglich Versuchsprojekte vor: In Baden-Württemberg beispielsweise an nur 10 der rund 4700 allgemeinbildenden öffentlichen Schulen des Landes, in Niedersachsen an 29, in Rheinland-Pfalz an 3 Schulen.

Am weitesten hat sich Nordrhein-Westfalen vorgewagt, zumindest flächenmäßig: 128 Schulen nehmen an dem 1999 gestarteten Modellversuch für Islamkundeunterricht teil. Lehrerinnen wie Lamya Kaddor aus der Dinslakener Hauptschule sind für ihre Schüler auch zu Ansprechpartnern in Alltagsfragen geworden. Ihr Job sei es, den Schülern dann zu erklären, dass der Islam oft mehrere Antworten geben kann, sagt Kaddor: konservative und liberale.

So hatte eine 16-jährige Schülerin in der 10 A 1 vor einigen Wochen wissen wollen, ob sie ein Kopftuch tragen müsse. Kaddor widmete dem Thema spontan eine Islamkundestunde und erzählte von der historischen Schutzfunktion des Kopftuchs vor der Begierde der Männer. Die Lehrerin, selbst ohne Kopfbedeckung, sagte auch ihre eigene Meinung: "Heute rennt mir in Deutschland kein Mann hinterher, nur weil ich schöne Haare habe."

Die Schülerin entschied sich schließlich gegen das Kopftuch, "weil das in dieser Gesellschaft nicht nötig ist". Zwei Klassenkameradinnen blieben bei ihrer Kopfbedeckung, aus muslimischer Tradition. Auch das ist für die Islamwissenschaftlerin Kaddor in Ordnung: "Die Schüler sollen bei mir lernen, selbständig über ihren Glauben nachzudenken und in Religionsfragen mündig zu handeln."

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