Konzerne: Die Stunde des Alten
Der Milliardär und Machtmensch Ferdinand Piëch galt schon als abgeschrieben, jetzt ruht die Hoffnung seines Clans wieder auf ihm. Denn Porsche hat sich mit der VW-Übernahme verhoben, Unternehmenslenker Wendelin Wiedeking hat die Gunst seiner Gesellschafter verspielt.
Ein einziger Satz offenbarte die neuen Machtverhältnisse in Europas größtem Autokonzern. Auf der Bühne des Congress Center Hamburg saßen am Donnerstag vergangener Woche die Vertreter der größten VW-Aktionäre: Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff, Wolfgang Porsche sowie die Porsche-Manager Wendelin Wiedeking und Holger Härter. Auch ein älterer Herr hatte dort Platz genommen. Er war zuvor mit Gattin Ursula hereinspaziert und leitete nun erkennbar vergnügt die Hautversammlung des VW-Konzerns: Ferdinand Piëch.
Den Antrag eines VW-Aktionärs beantwortete der Porsche-Miteigentümer und Aufsichtsratschef von VW nicht mit der Floskel: Aufsichtsrat oder Vorstand hätten beschlossen. Piëch sagte leise, aber vernehmbar: "Ich habe jetzt entschieden."
Das genügte. Piëchs Wort zählt - jetzt wieder. Zwei andere dagegen, die lange als Superstars der deutschen Industrie galten, mussten auf der Bühne Haltung wahren. Freundlich und nett mussten sie dreinblicken. Obwohl klar ist, dass die beiden wohl bald ihren Job los sind: Porsche-Boss Wiedeking und sein Finanzchef Härter.
Den beiden Managern werden schwerwiegende Fehler vorgeworfen, die Porsche in eine bedrohliche Lage gebracht haben (SPIEGEL 17/2009). In großen Teilen des Porsche-Piëch-Clans ist das Urteil über die Planer der Aktion VW-Übernahme gefällt: Sie müssen an Bord bleiben, bis eine Lösung für die Neun-Milliarden-Schuldenlast von Porsche gefunden ist. Dann sollen sie gehen. "Das ist keine Frage von Jahren, sondern nur noch eine von ein paar Monaten", sagt ein Vertrauter der Familie.
Piëch aber, der Autofanatiker, der einst als Porsche-Manager, Audi- und später VW-Chef wirkte, hält das Steuer wieder fester denn je in der Hand. Der Mann ist ein Phänomen.
Kaum ein Industrieller wurde so oft abgeschrieben und kam kurz darauf umso mächtiger wieder zurück. Kaum einer versteht es so meisterhaft, an den Fäden der Macht zu ziehen wie der Enkel des Käfer-Konstrukteurs Ferdinand Porsche.
Und jetzt steht Piëch kurz vor Vollendung seines großen Ziels: eines Autokonzerns mit acht Pkw- und drei Lkw-Marken, dessen Produktpalette vom Drei-Liter-Auto bis zum 44-Tonner reicht; dessen größter Anteilseigner die Familien Porsche und Piëch sind - und in dem Ferdinand Piëch und seine Vertrauten die entscheidenden Positionen besetzen.
Es ist erst ein paar Monate her, dass große Teile des Porsche-Piëch-Clans ihn als Aufsichtsratschef bei VW ablösen wollten. Der Milliardär aus Österreich hatte im VW-Aufsichtsrat den Arbeitnehmervertretern zu einem Abstimmungssieg verholfen - gegen Wolfgang Porsche und die Porsche-Manager im VW-Kontrollgremium.
Viele Familienmitglieder hatten genug von den Alleingängen des Ferdinand Piëch. Sie wollten ihn entmachten. In der Porsche-Holding hatte sein Cousin Wolfgang Porsche den Aufsichtsratsvorsitz übernommen. Und diese Holding sollte das neue Führungsgremium für das Autoreich Porsche-VW werden.
Doch plötzlich ist alles wieder ganz anders. Porsche steckt in der schwersten Krise seit über 15 Jahren. Der kleine Sportwagenhersteller hat sich mit der Übernahme des Autoriesen aus Wolfsburg übernommen. Er ist hochverschuldet und muss für 3,3 Milliarden Euro binnen weniger Monate eine neue Finanzierungsquelle finden. Und dies wird nur mit Ferdinand Piëch und zu seinen Bedingungen gelingen.
Noch rechnen Finanzexperten, noch prüfen Juristen, auf welchem Weg der VW-Konzern einige seiner 10,7 Milliarden an Barvermögen der notleidenden Mutter Porsche zukommen lassen kann. Klar scheint, dass Porsche ein Teil des VW-Konzerns wird. Das Geschäft führt dann der VW-Vorstand mit Martin Winterkorn an der Spitze, kontrolliert vom VW-Aufsichtsrat mit dessen Chef Piëch.
Die Porsche-Holding, in der die verzweigten Familien ihre Anteile bündeln, kann weiter von Wolfgang Porsche kontrolliert werden. Aber sie wird kaum noch eine Funktion ausüben.
Auslöser dieser tektonischen Verschiebungen im Machtgefüge des Porsche-VW-Konzerns sind Ereignisse rund um den Jahreswechsel 2008/09. Porsche besaß bereits 42 Prozent der Stammaktien des VW-Konzerns. Die Stuttgarter hatten dank der bis dahin höchst erfolgreichen Optionsgeschäfte des Finanzexperten Härter so viel Geld an den Börsen verdient, dass sie für den Erwerb dieses Aktienpakets gerade mal drei Milliarden Euro Schulden aufnehmen mussten.
- 1. Teil: Die Stunde des Alten
- 2. Teil: "Wir drehen ein großes Rad"
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© DER SPIEGEL 18/2009
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