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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2009

SPIEGEL-Gespräch: "Wow! Mehr davon"

Die österreichische Triathletin und Kronzeugin Lisa Hütthaler, 25, über Epo im Kühlschrank, die Auswirkungen von Testosteron und die Angst, verrückt zu werden durch das Leben in einer Parallelwelt.

SPIEGEL: Frau Hütthaler, Sie haben durch Ihr Geständnis und die Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft ein ganzes Dopingnetzwerk auffliegen lassen. Es folgten Razzien und Festnahmen, wie die des Sportmanagers Stefan Matschiner. Fühlen Sie sich befreit?

Hütthaler: In diesem Moment fühle ich mich einsam und irgendwie leer. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Ich habe ausgesagt, weil ich einfach nicht mehr konnte. Matschiner hat eine Familie, ein kleines Kind, aber er hat sich, wie viele andere, strafbar gemacht. Auch ich habe eine Familie, ich habe Eltern und Verwandte, die mit den Konsequenzen leben müssen.

SPIEGEL: Nach dem Geständnis hat die Nationale Anti-Doping-Agentur Ihre Sperre von sechs Jahren auf 18 Monate verkürzt.

Hütthaler: Das ist nett, war mir aber egal. Als ich mich im Dezember entschieden habe, aus diesem Lügengebäude auszubrechen, stand für mich fest, dass ich meine Karriere danach beenden werde.

SPIEGEL: Warum?

Hütthaler: Weil das der einzige Weg ist, wieder halbwegs gesund zu werden.

SPIEGEL: Woran leiden Sie?

Hütthaler: Mein Körper und meine Psyche sind kaputt. Ich habe während der letzten drei Jahre ohne Gnade gelogen. Fängt man einmal damit an, kommt man da nicht mehr raus. Zum Schluss wusste ich nicht mehr, wem ich was erzählt habe. Das endete im psychischen Totalstress. Davon abgesehen wird sich mein Körper wahrscheinlich nie mehr erholen.

SPIEGEL: Wovon?

Hütthaler: Ich habe mir zwei Jahre lang Testosteron und Wachstumshormon gespritzt. Meine Periode setzte aus, meine Schultern wurden breiter. Männliche Hormone verändern einen Frauenkörper extrem. Damit habe ich sehr zu kämpfen.

SPIEGEL: Wann hat das alles begonnen?

Hütthaler: Eigentlich bin ich, als ich meinen Ex-Freund kennengelernt habe, falsch abgebogen. Ich hatte gerade mit 17 Jahren meine Matura auf dem Sportgymnasium gemacht und begonnen, Informationstechnologie und Management zu studieren. Um ein bisschen Geld nebenbei zu verdienen, habe ich eine Fortbildung zur Spinning-Lehrerin im Fitnessstudio gemacht. Mein Ex-Freund besuchte denselben Kurs, er war schon damals ein erfolgreicher Hobbytriathlet. Eines Morgens stellte er mir ein Rad hin und sagte: Schatz, auf geht's! Die erste Fahrt war gleich 100 Kilometer lang. Am nächsten Tag liefen wir 18 Kilometer. Ich war überrascht, wie gut ich mithalten konnte. Nach drei Monaten setzte die Müdigkeit ein. Erst wurde ich schlapp vom Radfahren, erhöhte deshalb mein Laufpensum, und als ich davon müde wurde, steigerte ich mein Schwimmtraining. Als meine Schulter zu schmerzen begann, musste ich pausieren.

SPIEGEL: Das klingt nach übertriebenem Ehrgeiz. Wann hatten Sie den ersten Kontakt mit Doping?

Hütthaler: Damals habe ich noch nicht an Wettkämpfen teilgenommen, Sport war mein wichtigstes Hobby. Die Clique meines Ex-Freundes bereitete sich im Sommer 2001 auf den Ironman auf Hawaii vor. Beim gemeinsamen Training lernte ich schnell, dass es fünf entscheidende Faktoren im Sport gibt: Training, Ernährung, Umfeld, Regeneration - und Doping.

SPIEGEL: Doping war ganz selbstverständlich ein Thema?

Hütthaler: Ja. Das war ein Gesprächsthema wie jedes andere. Meine neuen Freunde setzten sich die Spritzen locker in den Po.

SPIEGEL: Sie sprechen von Hobbysportlern?

Hütthaler: Vergessen Sie das Märchen, es werde nur unter Profis gedopt. Das beginnt schon bei ambitionierten Hobbysportlern.

SPIEGEL: Hatten Sie keine Zweifel?

Hütthaler: Am Anfang habe ich noch gefragt, womit die Spritzen gefüllt seien. Vitamin C oder so, sagten sie. Mit der Zeit habe ich kapiert, dass man nur gedopt Erfolg haben kann. Mein Ex-Freund lagerte die Spritzen im Kühlschrank, sie waren unsere ständige Begleitung.

SPIEGEL: Womit waren sie gefüllt?

Hütthaler: Das habe ich nicht gefragt. Vielleicht hätte er es mir sogar gesagt, aber in Wahrheit wollte ich es gar nicht wissen. Ich war naiv, für mich bedeutete diese Art des Lebens die große weite Welt. Ich war die einzige Frau in einer Männertrainingsgruppe. Ich dachte: Hey, wow, cool! Lauter Männer, und ich hielt mit.

SPIEGEL: Wann haben Sie sich die erste Spritze aus dem Kühlschrank genommen?

Hütthaler: So einfach geht das nicht. Gratis gibt dir in der Szene keiner was ab. Das erste Mal darüber nachgedacht habe ich im Herbst 2005. Ich wurde 22, hatte gerade mein Kollegstudium abgeschlossen und sehr hart trainiert. Bei den Österreichischen Staatsmeisterschaften im Juni 2005 wurde ich im Kurztriathlon Dritte. Das klingt zwar nett, ist aber Kleinkram. Damit wird man nicht reich. Ich wollte den eingebauten Epo-Motor spüren, von dem die anderen erzählten. Außerdem hatte ich immer Gewichtsprobleme.

SPIEGEL: Sie wollten dopen, um abzunehmen?

Hütthaler: Ich habe beobachtet, dass die anderen abnahmen, sobald sie ihre Spritzen setzten. Ich dachte, hey, das will ich auch. Endlich nicht mehr ständig gegen den Hunger ankämpfen müssen. Für mich stand fest: Dünner bedeutet schneller.

SPIEGEL: Wer hat Ihnen geholfen, die Dopingsubstanzen zu besorgen?

Hütthaler: Andreas Zoubek, der ehemalige stellvertretende Leiter des St. Anna Kinderspitals in Wien. Das erste Mal habe ich ihn 2003 auf Hawaii getroffen. Zoubek ist einer, der gern im Mittelpunkt steht und einem bei Wettkämpfen auf die Schultern klopft. Manchmal gingen wir gemeinsam joggen. Mit der Zeit vertraute ich ihm. Ich hatte gehört, dass er sich mit Doping sehr gut auskennt. Anfang 2006 war ich mir dann sicher, selber dopen zu wollen. Ich fragte ihn, ob er mir helfen könne. Ich konnte den Einstieg ja nicht ohne professionelle Hilfe durchziehen. Er hat mir in seinem Büro im Krankenhaus erklärt, dass ich für die Blutdopingeinnahme bestimmte Dinge beachten müsse.

SPIEGEL: Was?

Hütthaler: Man braucht einen erhöhten Eisenwert. Das Eisen ist für die Bildung der roten Blutkörperchen notwendig. Zoubek hat mir Eisen gespritzt, um meinen Körper auf das Epo vorzubereiten.

SPIEGEL: Hatten Sie ein schlechtes Gewissen?

Hütthaler: Nein, ich dachte, jetzt geht's endlich los. Da war auch keine Angst. Ich wusste ja, wann man sich wie was spritzt.

SPIEGEL: Hat Zoubek Ihnen auch Epo verabreicht?

Hütthaler: Ja, aber nach einigen Monaten sagte er, ich sei nun in einer Liga, in der ich aufpassen müsse, nicht erwischt zu werden. Er kenne sich da nicht gut genug aus, könne mich aber an jemanden vermitteln.

SPIEGEL: Zoubek hat bisher alle Anschuldigungen abgestritten.

Hütthaler: Davon habe ich gehört. Dabei war er derjenige, der mein erstes Treffen mit dem Sportmanager Matschiner im Mai 2007 organisierte. Damals war ich schon im Elite-Kader des Österreichischen Triathlonverbandes.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 49 Beiträge
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1. ...
silenced 01.05.2009
Wie schon so oft angemerkt: Sollen Doping endlich legalisieren und freigeben. Spart ein Haufen Geld und man hat jedes Jahr wie von alleine die vom Zuschauer "gewünschten" Rekorde und Doping-Toten. Das dauert dann nicht lang und Doping wird von selbst verschwinden, da kein Sportler mehr Lust haben wird auf diese Risiken und vor allem Nebenwirkungen.
2. erschütternd
r.zmudzinski, 01.05.2009
Den Bericht finde ich erschütternd, aber ich habe auch Respekt vor und Sympathie für Frau Hütthaler! "Wir Sportler sind auch Kinder eines kranken Systems," - sagt sie und Recht hat sie!
3. Doping
don_tango 01.05.2009
Hätte Jan Ullrich so ein interessantes Interview gegeben, so könnte er heute wieder erhobenen Hauptes anderen Leuten ins Gesicht sehen. War der im Winter nicht auch immer auffällig dick...? An der Frau kann sich manch ein Sportler eine Scheibe abschneiden. Alle Karten auf den Tisch legen und seine Vergangenheit konsequent aufarbeiten ist die einzige Lösung zum Doping-Geschwür.
4. !
ent 01.05.2009
Zitat von silencedWie schon so oft angemerkt: Sollen Doping endlich legalisieren und freigeben. Spart ein Haufen Geld und man hat jedes Jahr wie von alleine die vom Zuschauer "gewünschten" Rekorde und Doping-Toten. Das dauert dann nicht lang und Doping wird von selbst verschwinden, da kein Sportler mehr Lust haben wird auf diese Risiken und vor allem Nebenwirkungen.
sollte doping legalisiert werden, könnte rechtlich gesehen, legal nach immer besseren dopingmethoden geforscht werden, ein ganz neuer industriezweig würde entstehen. eine neue grauzone würde sich auftun, nämlich das doping an kindern, um übermenschliche maschinen heranzuzüchten... doping darf keinesfalls legalisiert werden!
5. ...
M. Michaelis 01.05.2009
Zitat von sysopDie österreichische Triathletin und Kronzeugin Lisa Hütthaler, 25, über Epo im Kühlschrank, die Auswirkungen von Testosteron und die Angst, verrückt zu werden durch das Leben in einer Parallelwelt. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,621732,00.html
Man kann es leider nicht anders sagen Leistungssport und Betrug gehören untrennbar zusammen. Im Leistungssport wird systematisch und regelhaft betrogen. Es wird höchste Zeit die lächerlichen Huldigungen durch Politik und Medien zu beenden. Der Leistungssport ist ein Geschäft und Plattform narzistischer Selbstverwirklichung um jeden Preis. Leistungssportler sind keine tauglichen Vorbilder.
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Gedopte Hütthaler: Körper und Psyche kaputt

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