AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2009

SPIEGEL-Gespräch "Weltformel der Seele"

Der Psychiater Florian Holsboer über seine Suche nach den Genen der Depression, die molekularbiologischen Ursachen psychischer Krankheiten und die Therapie noch nicht ausgebrochener Hirnleiden.


SPIEGEL: Herr Holsboer, welch ein passendes Ambiente für unser Gespräch das Museum Ihres Instituts bietet! Wohin man schaut: eingelegte Gehirne, Schubladen voller historischer Präparate ...

Holsboer: Phantastisch, nicht? Raten Sie, wer diesen Hirnschnitt gemacht hat! Alois Alzheimer persönlich! Und hier: eine Arteriosklerose, etwa hundert Jahre alt. Das hier ist eine Epilepsie ...

SPIEGEL: Schwer vorstellbar, dass sich in dieser grauen Materie all unser Denken und Fühlen abspielt. Frühe Kindheitstraumata sind darin ebenso gespeichert wie die erste Liebe. Sie selbst haben in New York die Anschläge vom 11. September 2001 erlebt. Wie hat sich dieses Jahrhunderttrauma auf Sie ausgewirkt?

Holsboer: Ich packte gerade im Hotel meinen Koffer, schaute aus dem Fenster und sah 400 Meter Luftlinie entfernt ein Riesenloch in einem der Türme des World Trade Center. Dann flog ein Flugzeug in den zweiten Tower. Als die Türme zusammengestürzt waren, pustete die Klimaanlage diesen fürchterlichen Gestank in die Zimmer. Ich habe allergisches Asthma. Das war sehr unangenehm.

SPIEGEL: Was haben Sie empfunden?

Holsboer: Seltsamerweise zunächst nichts Besonderes. Ich war sehr erstaunt und habe versucht, kühl zu analysieren, was los war. Eine Art Selbstschutz. Sonst hätte es mich sicher mit heruntergerissen, dass Tausende Menschen quasi vor meinem Fenster starben. Ich weiß bis heute nicht, warum ich vier Stunden später zum Friseur gegangen bin. Ich wollte wohl mit jemandem reden. Dann kam mir der Gedanke, dass sich eine historische Chance für die Forschung bot.

SPIEGEL: Dieses Ereignis, das die halbe Welt in Schockstarre versetzte, weckte in Ihnen vor allem wissenschaftliche Neugier?

Holsboer: Ja, als sich abzeichnete, dass viele Überlebende der Anschläge eine posttraumatische Belastungserkrankung entwickeln würden, andere aber nicht. Wir haben ein Projekt gestartet, um herauszufinden, was die einen von den anderen unterscheidet. Wir vergleichen das Genom von gesunden Probanden mit dem von kranken und suchen jene Biomarker, die die psychische Krankheit anzeigen. Die Messungen nimmt ein Roboter vor. Da rattert es, und heraus kommt die Aktivität Tausender Gene. Tatsächlich wissen wir jetzt, dass bei denjenigen, die krank wurden, einige Gene anders reguliert werden.

SPIEGEL: Es hängt von einem Genschnipsel ab, ob jemand nach einem Terroranschlag von Panikattacken und Schlafstörungen geplagt wird? Hat es nicht eher damit zu tun, ob man in der Kindheit einen Knacks bekam oder sich generell einsam fühlt?

Holsboer: Man kann die Biografie nicht trennen von dem, was auf unseren Genen passiert. Äußere Ereignisse verändern zwar nicht die Gene selbst, aber die Genregulation. Die Wechselwirkung zwischen Veranlagung und äußerer Ursache führt zur Stoffwechselstörung im Hirn.

SPIEGEL: Also interessieren Sie sich in dem Projekt auch für Biografien?

Holsboer: Ja, wir fragen nach früheren Missbrauchserlebnissen oder Ähnlichem, um Teilnehmer auszuschließen, die schon vorher biochemische Narben im Gehirn davongetragen haben könnten. Nur so können Sie Veränderungen in den Biomarkern eindeutig diesem Trauma zuordnen.

SPIEGEL: Die Lebensumstände sind für Sie nur Störfaktoren innerhalb der Studie? Das klingt, als sei die Hinwendung zur Person bei Ihnen gleichbedeutend mit der Hinwendung zu den Molekülen.

Holsboer: Als Wissenschaftler konzentriere ich mich auf das Messbare, auf Moleküle und Schaltkreise. Denn dort sitzen ja die Ursachen für Depressionen und Angststörungen. Als Arzt befasse ich mich natürlich mit der ganzen Person.

SPIEGEL: Was hat Sie persönlich davor bewahrt, psychisch krank zu werden?

Holsboer: Ich bin das typische Nachkriegskind. Wir haben in den Ruinen gespielt, ab und zu ging eine Bombe hoch, dann waren wir einer weniger. Man ist in einer anderen Welt aufgewachsen, da wird die Widerstandsfähigkeit größer. Meine Eltern waren beide Schauspieler. Meine Mutter flirtete sehr gern. Männer tauchten auf und verschwanden. Ich war noch klein, als ich einen Stiefvater bekam. Ich wurde zu fremden Leuten in Pension gegeben, manchmal monatelang.

SPIEGEL: Der Inbegriff einer traumatischen Kindheit!

Holsboer: Gar nicht. Die Eltern kamen ja immer wieder. Oder einer davon. Sie haben mir doch eine große Sicherheit gegeben, dass ich nicht verlorengehe. Aber sicher, es hätte auch schiefgehen können.

SPIEGEL: Eigenartig, dass gerade Sie auf die Frage nach schützenden Faktoren zuerst Ihre Lebensumstände nennen. War es nicht irgendetwas Biologisches?

Holsboer: Mit Sicherheit! Vermutlich hat mich eine gute Erbsubstanz geschützt. Ja, ich glaube, ich habe eine robuste Veranlagung mitbekommen.

SPIEGEL: Waren Sie jemals depressiv?

Holsboer: Ich kenne durchaus Stimmungsschwankungen, die über das normale Maß hinausgehen. Manchmal bin ich vor Energie zum Leidwesen meiner Umgebung gar nicht mehr zu stoppen, und dann wieder strengt mich alles sehr an.



Forum - Pille oder Therapie – was hilft besser gegen Depressionen?
insgesamt 713 Beiträge
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Seite 1
Gertrud Stamm-Holz 25.04.2009
1.
Zitat von sysopDepressionen plagen immer mehr Menschen. Was man dagegen tun soll, ist häufig umstritten. Pille oder Therapie - was ist das beste Mittel gegen die neue Volkskrankheit?
Depressionen sind keine NEUE Volkskrankheit. Man redet zwischenzeitlich nur darüber. Gerne sogar die gar nicht betroffenen Theoretiker. Mitsamt ihren geldbringenden Behandlungsvorschlägen. Pille oder Therapie bedeuten auf jeden Fall ertsmal die Verantwortung für die eigenen Probleme aus der Hand zu geben. Ein Helferlein muss her. Selber weiss man nichts, kann es sich nicht erklären, will es allen rechtmachen und weiss nicht wie weiter. Ich persönlich war als Kind schon depressiv, habe mit meinen Phasen leben gelernt, weiss woher und wieso und habe noch nie weder das eine noch das andere in Anspruch genommen. Trotz schwerster Durchhänger aktuell über den Winter.
de.nada 25.04.2009
2.
Zitat von Gertrud Stamm-HolzDepressionen sind keine NEUE Volkskrankheit. Man redet zwischenzeitlich nur darüber. Gerne sogar die gar nicht betroffenen Theoretiker. Mitsamt ihren geldbringenden Behandlungsvorschlägen. Pille oder Therapie bedeuten auf jeden Fall ertsmal die Verantwortung für die eigenen Probleme aus der Hand zu geben. Ein Helferlein muss her. Selber weiss man nichts, kann es sich nicht erklären, will es allen rechtmachen und weiss nicht wie weiter. Ich persönlich war als Kind schon depressiv, habe mit meinen Phasen leben gelernt, weiss woher und wieso und habe noch nie weder das eine noch das andere in Anspruch genommen. Trotz schwerster Durchhänger aktuell über den Winter.
Sein Sie mir ja nicht dankbar für den guten Hinweis zum "ansteckenden Glück". ;) Das Thema hier heißt »Depression« nicht »Durchhänger«. Was Sie im Winter genau hatten kann ich Ihnen sicher nicht sagen, aber jemand mit einer echten Depression schreibt nicht in so einem Forum Beiträge, der "verödet" ohne sozialen Kontakt und hat noch nicht mal die Motivation sich dahingehend zu äußern oder sich selber um Abhilfe zu bemühen. Ein depressiver Mensch sagt niemandem das er "durchhängt". Nach Wikipedia Eintrag ist aber Depression auch als "alle Zustände bei denen man sich nicht freut" zu bezeichnen. Kann also durchaus sein, daß Sie depressive Störungen hatten, ich dachte aber nicht, daß Sie, wenn's um aus Ihrer Sicht ernsthafte Depression geht, solche blumigen Wort parat haben können wie "ertrinke um die Jahreszeit immer in tiefen Depressionen" klingt eher nach selbst bestätigender Erfüllung der eignen Erwartung. Kennt man in Finnland auch, das mit der Jahreszeit, wegen mangelndem Tageslicht. Da gib es Lichttherapien die so was ähnliches sind wie 5-10 Minuten vorm Gesichtsbräuner sitzen, gibt's auch für Nachtschitarbeiter. Das sind natürliche Wellenlängen ohne UV-Bräunungseffekt. Das stimuliert die Biochemie wie die ersten Minuten eines Sonnenbades. Da sind auch nur die ersten Minuten anregend, interessanter Weise völlig Kulturunabhängig, mit ganz ähnlichen Gedanken des Sonnenbadenden verbunden. Auch beim normalen Sonnenbaden stimulieren nur die ersten paar Minuten, danach ist die Sonnenschein Wirkung nur ermüdend für den Organismus. Steht so in einem GEO Heft. Vielleicht probieren Sie's im nächsten Winter mal aus ?
moordruide 25.04.2009
3. Depressionen
Warten wir die Bremer Affenversuche ab, weder Pille noch Therapie, einfach ein bißchen Elektrizität. Das ist die Therapie der Zukunft, wenn wir gelernt haben, die Karte namens Gehirn zu lesen. Aber mich bitte wegen dieser Aussage nicht gleich wieder wüst beschimpfen.
Gockeline 25.04.2009
4. Nehmen seit 10 Jahren erschreckend unaufhörlich zu..
weil jeder zu hohe Anforderung hat oder bekommt von anderen. Im Beruf,in der Freizeit,in der Familie und ständig Überreizung von allen Seiten.Eine Pille,nein! Aber Gespräche ,ja! Dazu den Mut seinen eigenen Weg zu gehen gegen den Strom. Nicht mehr perfekt sein,oder lieb und freundlich wenn andere einen ausnehmen.
Gertrud Stamm-Holz 25.04.2009
5.
Zitat von de.nadaSein Sie mir ja nicht dankbar für den guten Hinweis zum "ansteckenden Glück". ;) Das Thema hier heißt »Depression« nicht »Durchhänger«. Was Sie im Winter genau hatten kann ich Ihnen sicher nicht sagen, aber jemand mit einer echten Depression schreibt nicht in so einem Forum Beiträge, der "verödet" ohne sozialen Kontakt und hat noch nicht mal die Motivation sich dahingehend zu äußern oder sich selber um Abhilfe zu bemühen. Ein depressiver Mensch sagt niemandem das er "durchhängt". Nach Wikipedia Eintrag ist aber Depression auch als "alle Zustände bei denen man sich nicht freut" zu bezeichnen. Kann also durchaus sein, daß Sie depressive Störungen hatten, ich dachte aber nicht, daß Sie, wenn's um aus Ihrer Sicht ernsthafte Depression geht, solche blumigen Wort parat haben können wie "ertrinke um die Jahreszeit immer in tiefen Depressionen" klingt eher nach selbst bestätigender Erfüllung der eignen Erwartung. Kennt man in Finnland auch, das mit der Jahreszeit, wegen mangelndem Tageslicht. Da gib es Lichttherapien die so was ähnliches sind wie 5-10 Minuten vorm Gesichtsbräuner sitzen, gibt's auch für Nachtschitarbeiter. Das sind natürliche Wellenlängen ohne UV-Bräunungseffekt. Das stimuliert die Biochemie wie die ersten Minuten eines Sonnenbades. Da sind auch nur die ersten Minuten anregend, interessanter Weise völlig Kulturunabhängig, mit ganz ähnlichen Gedanken des Sonnenbadenden verbunden. Auch beim normalen Sonnenbaden stimulieren nur die ersten paar Minuten, danach ist die Sonnenschein Wirkung nur ermüdend für den Organismus. Steht so in einem GEO Heft. Vielleicht probieren Sie's im nächsten Winter mal aus ?
Lassen Sie sich bitte dringend die Temperarur messen und halten ansonsten dringend den Rand. Solche Hansels wie Sie brauch ich unbedingt auch noch.
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