AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 18/2009

SPIEGEL-Gespräch "Die große Party ist vorbei"

Die Autorin Judith Hermann über ihr neues Kurzgeschichtenbuch "Alice", in dem um fünf tote Männer getrauert wird, über Trotz und Selbstbewusstsein sowie das Leben mit 38.


SPIEGEL: Frau Hermann, Sie sind berühmt geworden mit zwei Erzählbänden über die Liebesaffären, Partys und Urlaubsreisen von Menschen um die dreißig. In Ihrem neuen Buch "Alice" erzählen Sie fünf Geschichten vom Sterben. Was ist passiert?

Hermann: Sie müssen sich keine Sorgen machen. Als ich "Alice" zu Ende geschrieben hatte, dachte ich mir schon, dass man mich nach der Lektüre sicher fragen wird, wie es mir denn so geht - also: Danke schön, es geht mir gut. "Alice" ist ein schwieriges, ein hartes Buch, aber andere als diese fünf Geschichten hätte ich nicht erzählen wollen.

SPIEGEL: Alice, die Heldin Ihrer fünf Storys, begegnet auf verschiedene Arten dem Tod, indem sie beispielsweise einer jungen Mutter beisteht, deren Mann im Krankenhaus dahinsiecht, oder dem Selbstmord eines Verwandten nachforscht. In der letzten Erzählung ist Alice' Lebensgefährte gestorben. Was hat Sie getrieben, sich so ausschließlich mit dem Sterben zu beschäftigen?

Hermann: Das Schreiben des Buchs ist keine Trauerarbeit gewesen, falls Sie das meinen. Aber trotzdem schließen die Geschichten Dinge mit ein, die in den letzten Jahren gewesen sind. Es geht darin übrigens weniger um die Sterbenden als um die Zurückbleibenden. Um die Lebenden. Also um das, was während und nach dem Sterben eines Menschen mit denen geschieht, die weiter da sind. Immer noch da sind. Ich habe mich für das Thema Abschiednehmen erst während des Schreibens entschieden. Es gab eine Menge Text vorher, in dem relativ viele Abschiedssymbole vorkamen, alte Menschen, leere Häuser, merkwürdige Zweierbeziehungen, etwas Morbides. Und irgendwann dachte ich mir, dass ich mir da eine Kulisse eingerichtet hatte, in der ich nicht auf den Punkt kam. Weil ich mich nicht getraut habe. Und dann habe ich mich getraut.

SPIEGEL: Sie muten Ihren Lesern einiges zu, wenn Sie mit derart emotionaler Wucht vom Tod erzählen.

Hermann: Ja. Ich kann mir schon vorstellen, dass diese fünf Geschichten nicht gerade erheiternd sind. Aber ich wollte nicht mehr zurück. Ich bin mir des Risikos bewusst gewesen. Ich hatte Freude daran. Manche der ersten Leser reagieren verwundert, weil sie das Buch zu traurig finden. Die sagen: Das können wir gar nicht lesen. Andere finden es tröstlich.

SPIEGEL: Seit vor gut zehn Jahren "Sommerhaus, später" erschien, gelten Sie als Porträtistin Ihrer Generation. Wollten Sie diesem Ruf nun dadurch entkommen, dass Sie ein ganzes Stück nach vorn geflüchtet sind, dem Thema Alter und Sterben zu?

Hermann: Ich möchte mich eigentlich gar nicht auskennen in meiner Generation. Aber was ich mich schon frage, ist: Wann fängt das eigentlich an, dass Freunde von einem sterben? Wie wächst man hinein in die Erfahrung des näherrückenden Todes und des Abschiednehmens? Ob wir, um dann doch mal dieses Wort zu benutzen, ob wir jetzt langsam in das Alter dafür kommen? Mit Mitte dreißig hatte ich das noch nicht erlebt. Wenig später habe ich es erlebt. Seither frage ich mich: Kennen die anderen das? Und wie geht es ihnen damit?

SPIEGEL: Die Erfahrung des Verlusts und ein Gefühl der Leere sind schon immer zentrale Themen Ihrer Bücher gewesen.

Hermann: Das stimmt. Im Grunde also alles nichts Neues. Nur viel drastischer diesmal. Etwas Absolutes.

SPIEGEL: Fünf Geschichten, die alle um ein Thema kreisen - Daniel Kehlmann hätte das einen Roman genannt. Und anders als sein Buch "Ruhm" haben Ihre Storys auch noch dieselbe Hauptperson. Warum also kein Roman?

Hermann: Weil es fünf Erzählungen mit einer Protagonistin sind. Und ich wünsche mir, dass sie hintereinanderweg gelesen werden, in der Reihenfolge, in der ich sie auch geschrieben habe.

SPIEGEL: Stört es Sie, wenn man beim Lesen in dieser Alice Züge der Autorin Judith Hermann wiederzuerkennen glaubt?

Hermann: Das tue ich beim Lesen jedweden Buchs. Immer ist doch der Protagonist ganz eng an den Autor gebunden. Und immer frage ich mich, wenn ich lese: Was hat der Autor selbst erlebt, und was hat er sich ausgedacht? Ich finde das legitim. Und darüber hinaus möchte ich zum autobiografischen Hintergrund nichts sagen.

SPIEGEL: Alice taucht in der ersten Erzählung auf wie ein Luftgeist. Der Leser erfährt mal wieder fast nichts über die Vorgeschichte dieser Figur. Reagieren Sie da mit Trotz auf die seit "Sommerhaus, später" gern geübte Kritik, dass Ihre Figuren fast nie Nachnamen und Berufe haben und man kaum erfährt, womit sie ihr Geld verdienen?

Hermann: Es ist kein bewusster Trotz. Aber wenn Sie es mir anbieten, dann steht sicher eine trotzige, selbstbehauptende Entscheidung dahinter, verdammt noch mal nicht zu sagen, was das für eine Nachtschicht ist, zu der eine der Figuren in "Alice" am Ende einer der Geschichten muss. Das ist Absicht. Aus literarischen Gründen, aber auch mit Blick auf die vielen zornigen Anfragen zu meinen ersten Büchern: Wo kommen denn Ihre Figuren überhaupt her, wo gehen die hin, wovon bezahlen die ihre Reisen? Bei "Nichts als Gespenster" hatte ich noch das Gefühl, ich müsste da eine Art Rechenschaft ablegen. Jetzt meine ich zu wissen, dass ich das nicht muss.

SPIEGEL: In "Alice" tauchen zum Beispiel keine Hartz-IV-Empfänger auf - weil Sie das Leben der bildungsfernen Schichten nicht interessiert?

Hermann: Als Mensch interessiert es mich sicher. Aber als Autorin ist es mir egal, ob der Leser weiß, zu was für einer Nachtschicht eine Figur gehen muss. Wer es wissen will, muss sich eine Nachtschicht ausdenken. Ich möchte nicht für jemanden, der sich das nicht dazudenken kann, aufschreiben müssen, welchen Beruf meine Figuren haben. Das klingt jetzt vielleicht anmaßend, aber ich würde mir wünschen, dass der Leser diese Bilder selber findet.



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