AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2009

Affären Hormonelle Hausse

Ein Gerichtsverfahren gegen die HSH Nordbank gewährt Einblicke in eine Welt, in der Kreditersatzgeschäfte und Ersatzfrauen für Höhepunkte und späten Katzenjammer sorgten.

Von Gunther Latsch und


Das Gebäude Nummer 230 an der Park Avenue gehört zu den feineren Adressen in New York. Wer hier zwischen Grand Central Station und Waldorf Astoria Hotel residiert, scheint den Niederungen des Alltags weit entrückt. Kaum vorstellbar, dass Menschen hinter dieser Fassade im hormonellen Ausnahmezustand erotische Botschaften simsen, bis der Blackberry glüht.

Und doch soll genau das geschehen sein; allein im Juli 2007, ausweislich einer Rechnung der Telefongesellschaft AT&T, mehr als 500-mal. So steht es in einer Klageschrift, die der New Yorker Rechtsanwalt Douglas Wigdor im Oktober 2008 beim Bundesbezirksgericht für das südliche New York eingereicht hat.

Legt man eine Fünftagewoche zu Grunde, dann haben ein Spitzenmanager der HSH-Nordbank-Niederlassung am berühmtesten Finanzplatz der Welt und eine junge Assistentin des Kreditinstituts täglich mindestens 22 Textbotschaften ausgetauscht. Womöglich als Vorspiel zu deutlich intensiveren zwischenmenschlichen Kontakten.

Aber das ist, solange das Gericht nicht entschieden hat, bloß eine Vermutung. Sicher ist, dass der Leumund der HSH Nordbank durch dubiose Kreditersatzgeschäfte gelitten hat. Nur ein Rettungspaket in Höhe von 13 Milliarden Euro, das die beiden Hauptanteilseigner Hamburg und Schleswig-Holstein kürzlich beschlossen, hat ihren Untergang fürs Erste verhindert.

Was Wigdor im Auftrag seines Mandanten David Krasner zu Papier gebracht hat, legt überdies den Verdacht nahe, dass auch in puncto Sitte und Anstand die Welt der Banker aus den Fugen war:

"Die New Yorker Niederlassung der Nordbank ist so vollständig durchdrungen von Affären und sexuellen Gefälligkeiten, dass weibliche Angestellte das Büro als ,Bordell' bezeichnen und darüber spotten, welche Sex-Praktiken zu welchen Vorteilen am Arbeitsplatz führen."

Im Jahr 2007, als die Filiale der norddeutschen Provinzbank noch rund zweihundert Mitarbeiter zählte, war Krasner Chef der Abteilung "Corporate Services" und Vorgesetzter der begehrten Assistentin. Die von ihr ausgelöste Hormon-Hausse in der Chefetage, argumentiert Krasner, habe seinen Marktwert im Unternehmen drastisch gesenkt.

Die junge Frau sei systematisch bevorzugt und mit Aufgaben betraut worden, denen sie nicht gewachsen war. Nachdem er sich darüber, ganz offiziell und schriftlich, bei der Personalabteilung beschwert habe, sei er erst diskriminiert und dann gefeuert worden.

Alles Unsinn, sagen die Anwälte der Gegenseite. Die HSH Nordbank, der Manager und die Assistentin "bestreiten die Vorwürfe vehement". Krasner habe einen Arbeitsvertrag gehabt, der sowohl von ihm als auch von seinen Vorgesetzten jederzeit und ohne Angabe von Gründen gekündigt werden konnte. Detaillierte Erklärungen seien deshalb überflüssig.

Dumm nur, dass sich in Wigdors Schriftsatz Details finden, die sich selbst erklären. Etwa eine E-Mail des Spitzenmanagers, in der er die Sonderstellung mancher Frauen im Unternehmen beschreibt: "Ihr Hühner habt es so leicht ... Den ganzen Sonntag auf einem Boot in Newport relaxen ... Oh, jetzt hätte ich doch beinahe vergessen, die Masage von gestern zu erwähnen."

Unter Punkt 97 der Klageschrift ist die E-Mail einer Kollegin zitiert, die den rasanten Aufstieg der Assistentin so kommentiert: "Ich denke, wenn ich in einem Einzelbüro mit Laptop sitzen will, sollte ich ein paar Blow-Jobs spendieren."

Auch andere leitende Angestellte der New Yorker HSH-Dependance sollen, laut Klageschrift, für derartige Spenden empfänglich gewesen sein. Beispielsweise eine Führungskraft, die "öffentlich eine Romanze mit einer untergeordneten Sachbearbeiterin der Immobilienkreditabteilung" zelebrierte.

Oder ein Mitarbeiter der Finanzabteilung, dessen Verhältnis mit einer "Junior-Administratorin" der Personalabteilung aufzufliegen drohte, als seine Frau einen Pullover der Geliebten in der Aktentasche ihres Gatten gefunden hatte "und richtig wütend" geworden sei.

Der Manager habe deshalb "Druck auf eine ihm unterstellte Buchhalterin ausgeübt". Sie solle seine Frau anrufen und erklären, der Pullover gehöre ihr. Die Buchhalterin "willigte widerwillig ein", wie es in Wigdors Schriftsatz heißt. Ihrem Ärger über den Vorfall habe sie dann in einer E-Mail Luft gemacht, in der sie "das Nordbankbüro als Bordell" bezeichnete. Die Argumente, mit denen die HSH-Anwälte diese Anschuldigungen aus der Welt schaffen wollen, klingen seltsam verhalten.

Hier wird nicht mehr vehement bestritten, hier werden halbherzig Rückzugsgefechte geführt. "Die behaupteten Intimbeziehungen reichen nicht aus, um den Vorwurf einer weit verbreiteten sexuellen Günstlingswirtschaft zu belegen."

Hinzu komme: "Romantische, auf Konsens beruhende Beziehungen zwischen Führungskräften und Untergebenen sind nicht ungesetzlich."

Und überhaupt: Von geschlechtsspezifischer Diskriminierung könne selbst dann nicht die Rede sein, wenn ein Chef seine Geliebte tatsächlich begünstige. Das sei zwar unfair, benachteilige aber aus Gründen, die mit dem Geschlecht der oder des Geliebten nichts zu tun hätten.

Wer sich durch solche Spitzfindigkeiten und die fast 200 Punkte umfassende Klageschrift gequält hat, beginnt zu ahnen, dass zwischen dem Chaos im Geschlechtsverkehr und dem Elend im Geschäftsverkehr der HSH-Nordbank-Filiale ein logischer Zusammenhang bestehen könnte.

Schließlich sollen auch männliche Mitarbeiter der Bank unter der Triebstärke ihrer Bosse gelitten und bei erzwungenen Abstechern ins Rotlichtmilieu den Blick fürs Kerngeschäft verloren haben.

Unter Punkt 115 der Klageschrift schildert Wigdor Krasners Erlebnisse auf einer Dienstreise zur Zentrale nach Deutschland.

Dort habe ihn ein Vorgesetzter ins Séparée eines Nachtclubs genötigt und anschließend in seiner Gegenwart "sexuelle Handlungen an einer Tänzerin vorgenommen". Dann habe er ihn gedrängt, "ähnliche Sexualakte mit der Tänzerin zu vollziehen" und gerufen: "Tu es! Tu es!"

Damit, so die HSH-Anwälte, wolle Krasner seinen ehemaligen Vorgesetzten "lediglich auf einer persönlichen Ebene in Verlegenheit bringen". Als Beleg für eine "feindselige Arbeitsatmosphäre" tauge die "unwesentliche Beschuldigung" nicht. Ein hartes Dementi klingt anders.

Und so scheinen die Chancen für Krasner nicht schlecht zu stehen. Zumal Anwalt Wigdor schon 2006, in einem ähnlich gelagerten Fall, der Dresdner Bank einen Vergleich abgerungen hat, der sich für seine Mandanten gelohnt haben soll.

Eine Summe für Krasner will er erst in mündlicher Verhandlung, vor einem Richter oder einer Jury, fordern. "Aber Sie können sicher sein, dass die nicht unter zehn Millionen Dollar liegen wird."

Viel Geld für Sex mit Untergebenen, in einem Jahr, in dem die New Yorker kräftig mithalfen, das Jahresergebnis der HSH Nordbank zu pulverisieren. Der Gewinn sank von 1,2 Milliarden Euro im Geschäftsjahr 2006 auf rund 150 Millionen im Geschäftsjahr 2007.



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