AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2009

Banken Die Krisen-Verschärfer

Die Macht der drei großen US-Rating-Agenturen Moody's, Fitch und Standard & Poor's ist ungebrochen. Mit Bestnoten für Ramschpapiere befeuerten sie die Exzesse auf den Finanzmärkten. Jetzt steuern sie mit brutalen Herabstufungen dagegen - und machen alles noch schlimmer.

Von Beat Balzli und Frank Hornig


Nur wenige können sich über die Finanzkrise so freuen wie Sean Egan. "Unser Geschäft läuft wie irre", sagt er bestens gelaunt, seiner Firma gehe es "so gut wie noch nie".

Egan leitet eine kleine Rating-Agentur bei Philadelphia, Egan-Jones. Im Nebenberuf ist er seit Jahren Rebell, ein lautstarker Kritiker der drei größten Unternehmen seiner Branche, Moody's, Standard & Poor's und Fitch, in der Szene kurz "The Big Three" genannt. Ihr Job ist das Benoten von Finanzprodukten. Sie dominieren seit langem den Markt, bis heute. Und sie machen ziemlich viel falsch, sagt Egan.

Mit drastischen Fehlurteilen wiegten "The Big Three" Anleger weltweit in Sicherheit - bis zur letzten Minute vor dem Crash. Ihre Top-Noten ("Triple A") versprachen noch Stabilität und Gewinne, als ringsum schon das Fundament erodierte. Es ist eine der spannendsten Fragen, warum sie so spektakulär versagten.

Zum Beispiel in Sachen Lehman Brothers. Noch einen Tag vor dem Konkurs war ihnen die Bank Top-Noten wert, genauer gesagt A, A2 und A+. Anders Egan: Schon ein halbes Jahr vorher stufte er Lehman auf BBB+ ab, dann nahm er das Plus weg, dann hängte er ein Minus dran, und schließlich, einen Tag vor der Pleite, folgte sein Todesurteil: CCC. "Die Anleger hätten besser auf uns gehört", sagt er.

Jedes Pluszeichen setzt Milliardensummen in Gang

Genauso lief es bei Subprime-Hypothekenpapieren sowie bei fast allen Crash- und Pleitehäusern seit Ausbruch der Krise, ganz gleich ob AIG, Bear Stearns oder Merrill Lynch. Moody's & Co. vergaben Traumnoten. Egan und seine kleineren Wettbewerber warnten.

Fragt sich bloß: Wieso wussten sie es besser? Was sind die Lehren aus dem Debakel? Und wer soll künftig nach welchen Maßstäben die Gütesiegel vergeben?

In der Finanzbranche wird über diese Fragen erbittert gestritten. Denn die Noten der großen Häuser entscheiden über Erfolg und Scheitern von Anleihen, strukturierten Finanzprodukten und ganzen Unternehmen. Selbst die Kreditwürdigkeit von Staaten kann leiden, wenn sich die Analysten der Agenturen eine schlechte Meinung bilden. So ist es erst im Januar Spanien ergangen - prompt stiegen dort die Zinsen.

Jedes ihrer Plus- oder Minuszeichen setzt automatisch Milliardensummen in Gang. Stufen Standard & Poor's, Moody's oder Fitch ein Unternehmen herab, bricht regelmäßig Panik aus, die betroffene Firma muss schnellstens frisches Kapital besorgen, große Fonds verkaufen automatisch ihre Beteiligungen. So war es bislang, und so läuft es heute noch, trotz aller Kritik.

Investoren laufen deshalb Sturm gegen Moody's & Co., die sie für ihre Verluste verantwortlich machen. Aufsichtsbehörden und Regierungen in Europa und den USA wollen den großen Agenturen strenge Auflagen machen. Und die kämpfen verzweifelt um ihre Reputation.

Denn die ist erschüttert, spätestens seit die amerikanische Börsenaufsicht SEC in einem Untersuchungsbericht brisante E-Mails von Agenturanalysten veröffentlichte. "Selbst wenn Kühe diesen Deal zusammenstellten, würden wir ein Rating ausgeben", heißt es da etwa. "Hoffentlich sind wir alle reich und im Ruhestand, wenn dieses Kartenhaus zusammenfällt", schreibt ein anderer.

Althippies unter den Oberlehrern

Das Grundübel liegt im Geschäftsmodell. Sie lassen sich ihre Ratings von genau jenen bezahlen, deren Papiere sie bewerten, also von den Emittenten von Anleihen und Finanzprodukten; und die haben ein hohes Interesse an Top-Noten. Die großen Drei sind sozusagen die Althippies unter den Oberlehrern, die von ihren Schülern mit Joints versorgt werden und ihnen dafür im Dauerrausch lauter Einsen geben.

"Wir alle wissen, dass die Bezahlung das Verhalten bestimmt", sagt die neue Chefin der amerikanischen Börsenaufsicht SEC, Mary Schapiro. Sie ist Präsident Obamas zurzeit schärfste Waffe in Sachen Finanzpolitik, alle anderen, sein Finanzminister, sein Wirtschaftsberater, pflegen seit langem engste Kontakte zur Wall Street und üben selten Kritik. Schapiro dagegen setzt auf Konflikt. Die schlechte Arbeit der Agenturen, sagt sie, habe "das Vertrauen der Anleger im Kern erschüttert".

Erst Mitte April veranstaltete sie deshalb einen Roundtable, geladen waren die wichtigsten Vertreter der Branche, darunter auch Sean Egan, der Rebell aus der Nähe von Philadelphia. Fast alle schlossen sich seinem Urteil an, außer den Großen Drei: "So wie bisher kann es nicht weitergehen".

So gut wie alles steht nun zur Disposition, von der SEC und der US-Regierung in Washington bis zur Europäischen Union und der deutschen Finanzaufsicht geht es jetzt um eine tiefgreifende Reform der Branche. Nie wieder soll es dazu kommen, dass Anleger im blinden Vertrauen auf die Rating-Firmen in den Abgrund taumeln.

Unter Hochdruck wird am Image gefeilt

Die schärfsten Kritiker fordern deshalb schon unübersehbare Warnschilder wie auf einer Zigarettenschachtel. Motto: "Achtung, dieses Rating wurde vom Herausgeber dieses Wertpapiers bezahlt." Besser noch, sagen sie, wäre ein komplett neues Geschäftsmodell für die "Big Three": Anleger statt Emittenten sollen deren Ratings abonnieren, sie hätten schließlich das größte Interesse an schonungslosen Analysen.

Genau mit diesem Konzept hatte John Moody 1909 den Ruhm seiner Firma begründet, damals mit Ratings zu stark schwankenden Eisenbahn-Anleihen. Während des Börsen-Crashs 1929 kollabierte keines der von ihm als erstklassig eingestuften Wertpapiere; eine Meisterleistung. Anleger vertrauten Moody und zahlten gern für seine objektiven Analysen.

Doch in den siebziger Jahren wechselten seine Nachfolger und die später erstarkten Konkurrenten von Standard & Poor's ihr Geschäftsmodell. Fortan ließen sie die Herausgeber von Wertpapieren für ihre Analysen zahlen, drum herum bauten sie ein florierendes Beratungsgeschäft. Umsätze und Gewinne explodierten. Es war ein bombensicheres Geschäft, trotz gelegentlicher Fehlurteile. Ratings sind schließlich in guten wie in schlechten Zeiten gefragt und in vielen Fällen von den Behörden sogar vorgeschrieben. 30 Prozent Rendite sind in der Branche nichts Besonderes.

Unter Hochdruck arbeiten "The Big Three" darum an ihrem Image. Sie wollen sich ein bisschen ändern, um ihr hochprofitables, Triopol-artiges Geschäftsmodell im Grundsatz zu retten.



Forum - Rating-Agenturen - die Schuldigen an der Krise?
insgesamt 235 Beiträge
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Seite 1
Frank Wagner, 07.05.2009
1.
Auf DIESE Frage habe ich schon lange gewartet ! Es ist doch komisch, das die Wirtschaft sich IMMER noch nach diese Ratings richtet, obwohl sie in der Vergangenheit offenkundig falsch waren und mit zu der Finanzkrise geführt haben. Wem gehören diese Läden eigentlich ? Und warum sind die wichtigen 3 ALLE US Unternehmen ? Aber so was darf man ja nicht fragen, sonst ist man der Verschwörungsspinner.....
Tall Sucker, 07.05.2009
2.
Die guten Ratings haben den Verkauf von CDO, CDS (und wie das ganze Neusprech noch heißen mag) sicher sehr befeuert. Da sie aber durchweg in den U.S.A. sitzen, dürften Sie eine hier geführte Debatte - wenn überhaupt - nur am Rande verfolgen.
Stahlengel77, 07.05.2009
3.
Zitat von sysopDie Macht der drei großen US-Rating-Agenturen Moody's, Fitch und Standard & Poor's ist ungebrochen. Mit Bestnoten für Ramschpapiere befeuerten sie die Exzesse auf den Finanzmärkten. Jetzt steuern sie mit brutalen Herabstufungen dagegen. Welche Verantwortung tragen die Agenturen für die Finanzkrise?
Sie sind in soweit wichtig, weil sie unabdingbar für einen Unternehmer oder eine Bank sind, den Gegenüber auf seine Kredit- und Geschäftswürdigkeit einzuschätzen. Damit haben sie aber auch eine enorme Verantwortung und tragen auch maßgeblich Verantwortung an der Bankenkrise. Es gilt auch hier: Wer wacht über die Wächter? In diesem Fall, wer wacht über die Seriosität der Rating-Agenturen und wer bezahlt diese Ratingagenturen? Die Banken (die sich und ihre Produkte bewertet haben wollen) selbst. Noch Fragen ?
privatbahn 07.05.2009
4.
Zitat von sysopDie Macht der drei großen US-Rating-Agenturen Moody's, Fitch und Standard & Poor's ist ungebrochen. Mit Bestnoten für Ramschpapiere befeuerten sie die Exzesse auf den Finanzmärkten. Jetzt steuern sie mit brutalen Herabstufungen dagegen. Welche Verantwortung tragen die Agenturen für die Finanzkrise?
Man muss nicht jeden Ramsch glauben, den vermeintliche Experten von sich geben. So gesehen ist es mir völlig gleich, was diese Rating-Agenturen von sich gegeben haben. Die Gier macht selbst vermeintlich intelligente und gebildete Menschen (in dem Fall Banker und Investment-Manager) total blind. Ich traue unseren Bankern zu, dass sie sehenden Auges gleich nochmal vor die selbe Wand laufen. Die Gier dieser Leute wird nach dieser Krise noch größer, schließlich wollen sie nicht nur ihre Verluste wett machen, sondern gleichzeitig noch besser da stehen als vor der Krise. Folglich werden sie alles glauben was ihnen irgendwelche Experten einflüstern. Was nutzt also all die Schulbildung und Intelligenz von Bankern, Brokern und Investment-Verwaltern, wenn sich die emotionale Intelligenz nie mit entwickelt hat.
Andreas Heil, 07.05.2009
5.
Zitat von sysopDie Macht der drei großen US-Rating-Agenturen Moody's, Fitch und Standard & Poor's ist ungebrochen. Mit Bestnoten für Ramschpapiere befeuerten sie die Exzesse auf den Finanzmärkten. Jetzt steuern sie mit brutalen Herabstufungen dagegen. Welche Verantwortung tragen die Agenturen für die Finanzkrise?
Eine hohe, maßgeblich hervorgerufen durch eine an sich sehr gute Idee im Rahmen von Basel II. Mit Basel II hielt eine risikoabhängige Pflicht, Haftungskapital vorzuhalten, Einzug in das globale Finanzsystem. Und die Risikobewertung würde man doch nicht der Bank selbst überlassen wollen, die die Risiken eingeht. Folglich brauchte man unabhängige Institutionen, die dies besorgen und fertig war ein Teil des Desasters. Aber es hängt noch mehr dran, denn dies ist gleichzeitig Mitursache für die exzessive Ausweitung einerseits der Verbriefungen und andererseits der Kreditversicherungen. Und zum Desaster wurde es mit der nationalistischen merkantilistischen Mikropolitik, die die Politik mit den Lobbyisten in Ohr und Brieftasche in den letzten Jahren hingelegt hat, um die eigenen vereinbarten Regeln, deren Sinn sich durchaus unmittelbar erschließt, zum (angeblichen) Standortvorteil möglichst gerissen zu umgehen. All dem liegen aber Grundaxiome zugrunde: 1. Der freie Markt richtet es schon und auf jeden Fall besser, als die eigene Vernunft oder gar eigene Wünsche zu bemühen. Im Ergebnis kann sich dann allerdings nur kollektivierte Unvernunft, fremdwörtisch also Irrationalität einstellen. 2. Man selbst manövriert sich aus diesem Markt, dem Wettbewerb möglichst weit heraus und kassiert im besten Fall nur noch eine möglichst hohe, möglichst sichere Prämie für Zuschauer- oder Schiedsrichtertätigkeiten. Ziel und Ergebnis war also die Institutionalisierung der kommoden und leistungslosen Unverantwortung.
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