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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2009

Finanzkrise: "Mitgefangen, mitgehangen"

Alexander Dibelius, Deutschland-Chef von Goldman Sachs, über Schuld und Verantwortung seiner Branche, erste juristische Aufräumarbeiten und die Gefahr gesellschaftlicher Verwerfungen.

SPIEGEL: Herr Dibelius, weltweit gerierten sich Banker in den vergangenen Monaten als scham- und verantwortungslose Gierhälse. Fühlen Sie sich mitschuldig?

Dibelius: Ja, und der Debatte will ich mich auch stellen. Rückwirkend betrachtet sieht manches in unserer Branche gierig aus, selbstbezogen und realitätsfremd, als ginge die Gesellschaft drum herum sie gar nichts an. Und ich gebe zu: Es ist uns insgesamt nicht gelungen, mit den Erwartungen umzugehen, die diese Gesellschaft an uns hat - als Individuum, als Institut, als Industrie. Manche Entscheidungen wurden in der Euphorie boomender Märkte getroffen. Im Nachhinein ist man immer klüger. Es ist daher auch verständlich, dass manche dieser Entscheidungen nun gegeißelt werden.

SPIEGEL: Vielleicht haben Banker die Gier im Gencode.

Dibelius: Wenn Gier vererbbar ist, dann gilt das für alle Menschen, nicht nur für Banker.

SPIEGEL: Was hat so viele veranlasst, immer größere Räder zu drehen, wenn nicht Gier?

Dibelius: Es fällt Menschen generell schwer, in Diskontinuitäten zu denken, also auch mal Einbrüche zu erwarten. Zweitens: Wenn ein Geschäft gut läuft, wird Zweiflern nie geglaubt. Das haben wir schon bei anderen Spekulationsblasen erlebt; und es wäre falsch zu glauben, dass die sich künftig gänzlich ausschließen lassen.

SPIEGEL: In früheren Zeiten haben gerade Banker noch langfristig gedacht.

Dibelius: Einverstanden. Früher war Versagen eher individuell, nun zeigt es sich kollektiv. Früher waren aber auch Wirtschaft, Informations- und Kapitalfluss nicht derart global vernetzt. So kam es gelegentlich zu heftigen Bränden, die aber lokal blieben. Andererseits bedeutete die Globalisierung für die gesamte Welt einen enormen Wohlfahrtsgewinn. Das wird in der öffentlichen Debatte oft unterschlagen. Gerade Deutschland hat in großem Umfang davon profitiert. Alle Akteure müssen aber lernen, mit der neuen Qualität von Risiken umzugehen.

SPIEGEL: Hat Ihre Branche kriminelle Energie?

Dibelius: Nein, doch es gibt Einzelfälle wie Bernie Madoff, die aber auf fruchtbarem Boden gedeihen konnten. Solange es allen gutging, hat niemand genauer hingeschaut. Und ich gebe zu: Es sind zweifellos atemberaubende Einzelfälle.

SPIEGEL: Es war ein Schneeballsystem. Und die besten Zocker waren jene, die rechtzeitig vor dem Kollaps ausgestiegen sind.

Dibelius: So ist Börse nun mal, da wird kein Glöckchen geklingelt, bevor es in den Keller geht. Sie müssen immer Risikoentscheidungen treffen. Nur wusste man zuletzt an vielen Stellen gar nicht, wo die Risiken lagen und wie sie aussahen.

SPIEGEL: Es kommen moralische Fragen dazu: Als Regierungen schon mit vielen Milliarden die Institute retten mussten, pochten Finanzprofis von AIG bis Dresdner Bank noch auf Auszahlung ihrer Boni.

Dibelius: Auch da agieren nicht alle Banker gleich. Viele gehen mit dem Boni-Thema sehr verantwortungsvoll um. Ich verstehe aber die gesellschaftspolitische Entrüstung und habe für mich persönlich immer akzeptiert, dass ich in schlechten Zeiten auch mit entsprechenden Einbußen leben muss.

SPIEGEL: Georg Funke, Ex-Chef des Milliardengrabes Hypo Real Estate, will vor Gericht ausstehende Bezüge einklagen ...

Dibelius: ... und ich sehe das ambivalent. Einerseits leben wir in einem Rechtsstaat, wo solche Ansprüche vor Gericht geklärt werden können und müssen. Andererseits muss auch der Einzelne zeigen, dass er eine gewisse Verantwortung akzeptiert, auch wenn er sich persönlich vielleicht nichts vorzuwerfen hat. Salopp gesagt gilt: Mitgefangen, mitgehangen. Jetzt muss sich "kollektive Demut" entwickeln!

SPIEGEL: Es ist uns schwer zu vermitteln, dass manche Banken - auch Ihre - gerade wieder Milliardengewinne schreiben, und auf der anderen Seite trudelt die Welt in eine so gewaltige Wirtschaftskrise.

Dibelius: Goldman Sachs ist nicht der weiße Rabe. Aber unser Risikomanagement war immer gut aufgestellt. Deshalb mag unser Abschreibungsbedarf jetzt nicht so hoch sein, wie dies von einer Bank unserer Größenordnung zu erwarten wäre.

SPIEGEL: Viele in Ihrer Branche scheinen generell zu glauben, dass für die Riesenverluste der Staat einzuspringen hat, die Gewinne aber bei ihnen landen müssen.

Dibelius: Es kann nicht sein, dass Verluste sozialisiert und Gewinne privatisiert werden. Ich würde auch niemandem unterstellen, dass er so ein Modell ernsthaft verteidigt. "Systemrelevanz" mag das Unwort des Jahres werden, doch es bleibt eine Tatsache, dass die Staatengemeinschaft gar nicht umhinkommt, einzelne Institute zu retten, wenn sie nicht das Ganze gefährden will.

SPIEGEL: Im Oktober hat die US-Regierung auch Goldman Sachs mit zehn Milliarden Dollar gestützt ...

Dibelius: ... die wir quasi nehmen mussten. Ausnahmen waren gar nicht zugelassen, um dem Gesamtmarkt der Banken das Vertrauen untereinander zurückzugeben. Dies war aber sicher eine Maßnahme, die eine weitere Destabilisierung verhindert hat.

SPIEGEL: Na, na! Goldman Sachs hatte immerhin riesige Posten bei der wankenden AIG versichert. Ihre Investmentbank wäre doch glatt kollabiert ohne Staatshilfe.

Dibelius: Es wäre arrogant zu behaupten, dass wir ohne sie überlebt hätten. Nur: Wir, als einzelnes Haus, hätten noch gute Reserven gehabt. Aber wenn ein Tsunami kommt, ertrinkt auch ein Ausnahmeschwimmer wie Michael Phelps.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 62 Beiträge
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1. Verantwortung - wie sieht sie wirklich aus?
christiane006, 05.05.2009
Zitat von sysopAlexander Dibelius, Deutschland-Chef von Goldman Sachs, über Schuld und Verantwortung seiner Branche, erste juristische Aufräumarbeiten und die Gefahr gesellschaftlicher Verwerfungen http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,622700,00.html
die Menschen, die jetzt ihren Job und ihre Zukunft verlieren, können sich für diesen Spruch auch nichts kaufen. Was mich also brennend interessiert, wie sieht das soziale Engagement dieser Herren aus, wie wollen sie den Staat unterstützen, damit dieser mit den Folgen am unteren Rand der Gesellschaft klar kommen kann. Ich fürchte, da können wir lange warten, bis sich diese Elite ihrer Verantwortung wirklich bewusst wird.
2. Wieder ein armes Opfer - aber wenig unschuldig bei diesem klaren Blick - danach...
peterworldwide 05.05.2009
Zitat von sysopAlexander Dibelius, Deutschland-Chef von Goldman Sachs, über Schuld und Verantwortung seiner Branche, erste juristische Aufräumarbeiten und die Gefahr gesellschaftlicher Verwerfungen http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,622700,00.html
Herr Dibelius waere der geeignete Politker. Wirklich hervorragend wie er argumentiert. Schade nur, dass er nicht frueher so argumentiert hat. Alleine dieses unverstaendliche Zoegern zu einer Zeit wo es am notwendigsten gewesen waere macht seine Worte fuer mich zu einen Hohn. Er wusste alles und machte mit?! Verwerflicher geht es wohl kaum. Nun gab es sicherlich dumme Menschen, welche auch mitschuld an dieser Krise waren. Aber Herr Dibelius scheint nach seiner genialen Argumentation wirklich nicht dazuzugehoeren. Ich denke er wusste immer was er tat. Auch wenn er nicht so viel darueber spricht warum er eigentlich mitmachte...
3. Verantwortung
Wolfghar 05.05.2009
Und was ist mit Konsequenzen? Die Schuldgefühle des Herrn Debelius in allen Ehren, aber es wurde Steuergeld verbrannt. Mal ne Yacht verkaufen und das Geld der Allgemeinheit zurückgeben das wäre glaubwürdig.
4. die wichtigste Frage fehlt
MarkH, 05.05.2009
Zitat von sysopAlexander Dibelius, Deutschland-Chef von Goldman Sachs, über Schuld und Verantwortung seiner Branche, erste juristische Aufräumarbeiten und die Gefahr gesellschaftlicher Verwerfungen http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,622700,00.html
Vielleicht haette man Hernn Dibelius dann doch mal nach dem Ordnungsprinzip fragen sollen, dass nach Meinung der Investmentbanker funktionstüchtig wäre. Da würde der geneignte Leser feststellen: Da kommt nix
5. Vor-, nicht zurückschauen
meslier 05.05.2009
Was soll es bringen - zurückzuschauen. Die Krise ist an den Finanzmärkten vorbei. Die Aktien steigen seit Wochen rasant an. Wer keine Schlafmütze ist, sollte in den Aktienmarkt schnell einsteigen. Jahrhundertgewinne sind zu verdienen.
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