AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2009

SPIEGEL-Gespräch "Eine Kultur der Sprachlosigkeit"

Philipp Daniel Merckle, 42, über den Suizid seines Vaters und Lehren aus dem Niedergang des schwäbischen Milliardenimperiums.


SPIEGEL: Herr Merckle, am Abend des 5. Januar warf sich Ihr Vater Adolf in der Nähe seines Hauses in Blaubeuren vor einen Zug. Wie und wann erfuhren Sie von dem Selbstmord?

Merckle: Ich lebe mit meiner eigenen Familie selbst in Blaubeuren, aber an jenem Abend war ich weder zu Hause noch erreichbar. Erst am nächsten Morgen erfuhr ich es telefonisch von meiner Mutter. Im Nachhinein betrachtet sehe ich die Tat nur als tragischen Schlusspunkt einer Veränderung im Weg meines Vaters. Auch im Wesen wurde er immer unsteter.

SPIEGEL: Sie hatten so ein Ende befürchtet?

Merckle: Nein. Zum einen war schon das Thema Tod an sich bei meinem Vater ein Tabu - eines von vielen übrigens. Vieles wurde bei uns zu Hause schon dadurch ausgeblendet, dass man einfach nicht darüber geredet hat. Selbstmord war quasi tabu hoch zehn. Zum anderen war mein Vater schon geraume Zeit sehr krank. Es wäre durchaus möglich gewesen, dass er das nächste halbe Jahr nicht mehr erlebt hätte.

SPIEGEL: Woran litt er?

Merckle: Das Herz. Auch im übertragenen Sinne. Es war kalt geworden, in meinem Vater und um ihn herum. Wenn ich allein daran denke, dass er sich vor einen Zug legte - ausgerechnet er, der zeit seines Lebens so auf Verschwiegenheit Wert legte und darauf, jede Situation einer öffentlichen Schande zu vermeiden. Er hätte wirklich stiller aus dem Leben gehen können ...

SPIEGEL: ... wählte dann aber die aufsehenerregendste Variante.

Merckle: Das passte eben alles nicht mehr zusammen. Er hatte vor sich selbst keine Achtung mehr.

SPIEGEL: Wann sahen Sie ihn das letzte Mal?

Merckle: Am zweiten Weihnachtsfeiertag. Da besuchten uns meine Eltern. Es war für mich traurig zu sehen, dass er es offenkundig nicht mehr schaffte, mit sich selbst und den Umständen klarzukommen.

SPIEGEL: Ihr Vater soll ein paar Abschiedszeilen hinterlassen haben.

Merckle: In dem Chaos der ersten Tage nach seinem Selbstmord spielte das keine Rolle. Aber es wurden tatsächlich zwei handschriftliche Papiere von ihm gefunden. Ein knappes, einseitiges Testament und ein paar Worte an die Familie.

SPIEGEL: Auch direkt an Sie?

Merckle: An mich gerichtet stand darin sinngemäß, dass er mir für meinen Weg alles Gute wünscht. Es war nie die Art meines Vaters, große Erklärungen abzugeben. Erst recht nicht schriftlich. Aber dieser Hinweis ist vielsagend.

SPIEGEL: Der Selbstmord hätte weit weniger Aufsehen erregt, wenn Ihr Vater nicht einer der reichsten Männer der Republik gewesen wäre. Sein Imperium setzte über 30 Milliarden Euro um. Er gründete oder kontrollierte Firmen von Ratiopharm bis Kässbohrer. Ausgerechnet so ein verschwiegener Unternehmer scheidet auf so grausige Art aus dem Leben. Was wollte er damit zum Ausdruck bringen?

Merckle: Was will man der Welt und den Hinterbliebenen erklären oder vorwerfen, indem man sich vor einen Zug legt und auf den Tod wartet? Immerhin nahm er auch den Schock des Zugführers in Kauf. Es gibt Leute, die glauben, dass er sich quasi selbst richten wollte, hinrichten. Für mich hat dieser Tod, wenn überhaupt, nur eine bestätigende Botschaft. Darüber hinaus glaube ich durchaus, dass wir als Gesellschaft daraus Lehren ziehen können.

SPIEGEL: Welche hauptsächlich?

Merckle: Dass wir vor allem als Unternehmer zurückfinden müssen zu einer gelebten Identität; zu Werten wie Vertrauen, Glaubwürdigkeit, zu verantwortlichem Handeln und den Prinzipien ehrbarer Kaufleute, wie sie beispielsweise mein Großvater noch gelebt hat. Und zu gesundem Maßhalten.

SPIEGEL: Am Tag nach dem Tod veröffentlichte Ihre Familie eine Mitteilung, die der Finanzkrise die Schuld gab an dem Drama. Die Krise habe Ihren Vater "gebrochen".

Merckle: Er war nicht das passive Rädchen, das im großen Getriebe der Globalisierung zermalmt wurde. Die Wirtschaftskrise ist nicht schuld an seinem Ende, sie hat den Zerfall des Imperiums nur beschleunigt. Sie war Auslöser, nicht Ursache für seinen Selbstmord. Solche äußeren Krisen sind nicht ausschlaggebend. Mein Großvater erlebte den Zweiten Weltkrieg und musste danach mit einer einzigen Tablettenmaschine in den Ruinen wieder anfangen. Nein, meinem Vater wurde zum Verhängnis, dass ihm der innere Kompass abhandengekommen war.

SPIEGEL: Er war nicht nur Opfer?

Merckle: Ich bin jedenfalls anderer Ansicht als der Rest meiner Familie. Die Wirtschaftskrise hat nur bloßgelegt, welche Defizite mein Vater durch die Konstruktion dieses unüberschaubaren Konzerngeflechts hatte ...

SPIEGEL: ... das wahrscheinlich nur noch er selbst durchschaute.

Merckle: Mag sein, ja. Die Verschachtelung war durchaus Prinzip. Aber am Schluss fehlte selbst ihm der Überblick.



insgesamt 37 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kikolo, 07.05.2009
1. licht mehr licht
philipp daniel kann jetzt schon stolz sein auf das was er da denkt und ventiliert ..ein licht in der finsternis...
Hans Rüdiger, 07.05.2009
2. Respekt!
Hier kommt eine Haltung zum Ausdruck, die selten ist, gern als naiv oder blauäugig abgetan wird, aber wohl mehr "Kerl" verlangt als konservative Patriarchen gemeinhin zu bieten haben - und endlich auch mehr leistet. Respekt!
Stefan Albrecht, 07.05.2009
3. Respekt
Zitat von sysopPhilipp Daniel Merckle, 42, über den Suizid seines Vaters und Lehren aus dem Niedergang des schwäbischen Milliardenimperiums http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,622701,00.html
Mein Respekt für Herrn Philipp Daniel Merckle, der trotz widriger Umstände an Idealen festhält. Auch ich bin überzeugt, dass kein Unternehmen bestehen wird, dass keine Ethischen Grundlagen hat und respektiert. Im übrigen spricht er mir aus der Seele mit seiner Ansicht, dass "groß" nicht gleich "gut" bedeuten muss. Es sind die vielen kleinen und mittelstädnischen Unternehmen, die gut arbeiten, neues erfinden und kreativ sind. Unternehmen, in denen das Ziel Produkte zu schaffen im Mittelpunkt steht und nicht Kapital anzuhäufen.
aloa, 07.05.2009
4. Erstaunlich
Ein unglaublich ehrlicher und offener Mensch, der mit seinen Wertvorstellungen vorlebt, welcher Typ Unternehmer heute (wieder) gefragt ist. Ein Unternehmen kann nur dann dauerhaft erfolgreich sein, wenn es neben einem guten Geschäftsmodell auch einen partnerschaftlichen und respektvollen Umgang mit seinen Kunden und Mitarbeitern pflegt. Die aktuelle Krise ist vornehmlich eine Vertrauenskrise, denn Vertrauen kann nicht entstehen, wo Gewinnmaximierung einziges Ziel ist, egal auf wessen Kosten.
mickell 07.05.2009
5. Respekt
für Sie Herrn Philipp Daniel Merckle!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© DER SPIEGEL 19/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.