AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2009

Global Village Der Viagra-Tunnel

Im Gaza-Streifen herrscht Mangel an allem - nur nicht an Apotheken und Potenzpillen.

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Auf dem Tisch liegen drei Handgranaten. Sie wackeln, als der junge Mann sich auf das Bett daneben setzt und versehentlich an ein Tischbein stößt. Er lehnt seine Kalaschnikow an die Bettkante, nimmt das Magazin heraus und legt es neben sich auf die Matratze.

Eine Wohnung in Rafah, der südlichsten Stadt des Gaza-Streifens. Die Grenze zu Ägypten ist nur 200 Meter entfernt. Der Mann hat eine schwarze Maske über den Kopf gezogen, er ist Schmuggler und will nicht erkannt werden. Er stellt sich als Abu Adil vor.

Die Tunnel, sagt Abu Adil, würden jetzt immer professioneller gebaut. Nachdem Israel im Gaza-Krieg Anfang des Jahres viele dieser Schmuggelwege bombardiert hatte, haben die Palästinenser neue Tunnel mit größerem Durchmesser gegraben. Hohe Kühlschränke seien mittlerweile kein Problem mehr, erzählt der Mann mit der Maske. Auch längere Raketen mit größerer Reichweite würden so in den Küstenstreifen am Mittelmeer transportiert.

Besonders gut aber laufe derzeit das Geschäft mit einer Ware, die nur wenig Platz benötigt. Abu Adil greift in die Hosentasche und zieht ein silberfarbenes Päckchen mit vier rautenförmigen blauen Pillen heraus: Viagra. "Die Nachfrage ist groß", sagt der Schmuggler, und durch die Mundöffnung seiner Strumpfmaske wird ein unsicheres Grinsen sichtbar. Das Thema ist ihm peinlich, aber nicht so peinlich, dass es ihm den Appetit auf das Geschäft mit den Apothekern von Gaza rauben würde.

Einer von ihnen, Hussam al-Halu, 36, aus Gaza-Stadt, steht vor seinen mintgrünen Medikamentenschränken, wie sie für palästinensische Apotheken typisch sind. Vor drei, vier Jahren sei die Potenzpille noch ein Tabu gewesen, sagt Halu, "aber mittlerweile gehen die Leute lockerer damit um".

Sogar die Islamisten von der Hamas würden gegen den Verkauf nicht einschreiten. "Solange der Mann verheiratet ist, erlaubt die Religion den Gebrauch von Viagra." Auch Verhütungsmittel sind strenggläubigen Muslimen nicht verboten.

Er greift unter die Ladentheke und zieht einige Schachteln und Dosen hervor. Er führt Viagra im Original von der US-Firma Pfizer, dazu eine Potenzpille palästinensischer Produktion aus dem Westjordanland sowie Nachahmungen aus der Türkei, Indien und China. Die über Israel eingeführten legalen Pillen sind doppelt so teuer wie die geschmuggelten. "Ich empfehle meinen Kunden die richtigen Viagra, bei den anderen weiß man nie, was drin ist", sagt Halu, "aber die meisten kaufen die geschmuggelten Imitationen."

Der Apotheker spricht fließend Deutsch. Mitte der neunziger Jahre hat er Pharmazie an der Universität Kiel studiert. 1997, vier Jahre nach Gründung der palästinensischen Autonomiebehörde, entschied er sich zurückzukommen, um in Gaza-Stadt eine Apotheke zu eröffnen.

Aber dann verschlechterte sich die Lage zusehends. Nach dem Abzug der jüdischen Siedler aus Gaza gewann die islamistische Hamas die Wahlen, der Westen boykottierte die neuen Machthaber, und Israel schränkte den Handel an den Übergängen zum Gaza-Streifen ein. Vorläufiger Versorgungstiefpunkt war der Krieg gegen die Hamas Anfang des Jahres. Seitdem lassen die Israelis nicht mehr als das Notwendigste an Lebensmitteln und Medikamenten herein.

Hinzu kommt, erzählt Halu, dass es in Gaza zu viele Apotheken gibt, rund 1700 sind es insgesamt, bei einer Bevölkerung von 1,5 Millionen Einwohnern macht das eine Apotheke auf knapp 900 Einwohner. In Deutschland versorgt eine Apotheke viermal so viele Menschen. "Wenn ich gewusst hätte, wie schlimm es hier wird", sagt Halu, "wäre ich nicht zurückgekommen."

Doch ein bisschen profitiert er auch vom Elend in Gaza. Immer mehr Menschen sind auf Antidepressiva angewiesen, und auch den Viagra-Boom führt Halu auf die niederschmetternde Lage im Palästinenserland zurück: "Eigentlich ist Viagra ja etwas für ältere Männer. Aber die meisten meiner Kunden sind zwischen 20 und 35 Jahren, sie sollten eigentlich keine Hilfe benötigen. Offenbar leiden sie unter Stress und Depressionen."

Aber Schwäche einzugestehen fällt in der Männergesellschaft Palästinas schwer. Halu achtet deshalb auf Diskretion. Er kennt alle Abnehmer persönlich. Wenn andere Kunden in der Apotheke seien oder nur sein Assistent hinter dem Tresen stehe, gingen die Viagra-Konsumenten wieder, erzählt er. "Denen ist das peinlich. Sie wollen nicht, dass ihre Frauen davon erfahren."

Die meisten Patienten würden sich die Pillen deshalb gar nicht vom Arzt verschreiben lassen. "Eigentlich braucht man auch bei uns ein Rezept für Viagra", sagt Halu, aber viele könnten sich die umgerechnet zehn Euro für eine Untersuchung nicht leisten. Halu drückt daher meistens ein Auge zu, versichert sich, dass der Käufer keine Herzprobleme hat, und greift dann diskret unter den Ladentisch.

Es gebe zwei Anlässe, zu denen der Verkauf von Viagra absehbar und sprunghaft ansteige: bei Ausgangssperren in Gaza-Stadt sei das so und vor allem zum muslimischen Ruhetag, dem Freitag, da gehe am meisten weg, sagt der Apotheker: "Donnerstag ist Viagra-Tag."



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