AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2009

Zeitgeist Unter Linken

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2. Teil: Eine Kindheit ohne Apfelsinen - aber mit Schwarzweiß-Filmen


Natürlich kaufte meine Mutter aus Prinzip nie Pepsi (USA / Großindustrie / republikanisch) - und Coca-Cola (USA / Großindustrie / demokratisch) auch nur an Kindergeburtstagen und wenn wir mit Erbrechen im Bett lagen. Dann wurde sie uns in kleinen Mengen eiskalt eingeflößt, weshalb sich Cola für mich bis heute, ob nun intendiert oder nicht, mit Krankheit verbindet. Als in den Zeitungen stand, dass in Afrika die Kinder an Milchpulver von Nestlé starben, war sofort das Nesquik vom Frühstückstisch verschwunden. Nachdem mich ein Freund darauf aufmerksam gemacht hatte, dass auch Smarties von Nestlé waren, betete ich inständig, meine Mutter möge das nie herausfinden.

Sobald es um politische Belange ging, konnte sie erstaunlich rigoros sein. Bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr bin ich praktisch ohne Apfelsinen aufgewachsen, eine Erfahrung, die ich mit meinem britischen Journalistenkollegen Nick Cohen teile, wie ich neulich überrascht festgestellt habe: Bestimmte Entbehrungen scheinen die Kinder der Linken gemeinsam erlebt zu haben, und zwar überall im Westen.

In diesem Fall waren die zitrusfruchtproduzierenden Länder der Welt für einen Zeitraum, der unglückseligerweise mit unserer Kindheit zusammenfiel, in die Hände von irgendwelchen Caudillos oder anderweitig fragwürdigen Machthabern geraten. Spanische Orangen konnte man nicht kaufen, solange General Francisco Franco an der Macht war, weil jeder Kauf eine indirekte Unterstützung der Diktatur bedeutet hätte. Südafrika kam wegen des Apartheidregimes nicht in Frage, und Jaffas aus Israel schienen politisch nicht korrekt, solange die Palästinenser so viel zu leiden hatten. Am Anfang blieben uns noch die Orangen aus Florida, aber nach der Wahl von Nixon zum Präsidenten war es auch damit vorbei. Dass mein Bruder und ich nicht dem Skorbut zum Opfer fielen, verdanken wir dem Hinscheiden Francos mit 82 Jahren im November 1975.

Man kann auch ohne Nesquik und Zitrusfrüchte eine glückliche Kindheit verleben. Ich habe keinen Grund, mich zu beklagen - andere Kinder müssen wegen ihres Glaubens ohne Koteletts groß werden und vier Wochen im Jahr fasten. Außerdem waren erstaunliche Ausnahmen möglich. Zu meinem Leidwesen hatte meine Mutter auch eine starke Abneigung gegen Comics gefasst. Das sei Schund, befand sie, und Schund kam bei uns nicht ins Haus. Die Ausnahme von der Regel war "Asterix": Ich besaß alle Bände, angefangen von "Asterix der Gallier" bis "Asterix auf Korsika". Was aus Frankreich kam, galt als kulturhaltig und war damit vom Schundverdacht befreit. Auch beim Fernsehen gab es feine Unterschiede. Hollywood war sogar schlimmer Schund - es sei denn, die Filme waren alt und schwarzweiß oder von Emigranten wie Billy Wilder und Ernst Lubitsch gedreht, dann waren sie Kulturgut und auch für Kinder geeignet. Wie mein Vater die Westernserie "Bonanza" als Familienprogramm am Sonntag durchgesetzt hat, ist mir bis heute ein Rätsel.

Ich weiß nicht mehr, wann mir zum ersten Mal aufging, dass nicht alle Familien so waren wie meine. Ich wusste natürlich, dass es Leute gab, die alles ablehnten, wofür Sozialdemokraten standen, davon war ja am Esstisch ständig die Rede, aber sie spielten eher als abstrakte Bedrohung eine Rolle. In meinem direkten Umfeld kamen sie nicht vor. Im Grunde ist das bis heute so geblieben. Inzwischen kenne ich viele Konservative, das bringt schon mein Beruf mit sich. Das Land wird, nach sieben Jahren unter Rot-Grün, wieder von der CDU und ihrer Kanzlerin geführt, auch die meisten Bundesländer haben an ihrer Spitze einen Ministerpräsidenten der Union stehen. Aber das ändert nichts daran, dass die Konservativen überall dort, wo darüber befunden wird, wie die Dinge zu sehen und zu bewerten sind, praktisch nicht vorkommen.

Gehen Sie in irgendein Schauspielhaus, in ein Museum oder ein Freiluftkonzert: Sie werden schnell feststellen, dass Ideen, die außerhalb der linken Vorstellungswelt siedeln, dort nichts verloren haben. Ein zeitgenössisches Theaterstück, das nicht kritisch mit der Marktwirtschaft abrechnet? Undenkbar. Ein Künstler, dem bis zur Abwahl von George W. Bush zu Amerika auf Anhieb mehr als Guantanamo, Abu Ghuraib und die fehlende Unterschrift unter dem Kyoto-Protokoll einfiel? Indiskutabel. Rock gegen Links? Ein Scherz.

Die Linke hat gesiegt, auf ganzer Linie, sie ist zum juste milieu geworden. Wenn man nach einer Definition sucht, was links sein bedeutet, lässt sich auf ein beeindruckendes Theoriegebäude zurückgreifen. Links ist eine Weltanschauung, auch eine Welterklärung, wie alles mit allem zusammenhängt - aber zunächst ist es vor allem ein Gefühl. Wer links ist, lebt in dem schönen Bewusstsein, im Recht zu sein, ja, einfach immer recht zu haben. Linke müssen sich in Deutschland für ihre Ansichten nicht wirklich rechtfertigen. Sie haben ihre Meinung weitgehend durchgesetzt, nicht im Volk, das störrisch an seinen Vorurteilen festhängt, aber in den tonangebenden Kreisen, also da, wo sie sich vorzugsweise aufhalten.

Sicher, unterwegs haben sie ein paar Niederlagen einstecken müssen. Sie haben den Kampf gegen das Kabelfernsehen verloren, und sie haben auch die Wiedervereinigung nicht verhindern können, aber all das schrumpft im Rückblick zu Nebensächlichkeiten. Die andere Seite weiß noch nicht einmal, wie sie sich selber nennen soll. Niemand in Deutschland, der noch bei Trost ist, bezeichnet sich selbst als rechts. Bürgerlich vielleicht, oder konservativ, aber selbst das nur mit angehaltenem Atem. Rechts ist nicht die andere Seite des Meinungsspektrums, es ist ein Verdammungsurteil.

In der Meinungswirtschaft, in der ich mein Geld verdiene, gibt es praktisch nur Linke. Und wer es nicht ist, behält das lieber für sich. Ein Grund für die kulturelle Dominanz der Linken mag sein, dass die andern nichts zu sagen haben oder die eigenen linken Ideen so überzeugend sind, dass neben ihnen alles verblasst. Ich vermute eher, viele sind links, weil es die anderen auch sind.

Die Anpassungsneigung des Menschen ist eine experimentalpsychologisch gut dokumentierte, aber im Alltagsleben regelmäßig unterschätzte Eigenschaft. Was Überzeugung genannt wird, ist oft nichts anderes als eine Adaptionsleistung im Meinungsumfeld. Opportunismus ist ein hässliches und hier auch ein nicht ganz zutreffendes Wort, weil es die Übernahme von Meinungen aus Berechnung voraussetzt. Nennen wir es lieber Sozialinstinkt: Niemand möchte im Büro derjenige sein, der beim Gang zum Mittagessen als Einziger nicht gefragt wird, ob er mitkommen wolle.



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Seite 1
Albedo4k8, 09.05.2009
1. Wie man ausversehen 352 Seiten mit nichts fuellt!
Jan wir sind Stolz auf dich auch fuer diesen Artikel mit absolut Nullausagen. Nicht schlecht! Aber als Pluspunkt eins zeigt der ganze Schwullst aber schoen das man in Dtld. wohl immer noch plakativ in Schwarz und Weiss denkt egal in welcher Generation man sich befindet! Toll Jan!
5meax 09.05.2009
2. Interessant
Ein wirklich interessanter Artikel. Sehr erfreulich, wie offen in dem Artikel alle Vorurteile und Tabus angesprochen werden ,die seit je her in der Luft liegen, wenn Linke und Konservative zusammen kommen.
Olaf 09.05.2009
3. Keine Sorge!
Zitat von sysopWie man aus Versehen konservativ wird. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,622703,00.html
Ach, Herr Fleischhauer, machen Sie sich nichts draus. Sie sind gar nicht konservativ geworden, Sie schaffen es nur nicht mehr, sich etwas vorzumachen. Egal wie sehr die anderen jetzt noch von der Schönheit der Kleider schwärmen werden, Sie sehen nur noch einen nackten Kaiser. Das nennt sich Realität und ist eigentlich etwas Gutes. ;-)
Willie, 09.05.2009
4. -
Zitat von sysopWie man aus Versehen konservativ wird. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,622703,00.html
Ein wunderbarer Artikel. Mit sehr viel Aehnlichkeiten im Verhalten gewisser konservativer Kreise in meinem Umfeld hier in Chicago -wenn auch mit den Besonderheiten des gegenueberliegenden politischen Spektrums. Wie sich die Menschen doch gleichen.;-)
kofler, 09.05.2009
5. Frage an Dr. Sommer: Macht Konservativismus Pickel?
Manche kommen etwas früher in die Pubertät, andere brauchen eben einen Job als Spiegelredakteur, um spät, aber doch noch, erwachsen zu werden, oder zumindest den Anschein zu erwecken. Gratuliere, aber um die Bandbreite ist es schade.
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