AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2009

Zeitgeist Unter Linken

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3. Teil: Einmal ein gutes Wort über Atomkraft - und der Abend ist gelaufen


Die linke Familie hat viele Sippen, die heftig miteinander konkurrieren, aber am Ende bleibt es eine Familie, die sich auch als solche begreift. Die Linke, mit der ich mein Leben lang zu tun hatte, ist ein Milieu, das man als Links-Bürgertum bezeichnen kann. Im englischen Sprachraum haben sich Begriffe wie "chattering class" oder "creative class" durchgesetzt; Mittelklasse-Sozialismus oder Links-Chic sind andere Versuche der Beschreibung, aber sie meinen alle das Gleiche. Dieses Milieu ist bevölkert von einem Typus, den man leicht an seinen Konsum- und Kulturgewohnheiten erkennen kann (auch wenn er sich selber auf seinen Nonkonformismus viel zugutehält) und der sich durch ein ausgeprägtes Elitebewusstsein auszeichnet, wobei Elite zu den Begriffen gehört, die für ihn so tabu sind wie Nation, Heimat oder Volk.

Man schwärmt für Obama, fürchtet sich vor dem Klimawandel und dem Überwachungsstaat, achtet auf biologisch einwandfreie Ernährung und liest die Meinungsspalte der "Süddeutschen", das Feuilleton der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" und, mit einer gewissen zur Schau gestellten Verachtung, den Politikteil des SPIEGEL. Die Kinder gehen auf ausgesuchte Schulen, auch wenn man grundsätzlich für die Gemeinschaftsschule ist, das Wochenende verbringt man gerne bei Freunden auf dem Land, die dort seit Jahren eine Naturstein-Kate renovieren, natürlich denkmalschutzgerecht, und beim Italiener erfolgt die Bestellung grundsätzlich in der Landessprache des Wirtes, egal wie gut oder schlecht man Italienisch spricht. Sicher, das eine oder andere mag sich auch bei Liberalen und Konservativen finden, aber eben nicht in der Ausschließlichkeit und schon gar nicht als Konstitutionsmerkmal eines Lebensstils.

Der Marktwirtschaft steht man in dieser Gesellschaftsschicht kritisch gegenüber, ohne genau sagen zu können, was die Alternative wäre. Die gegenwärtige Wirtschaftskrise ist so gesehen ein Gottesgeschenk, weil sie einen in allen Vorurteilen aufs Schönste bestärkt und jeder weiteren Argumentationsmühe enthebt. Man muss in einer Diskussion nur "Ackermann" oder "Wall Street" rufen, wenn sich jemand mit einem schüchternen Einwand hervortraut, und schon wackeln alle Umstehenden einverständig mit dem Kopf, und der Störenfried zieht sich, Entschuldigungen murmelnd, zurück. Nun hofft man nur insgeheim, dass die Krise des Kapitalismus nicht zu weit voranschreitet, weil auch der eigene Wohlstand dran hängt und seit 150 Jahren der Beweis aussteht, dass mit dem alten Marx ebenfalls ein auskömmlicher Lebensabend garantiert wäre.

Ich habe irgendwann den Anschluss verpasst. Ich kann nicht sagen, wann es passierte, es gibt keinen Tag und kein Ereignis, die mich von der Linken entfremdeten. Ich kann noch nicht mal behaupten, ich hätte bewusst Abstand genommen. Es passierte einfach. Plötzlich konnte ich nicht mehr lachen, wenn man sich zum x-ten Mal über die Physiognomie Kohls lustig machte. Ich stellte fest, dass ich erleichtert war, als meine Söhne das Puppenhaus, das mein Schwiegervater und ich für sie gebaut hatten, zu einer Parkgarage umfunktionierten. Wenn die Diskussion auf die Nutzlosigkeit von Ehe und Familie kam, war ich derjenige, der insgeheim jedem verheirateten Paar die Daumen drückte, es möge möglichst lange durchhalten. Einmal traute ich mich sogar, in einem Partygeplänkel zum Klimawandel ein gutes Wort für die Atomenergie einzulegen - der Abend war dann allerdings gelaufen.

Am Anfang versuchte ich, meine konservativen Neigungen zu unterdrücken. Ich redete mir ein, sie würden vorbeigehen wie jugendliche Hitzewallungen. Beim nächsten Kohl-Witz lachte ich dafür besonders laut, um nicht aufzufallen. Kurz, ich verhielt mich wie ein vierzigjähriger Familienvater, der plötzlich entdeckt, dass er schwul ist, und nicht weiß, was er tun soll.

Es hatte frühe Anzeichen für meine Veranlagung gegeben, im Nachhinein ließen sie sich deutlich erkennen. Meine Schulfreundin Fontessa meint sogar, sie habe es schon immer gewusst. Als wir vor drei Jahren bei einem Klassentreffen Jugenderinnerungen austauschten und ich dabei auch auf meinen Seitenwechsel zu sprechen kam, sah sie mich nur mitleidig an und sagte: "Jan, du warst doch nie richtig links, das war doch bei dir immer nur Pose." Ich fühlte mich ertappt, dabei meinte sie es gar nicht bös.

Das Schwierigste für jeden späten Konservativen ist immer das Coming-out. Es ist ein Moment, den man hinauszögert, solange es geht. Man fürchtet die Reaktion der Kollegen, man will auch seine Eltern nicht beschämen. Meine Mutter wird dieses Jahr 73, was es zunehmend unwahrscheinlich macht, dass sie ihre Vorurteile gegenüber Konservativen jemals ablegen wird. Sie versucht, im Umgang höflich zu sein und sich nichts anmerken zu lassen, aber manchmal treten ihre Vorbehalte in einer selbst für mich schockierenden Deutlichkeit zum Vorschein.

"Ein schrecklicher, schrecklicher Mensch", seufzte sie indigniert, als ich nach dem Wahlsieg von CDU-Bürgermeister Ole von Beust über den "Zeit"-Herausgeber Michael Naumann mit ihr telefonierte: "Dass wir von so jemandem regiert werden." Sie klang gerade so, als ob Hamburg von einem gerichtsnotorischen Betrüger geführt würde, und ich kann nicht ausschließen, dass sie es genau so sieht. Was den eigenen Sohn angeht, hat sie beschlossen, über alle Verirrungen hinwegzusehen. Sie verhält sich wie eine dieser englischen Damen, die nichts mehr im Leben wirklich erschüttern kann und die einfach weiterplaudern, wenn neben ihnen jemand aus der Rolle fällt.

Inzwischen habe ich gelernt, mit meinem Konservativsein offensiv umzugehen. Ich traue mich manchmal sogar, Vorurteile direkt anzusprechen. Neulich hatten wir ein Ehepaar zu Gast, das wir seit längerem kennen, aber mit dem der Kontakt zuletzt etwas abgebrochen war. Er ist vor nicht allzu langem Professor für Jura an einer ostdeutschen Uni geworden, sie promotet Golfplätze. Das Gespräch kam zügig auf den letzten Michael-Moore-Film, und unser Freund behauptete plötzlich, im gesamten Mittleren Westen der USA dürfe der Film nicht gezeigt werden. So wie er es sagte, klang es, als ob Moore ein französischer Autorenfilmer sei, der den Amerikanern endlich den Spiegel vorhalte, was die nicht ertragen könnten.

Ich hatte eine ziemlich präzise Vorstellung, wie das Gespräch weitergehen würde, und wusste, dass ich mich nachher wieder über mich ärgern würde, weil ich nicht entschieden genug widersprochen hatte. "Um es kurz zu machen, weil wir ja dann eh auf diesen Punkt kommen", hörte ich mich selber sagen: "Nein, ich glaube nicht, dass die CIA hinter den Anschlägen vom 11. September steckt, und ja, wir haben gerne in Amerika gelebt." Es war dann sehr still, wir tranken unseren Tee, und die beiden verabschiedeten sich schnell. Ich war erschrocken über mich selbst, aber auch ein klein wenig stolz.



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Albedo4k8, 09.05.2009
1. Wie man ausversehen 352 Seiten mit nichts fuellt!
Jan wir sind Stolz auf dich auch fuer diesen Artikel mit absolut Nullausagen. Nicht schlecht! Aber als Pluspunkt eins zeigt der ganze Schwullst aber schoen das man in Dtld. wohl immer noch plakativ in Schwarz und Weiss denkt egal in welcher Generation man sich befindet! Toll Jan!
5meax 09.05.2009
2. Interessant
Ein wirklich interessanter Artikel. Sehr erfreulich, wie offen in dem Artikel alle Vorurteile und Tabus angesprochen werden ,die seit je her in der Luft liegen, wenn Linke und Konservative zusammen kommen.
Olaf 09.05.2009
3. Keine Sorge!
Zitat von sysopWie man aus Versehen konservativ wird. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,622703,00.html
Ach, Herr Fleischhauer, machen Sie sich nichts draus. Sie sind gar nicht konservativ geworden, Sie schaffen es nur nicht mehr, sich etwas vorzumachen. Egal wie sehr die anderen jetzt noch von der Schönheit der Kleider schwärmen werden, Sie sehen nur noch einen nackten Kaiser. Das nennt sich Realität und ist eigentlich etwas Gutes. ;-)
Willie, 09.05.2009
4. -
Zitat von sysopWie man aus Versehen konservativ wird. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,622703,00.html
Ein wunderbarer Artikel. Mit sehr viel Aehnlichkeiten im Verhalten gewisser konservativer Kreise in meinem Umfeld hier in Chicago -wenn auch mit den Besonderheiten des gegenueberliegenden politischen Spektrums. Wie sich die Menschen doch gleichen.;-)
kofler, 09.05.2009
5. Frage an Dr. Sommer: Macht Konservativismus Pickel?
Manche kommen etwas früher in die Pubertät, andere brauchen eben einen Job als Spiegelredakteur, um spät, aber doch noch, erwachsen zu werden, oder zumindest den Anschein zu erwecken. Gratuliere, aber um die Bandbreite ist es schade.
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