AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 19/2009

Zeitgeist Unter Linken

Wie man aus Versehen konservativ wird.

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Ich kann von mir sagen, ich kenne mich aus mit den Linken, ich habe mein halbes Leben unter ihnen verbracht. Meine Eltern waren links, die Schulkameraden und die Mehrzahl meiner Lehrer, die Kommilitonen an der Universität und natürlich alle Professoren. Die meisten meiner Kollegen sind es noch heute.

Es ist nicht so, dass ich darunter gelitten hätte. Ich bin sehr behütet aufgewachsen, links behütet eben. Meinen ersten Disney-Film habe ich zusammen mit meinen eigenen Kindern gesehen. Als McDonald's eine Filiale in unserem Stadtteil aufmachte, hielt mir mein Vater einen ernsten Vortrag über den verderblichen Einfluss amerikanischer Fast-Food-Kultur. Der Genuss meines ersten Burgers war ein Akt jugendlicher Auflehnung; bis heute habe ich bei einem der gelegentlichen Besuche einen Rest schlechten Gewissens.

Ich gehöre zu einer Generation, die gar nichts anderes kennt als die Dominanz der Linken. Wo ich aufgewachsen bin, waren alle links. Das ist insofern nicht ganz selbstverständlich, als ich in einer Gegend groß wurde, die man gemeinhin als Villenviertel bezeichnet. Die Freunde meiner Eltern wählten alle SPD oder, später dann, Grün, und deren Freunde natürlich auch.

Irgendwo muss es in unserer Nähe auch ein paar Unionsanhänger gegeben haben, vermutlich sogar unter den Nachbarn, schließlich war Wellingsbüttel im Hamburger Norden einer der wenigen Stadtteile, wo die CDU in den siebziger Jahren auf über 50 Prozent der Stimmen kam. Aber man sah sie nie. Im Hockeyclub traf man Henning Voscherau, den späteren SPD-Bürgermeister, und beim Einkaufen den "Panorama"-Chef vom NDR, der gerade ein kritisches Feature über Franz Josef Strauß und die Waffenlobby fertiggestellt hatte.

Meine Mutter ist 1969 bei den Sozialdemokraten eingetreten, aus Begeisterung für Willy Brandt. Sie hat ihre Verpflichtungen dort immer sehr ernst genommen. Wenn man auf Politik zu sprechen kam, konnte sie ausgesprochen leidenschaftlich werden, was dazu führte, dass Diskussionen mit ihr so lange dauerten, bis man manchmal einfach aus Erschöpfung nachgab. Ich habe sie in all den Jahren nicht einmal sagen hören, der Partei sei in einer wichtigen Sache ein Fehler unterlaufen. Taktische Schwächen sicher, aber nichts Grundlegendes. Die andere Seite hingegen irrte sich ständig, sie reihte Fehlentscheidung an Fehlentscheidung oder war innerlich so verrottet, dass sie aus Berechnung das Land in die Irre leitete. Es war erstaunlich, wie schwer es den Sozialdemokraten unter diesen Umständen fiel, sich an der Macht zu halten. Aber das bewies nach Meinung meiner Mutter nur, mit welch unsauberen Methoden der Gegner kämpfte.

Die SPD war in meiner Familie weit mehr als ein Zusammenschluss Gleichgesinnter, sie galt bei uns als eine Art politischer Heilsarmee, die Deutschland von den Resten des Faschismus reinigen und in eine bessere, gerechtere, demokratischere Zukunft führen würde. Sie stand für das Gute im Land, sie verkörperte in der Summe ihrer Mitglieder und Anhänger gewissermaßen die in Deutschland verfügbare Gutherzigkeitsmenge. Vielleicht redeten wir deshalb auch nie von der SPD als SPD, sondern immer nur von der Partei, so wie in katholischen Haushalten andächtig von der Kirche gesprochen wird, eine von mehreren überraschenden Parallelen zwischen linker und christlicher Welt, wie ich später feststellen konnte.

Was von Konservativen zu halten war, lag auf der Hand: Entweder waren sie stockreaktionär, weil sie sich dem Fortschritt verweigerten, oder auf gefährliche Weise borniert, also wahlweise verachtens- oder bemitleidenswerte Figuren. Bei uns zu Hause hießen sie nur "die Schwarzen", ein Begriff, der für mich verdächtig nach dem "schwarzen Mann" klang, vor dem man sich als Kind tunlichst in Sicherheit brachte.

Buchtipp
In seinem Buch "Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde" beschreibt SPIEGEL-Redakteur Jan Fleischhauer den Aufstieg der Linken von einer Protestbewegung zur kulturell dominierenden Herrschaftsformation.

Das Buch (352 Seiten, 16,90 Euro) ist im Rowohlt Verlag erschienen.

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Meine erste politische Kindheitserinnerung ist das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt im Bundestag. Ich war neun Jahre alt, in der Küche lief das Radio; ich wartete auf das Mittagessen, aber meine Mutter stand regungslos am Herd und hörte mit geschlossenen Augen zu, wie die Stimmenauszählung übertragen wurde. Hätte vom Ergebnis der Ausbruch eines neuen Krieges abgehangen, wäre die Spannung nicht größer gewesen - und die Erlösung, dass es anders kam als allgemein erwartet und der Kanzler vor dem feigen Anschlag der CDU wie durch ein Wunder gerettet war. Ich begriff früh, dass in der Politik zwei ewige Mächte miteinander ringen, die Macht des Lichts und die der Finsternis. Je früher man sich entschied, auf welcher Seite man sein wollte, desto besser.

Mein Vater stand den Sozialdemokraten eher gefühlsmäßig nahe. Bei politischen Diskussionen hielt er sich zurück, da ließ er meiner Mutter den Vortritt, aber es war klar, dass er sie in allem unterstützte. Ich habe ihn später mal in Verdacht gehabt, heimlich die CDU gewählt zu haben, als Oskar Lafontaine gegen Helmut Kohl antrat, aber er hat stets vehement abgestritten, die CDU jemals in Betracht gezogen zu haben. Eine Stimme für Kohl hätte die sofortige Scheidung bedeutet, und auch später noch wäre jede Affäre mit einer anderen Frau aus Sicht meiner Mutter verzeihlicher gewesen als ein Seitensprung am Wahltag.

Es ist kein Schaden, in einem Haushalt aufzuwachsen, in dem die nationale Herkunft von Imbisskost ein politisches Thema ist, das über das richtige Bewusstsein Aufschluss gibt: Es trainiert einen, von klein auf wachsam zu sein gegen moralische Fallstricke. Wie bei allen guten linken Familien konnten bei uns scheinbar alltägliche Entscheidungen eine Tragweite haben, die sich politisch Außenstehenden nur schwer erschließt. Bei jedem Einkauf im Supermarkt war nicht nur ein Urteil über Frische und Geschmack der angebotenen Waren zu treffen, sondern auch über ihre moralische Qualität. Biohaferflocken waren Industriemüsli unbedingt vorzuziehen, selbst wenn sie wie Kleie schmeckten, weil wir grundsätzlich großen Marken misstrauten und kleine Kooperativen unterstützten.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 164 Beiträge
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Seite 1
Albedo4k8, 09.05.2009
1. Wie man ausversehen 352 Seiten mit nichts fuellt!
Jan wir sind Stolz auf dich auch fuer diesen Artikel mit absolut Nullausagen. Nicht schlecht! Aber als Pluspunkt eins zeigt der ganze Schwullst aber schoen das man in Dtld. wohl immer noch plakativ in Schwarz und Weiss denkt egal in welcher Generation man sich befindet! Toll Jan!
5meax 09.05.2009
2. Interessant
Ein wirklich interessanter Artikel. Sehr erfreulich, wie offen in dem Artikel alle Vorurteile und Tabus angesprochen werden ,die seit je her in der Luft liegen, wenn Linke und Konservative zusammen kommen.
Olaf 09.05.2009
3. Keine Sorge!
Zitat von sysopWie man aus Versehen konservativ wird. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,622703,00.html
Ach, Herr Fleischhauer, machen Sie sich nichts draus. Sie sind gar nicht konservativ geworden, Sie schaffen es nur nicht mehr, sich etwas vorzumachen. Egal wie sehr die anderen jetzt noch von der Schönheit der Kleider schwärmen werden, Sie sehen nur noch einen nackten Kaiser. Das nennt sich Realität und ist eigentlich etwas Gutes. ;-)
Willie, 09.05.2009
4. -
Zitat von sysopWie man aus Versehen konservativ wird. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,622703,00.html
Ein wunderbarer Artikel. Mit sehr viel Aehnlichkeiten im Verhalten gewisser konservativer Kreise in meinem Umfeld hier in Chicago -wenn auch mit den Besonderheiten des gegenueberliegenden politischen Spektrums. Wie sich die Menschen doch gleichen.;-)
kofler, 09.05.2009
5. Frage an Dr. Sommer: Macht Konservativismus Pickel?
Manche kommen etwas früher in die Pubertät, andere brauchen eben einen Job als Spiegelredakteur, um spät, aber doch noch, erwachsen zu werden, oder zumindest den Anschein zu erwecken. Gratuliere, aber um die Bandbreite ist es schade.
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