AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2009

Konzerne Plan B und die Zeitbombe

Porsche-Chef Wiedeking hat die Übernahmeschlacht gegen VW verloren - mit teils bizarren Konsequenzen nicht nur für die beiden Unternehmen. Manche Banker empfehlen sogar, auf eine Insolvenz des Zuffenhausener Sportwagenbauers zu warten.


Verlierer sehen eigentlich anders aus. Wendelin Wiedeking schmunzelte erst ein wenig, dann lächelte er rosig. Rund 3000 Porsche-Arbeiter jubelten ihm zu. Frühmorgens um 7.30 Uhr hatten sie sich am Donnerstag vergangener Woche in Zuffenhausen zur Betriebsversammlung getroffen.

Dabei waren viele der Frühschichtler vorher irritiert bis verängstigt. Tags zuvor hatten die Familienclans der Porsches und Piëchs darüber zu entscheiden, wie es weitergeht mit dem Sportwagenbauer, der sich so schmerzhaft verhoben hat bei dem Versuch, den Riesen VW zu übernehmen (SPIEGEL 17/2009). Es kursierten sogar Meldungen, dass Porsche möglicherweise an VW verkauft werden muss.

"Die Familien sind sich einig", verkündete ihr Boss Wiedeking dann, "Porsche wird nicht verkauft." Seine Arbeiter klatschten und trampelten erleichtert mit den Füßen.

Stattdessen solle es künftig einen "integrierten Automobilkonzern" geben, in dem Porsche und Volkswagen vereint wären. Wie dies genau organisiert werde, sei noch offen. Für die Porsche-Belegschaft aber werde sich "nichts Wesentliches ändern", versprach der Unternehmenschef.

Als Erfolg aber wollte nicht einmal er das Ergebnis des Familientreffs in Salzburg verkaufen. Die Verbindung von VW und Porsche, so Wiedeking, werde "keine Hochzeit im Himmel, sondern eine Vernunftehe".

Man realisiere jetzt "Plan B", erläuterten Wiedekings Mitarbeiter später. Es ist das Eingeständnis, dass Plan A definitiv gescheitert ist: Porsche kann den VW-Konzern nicht übernehmen. Eine Vision, mit der die Firma seit September 2005 erst die Automobilindustrie verblüfft und dann sogar die Aktienmärkte in Turbulenzen gestürzt hatte. Jetzt muss Porsche ums eigene Überleben kämpfen. Und Hilfe kann nur vom Ziel der Attacke kommen: von Volkswagen.

Während Porsche aktuell unter einer Schuldenlast von neun Milliarden Euro leidet und für mehr als drei Milliarden eine neue Finanzierung finden muss, verfügt der Wolfsburger Konzern über Barreserven von mehr als zehn Milliarden.

Die finanziellen Verhältnisse repräsentieren auch die neuen Relationen der Macht. Jetzt ist der Porsche-Boss nicht mehr derjenige, der lautstark den Ton angibt. Wiedeking ist auf die Unterstützung jener angewiesen, die er im Laufe des Übernahmeversuchs kräftig und immer wieder brüskiert hatte.

Da ist VW-Betriebsratschef Bernd Osterloh, mit dem er um Mitbestimmungsrechte stritt. Da sind VW-Vorstände, denen er Geldverschwendung mit Luxusmodellen vorwarf. Und da ist nicht zuletzt CDU-Ministerpräsident Christian Wulff, dem er die Sonderrechte entreißen wollte, die das VW-Gesetz dem Land Niedersachsen als Wolfsburger Großaktionär gewährt.

Sie alle müssen nun zustimmen, wenn Volkswagen der Firma Porsche aus der Finanzklemme helfen soll. Porsche ist mit 50,8 Prozent zwar mittlerweile Mehrheitseigentümer von VW. Aber Volkswagen darf seinem in Bedrängnis geratenen Großaktionär nicht einfach ein paar Milliarden überweisen. Das käme Untreue gleich gegenüber Niedersachsen, das gut 20 Prozent an VW hält, und den anderen Aktionären.

VW-Chef Martin Winterkorn und sein Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch entwickelten deshalb den Plan, VW könnte das Sportwagengeschäft von Porsche für rund elf Milliarden Euro kaufen. Davon halten Wiedeking und sein eigener Finanzchef Holger Härter aber gar nichts.

Die Porsche-Holding wäre dann nur noch eine "leere Hülle", die ihre restlichen Schulden kaum begleichen könnte, trugen die beiden beim Treffen der Familien Porsche und Piëch am vergangenen Mittwoch in Salzburg vor. Zudem müssten die Familienstämme mit einem Wertverlust von 15 bis 20 Prozent rechnen.

Die Porsche-Manager präferieren ein anderes Modell, das die Deutsche Bank und die Investmentprofis von Goldman Sachs ausgearbeitet haben (siehe Grafik). Dies würde den Familien sogar einen Vermögenszuwachs von fünf Prozent ermöglichen, glauben sie: Porsche und Volkswagen sollten zu einem neuen Konzern verschmelzen. Unter dem neuen gemeinsamen Dach wären dann die neun Pkw-Marken des VW-Konzerns mit Porsche vereint. In dieser Vernunftehe könnten die Schulden, die Porsche mit einbringt, durch das Vermögen von VW getilgt werden.

Niedersachsens Ministerpräsident Wulff ist skeptisch. Er könnte einem solchen Deal nur zustimmen, wenn Porsche ebenso viel Werte mit in die Verbindung brächte wie Schulden. Zudem will er den Einfluss des Landes auf die Unternehmenspolitik nicht schmälern lassen. Bislang garantiert ihm das VW-Gesetz eine starke Position. Gegen den Willen der Landesregierung kann bei VW keine wesentliche Entscheidung getroffen werden.

Wiedeking kämpft seit dem Einstieg von Porsche bei VW vor knapp vier Jahren gegen dieses Gesetz. Seine gesamte Übernahmestrategie baute er auf einer einzigen Voraussetzung auf: Die Europäische Union werde diese Regelung kippen.



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