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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2009

Journalismus: Die Bürger-Kings

Von und

Leser in der Rolle von Reportern müssen sich nicht mehr damit begnügen, in privaten Blogs ihre Meinungen kundzutun. Mittlerweile buhlen auch etablierte Zeitungen und TV-Sendungen um die Mitarbeit der Amateure. Eine Gefahr für den professionellen Journalismus?

Als Alan Rusbridger jüngst nach Berlin reiste, hatte er vor allem ein Ziel: Provokation. "Viele Dinge wissen normale Menschen da draußen besser als Journalisten", sagte er und lächelte sein Publikum kühl an. Vor ihm saßen fast ausschließlich Medienmenschen. Und je länger der Vortrag dauerte, desto unglücklicher wirkten manche.

Rusbridger ist nicht irgendein Berufsnörgler, sondern Chefredakteur der britischen Qualitätszeitung "Guardian". Der Brite doziert gern mit leiser Stimme über die Zukunft des Journalismus, wie er sie sieht. Und es ist eine Zukunft, in der Laien eine große Rolle spielen.

In Rusbridgers Zukunftsvision bloggen Leser ihre Meinung. Sie twittern, was sie Neues hören, und helfen, wo die Profis in den Redaktionen womöglich nicht mehr weiterwissen. In Rusbridgers schöner neuer Medienwelt erscheinen die Leser als ständig präsente, kompetente und zudem noch sehr billige millionenfache Helferchen für alle Probleme des journalistischen Alltags.

Die Offensive bleibt nicht ohne Gegenwehr. Wo Rusbridger auftritt, gibt es kritische Nachfragen bis lautstarken Protest. Die einen sehen durch die Kostenlos-Kultur des Internet das Abendland in Geschwätz versinken. Die anderen schwärmen von den unendlichen Möglichkeiten grenzenloser Vernetzung mit ihren Lesern, Zuschauern, Hörern, die jetzt nicht mehr Nur-Leser, Nur-Zuschauer und Nur-Hörer sein dürfen, sondern selbst Journalisten.

In der Debatte schenken sich beide Seiten nichts. Dass Leser im Zweifelsfall auch nicht dümmer seien als Journalisten, sei für viele Kollegen eine "schwere Kränkung ihres journalistischen Narzissmus", lästert etwa Jakob Augstein, Verleger der linken Wochenzeitung "Der Freitag" und Mitgesellschafter des SPIEGEL.

Der britische Online-Kritiker und Buchautor Andrew Keen schimpft dagegen scharf: Im Web wimmle es von einem "Haufen größtenteils anonymer, selbstbezüglicher Dünnbrettbohrer". Bei einer Anhörung des US-Senats zur Zeitungskrise in der vergangenen Woche ätzte der Ex-Journalist und Drehbuchautor David Simon gegen die Wortschöpfung "Bürgerjournalist": Ein Nachbar mit einem Gartenschlauch sei ja auch noch "kein Bürgerfeuerwehrmann".

Eines haben Skeptiker und Optimisten auf jeden Fall gemeinsam: Beide sprechen so, als ginge es für den Journalismus zurzeit um alles oder nichts.

Dabei ist die Entwicklung der vergangenen Jahre weder sonderlich überraschend noch wirklich revolutionär: Das Internet hat sich zum Mitmach-Web entwickelt, zum sogenannten Web 2.0. Warum sollte diese Entwicklung ausgerechnet vor dem Journalismus stoppen? Wenn man Rusbridger folgt, hat der "Guardian" mit der Leserhilfe lediglich besonders gute Erfahrungen gemacht.

Als die Redaktion ein schwerverständliches Dokument zugespielt bekam, stellte sie es kurzerhand online und erhielt prompt erhellende Anmerkungen durch ihre Leser. Als der "Guardian" ein verwackeltes Amateurvideo vom G-20-Gipfel exklusiv auf seine Web-Seite stellte, gingen die Bilder um die ganze Welt. In der Filmsequenz ist zu sehen, wie der Zeitungshändler Ian Tomlinson kurz vor seinem Tod von der Polizei zu Boden gestoßen wurde. "Bei den Protesten waren eben nicht nur ein paar Journalisten dabei, sondern Zehntausende Reporter mit ihren Kamera-Handys", sagt Rusbridger.

Doch der "Guardian" geht noch weiter. Die Profis geben auch die Deutungshoheit über Ereignisse zunehmend aus der Hand. Waren einst die zehn Kommentatoren des Blatts die Meinungsmacher, stehen sie heute einer erheblich größeren Konkurrenz im Netz gegenüber. Bis zu 50.000 Kommentare erreichen allein den "Guardian" jeden Tag. Immer mehr davon landen auch im Blatt. "Da sind wahre Schätze dabei", lobt Rusbridger seine Bürger-Kings. Die Unterscheidung zwischen Profis und Amateuren verwischt dabei zusehends.

Darin könnte eine Gefahr für den Profi-Journalismus liegen. Zeitungen genießen bei den Deutschen eine hohe Glaubwürdigkeit. Laut einer Umfrage von TNS Emnid vertrauen rund 60 Prozent der Bundesbürger der Tageszeitung. Internet-Beiträge dagegen finden nur gut 19 Prozent vertrauenswürdig. Wenn man beides miteinander mischt, dürfte das bald der eigenen Reputation schaden.

Doch so weit ist man in Deutschland längst nicht. Es brauche eine kritische Masse von Usern, um unterm Strich auch wirklich Qualität zu erreichen, meint "Tempo"-Erfinder Markus Peichl, der sich seine ganz eigene Formel zurechtgelegt hat: 90/9/1. Nach der wollen 90 Prozent der Leser einfach nur konsumieren, 9 Prozent kommentieren. Nur ein Prozent wolle wirklich mitkreieren. Peichl sieht das Problem darin, "dass unter dem einem Prozent der Menschen, die gestalten wollen, wiederum mehr als 70 Prozent nicht gerade Genies sind". Man brauche gerade jetzt bei professionellen Medien mehr Leute als vorher, die "die ganze Datenflut überprüfen, die aus dem Netz kommt".

Hierzulande dominiert unter dem Begriff Leserjournalismus daher noch das Überflüssige. "Bild" erwartet demnächst den zehntausendsten Abdruck häufig ziemlich belangloser Leserreporterfotos und -beiträge.

Auch im Fernsehen setzt man immer mehr auf die billigen Zulieferungen von der Basis. RTL sendet hier und da Beiträge von "Zuschauer-Reportern". Doch mehr als eine Nebenrolle ist derzeit nicht drin.

Das ZDF etwa lässt die Zuschauer als Fragesteller auftreten. Die Polit-Talkshow "Maybrit Illner" spielt Filme von YouTube-Nutzern ab. Illner ist begeistert. Ihre Redaktion arbeite aktuell an einem neuen Format für die Bundestagswahl, sagt sie. "Auch dort sollen YouTube-Videos und andere interaktive Elemente eine große Rolle spielen."

In Deutschland wagt derzeit Jakob Augstein das am weitesten gehende Experiment. Augstein hat das linke Blatt "Der Freitag" - verkaufte Auflage 18 200 Stück - erstanden und der Zeitung vor ein paar Monaten ein neues Konzept verordnet. Neben dem Blatt will er eine "Community" aufbauen. Diese Leser- und Schreiber-Kommunarden können sich auf der Internet-Seite des "Freitag" ausleben. Gelungene Texte werden ins Redaktionsangebot übernommen - manche schaffen es bis in die Printausgabe. Dann zahlt der Verlag auch ein Honorar. Bis zu zehn Prozent der Zeitung sollen so gefüllt werden.

Augstein glaubt fest an die Zukunft dieser Leser-Schreiber. Doch man brauche noch viel Zeit, um eine journalistische Kultur für das Web 2.0 zu entwickeln, meint er. "Das Prinzip funktioniert, aber wir stehen ganz am Anfang. Dieser neue Bürgerjournalismus muss seine Glaubwürdigkeit erst noch erarbeiten."

Den eigentlichen Unterschied zwischen Bloggern und klassischen Journalisten sieht der Sohn des SPIEGEL-Gründers Rudolf Augstein darin, dass Journalismus immer an eine Institution gebunden sei, die mit ihrem Namen für das Geschriebene oder Gesendete einstehe. Blogger für sich allein könnten da nicht mithalten. "Doch wenn etwa der ,Guardian' mit seinem Namen hinter einem Blogger steht, gewinnt der an Glaubwürdigkeit."

Andererseits: Selbst Plattformen mit einem durchaus glaubwürdigen Namen dahinter haben es schwer. Etwa "Tausendreporter" von stern.de. "Das Portal läuft nicht so gut, dass es die Mutterseite befeuern könnte", sagt stern.de-Chefredakteur Frank Thomsen.

Leser können dort seit knapp zwei Jahren selbst Neues über aktuelle Ereignisse berichten und diskutieren. Doch die wenigen Beiträge werden oft von kaum mehr als einer Handvoll Leser debattiert. "Mancher in der Branche hat davon geträumt, mit ,User generated content' den Journalismus ersetzen zu können", sagt Thomsen. "Das ist definitiv gescheitert. Profis werden weiterhin gebraucht."

Zum wirklichen Problem werden Amateurbeiträge vor allem dann, wenn man mit ihnen Umsatz machen möchte. Denn so innovativ der "Guardian" auch sein mag: Geld verdient er keines. Die Zeitung überlebt nur, weil die Stiftung, der sie gehört, ihr Geld anderswo gut angelegt hat. Erst vergangenen Donnerstag kündigte der Verlag an, dieses Jahr 50 Redakteursstellen zu streichen.

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Forum - Mehr Amateure - Zukunft des Journalismus?
insgesamt 49 Beiträge
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1.
razio 14.05.2009
Zitat von sysopSelbst etablierte Medien setzen verstärkt Amateure als Schreiber, Fotografen und Filmer ein - trotz scharfer Proteste vieler Profis. Sind Leser die besseren Reporter - oder gefährden sie die journalistische Kultur?
Was macht denn einen Profi aus? Kontakte? Überparteilichkeit? Hintergrundwissen?
2.
Muffin Man, 14.05.2009
Zitat von sysopSelbst etablierte Medien setzen verstärkt Amateure als Schreiber, Fotografen und Filmer ein - trotz scharfer Proteste vieler Profis. Sind Leser die besseren Reporter - oder gefährden sie die journalistische Kultur?
Die journalistische Kultur wird lediglich durch die Einflußnahme gewisser Interessengruppen, das Diktat des "polical correcten" Zeitgeists und die Einsparung jeglicher Faktenprüfung gefährdet. Der Einsatz ehrenamtlich tätiger Leser als "Beirat" dient lediglich der Rückversicherung der bereits abgespeckten Verlagshäuser, Art, Umfang und Themenwahl der Berichterstattung nicht mehr ganz so inzestuös zu gestalten, wie's in den letzten Jahren, innerhalb derer eben schmerzlich viele Leser ihre Abonnements gekündigt haben, nun mal geschehen ist...
3.
spydergyrl 14.05.2009
Zitat von sysopSelbst etablierte Medien setzen verstärkt Amateure als Schreiber, Fotografen und Filmer ein - trotz scharfer Proteste vieler Profis. Sind Leser die besseren Reporter - oder gefährden sie die journalistische Kultur?
Da sag noch einer, es gebe keine Jobs für Niedrigqualifizierte. Oder sind wir mittlerweile im Zeitungswesen beim Null-Euro-Job angekommen?
4.
brigitta b. 14.05.2009
Zitat von sysopSelbst etablierte Medien setzen verstärkt Amateure als Schreiber, Fotografen und Filmer ein - trotz scharfer Proteste vieler Profis. Sind Leser die besseren Reporter - oder gefährden sie die journalistische Kultur?
Ich bezahle mein Abo und ich möchte dafür Qualität bekommen. Dabei lege ich auch Wert auf einen sprachlich einigermaßen anständigen Stil. Nicht, dass Schülerzeitungsredakteure nicht auch ordentlich schreiben können - aber eben für Schülerzeitungen. Wer sich auf Schülerzeitungsniveau begibt (z.B. der Kölner Stadt-Anzeiger aus dem Hause Neven-DuMont), muss sich nicht wundern, wenn die Leser, die von ihrer Zeitung etwas mehr wollen (z.B. anständige Hintergrundinformationen), sich abwenden. "Immer billiger" (klar kostet der Student, der sich mit ein paar Zeilen Geld verdient, weniger als ein gestandener Redakteur) wird sich irgendwann in niedrigeren Auflagezahlen niederschlagen. Jedenfalls dann, wenn den Lesern Bouelvard/Sensationsgier/Trash nicht mehr genügt.
5.
Muffin Man, 14.05.2009
Zitat von razioWas macht denn einen Profi aus? Kontakte? Überparteilichkeit? Hintergrundwissen?
Der Profi liefert die gewünschte (http://www.tagesspiegel.de/politik/international/russland/Russland-Nato-Gorbatschow;art1186,2797669) Emotionalisierung der Desinformation... Medien sind daran interessiert, ihren Kunden eine unerschütterliche Weltanschauung vorgefertigt zu servieren: Für Abwägungen oder Zweifel ist kein Platz...
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