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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2009

Medizin: Wahrsager im Labor

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Sind Genom-Analysen ohne klinische Bedeutung? Je genauer Wissenschaftler das menschliche Erbgut untersuchen, desto ernüchterter erkennen sie: Für viele Volksleiden lassen sich keine einfachen genetischen Ursachen ausmachen.

Im Januar 2008 veröffentlichten amerikanische und schwedische Ärzte eine scheinbar bahnbrechende Studie: Männer, die fünf bestimmte genetische Varianten im Erbgut trügen, so die Botschaft, hätten ein fast zehnmal höheres Risiko, an Prostatakrebs zu erkranken.

Menschliche Chromosomen: Wird das Entstehen einer Krankheit von Tausenden verschiedenen Genen begünstigt?
Craig Venter Institute/CC

Menschliche Chromosomen: Wird das Entstehen einer Krankheit von Tausenden verschiedenen Genen begünstigt?

Einen so starken Effekt "haben wir niemals zuvor gesehen", verkündete der beteiligte Arzt Xu Jianfeng von der Wake Forest University School of Medicine in North Carolina. Zur Früherkennung will er nun einen Gentest über die Firma Proactive Genomics vermarkten, zu deren Gründern er zählt.

Nicht jeder hält das für eine gute Idee.

In Raum 207 der School of Public Health der Harvard University in Boston forscht ein Gelehrter, der die Studie gründlich analysiert hat. Er heißt Peter Kraft und hat Deutsch und Mathematik studiert. An seiner Tür hängt das Brecht-Gedicht "Der Zweifler", und das passt gut zu der Art und Weise, wie er seinen Beruf als Epidemiologe ausübt.

Kraft bestreitet nicht die Seriosität der Arbeit, die im "New England Journal of Medicine" erschienen ist. Aber aufgefallen ist ihm, wie geschickt die Autoren ihre Daten präsentieren, damit die von ihnen gefundenen Varianten im Erbgut als besonders gefährlich erscheinen. Dazu haben sie Männer, die keine der Varianten tragen, mit jenen verglichen, die gleich alle fünf haben. Nur wenn man die beiden Extreme nebeneinanderstellt, lässt sich ein bedrohlich hohes Risiko errechnen.

Die allermeisten der insgesamt untersuchten 4700 Männer gehören aber gar nicht in diese Extremgruppen. Rund 90 Prozent von ihnen haben nämlich eine, zwei oder drei Varianten - und die Risikounterschiede zwischen diesen Gruppen sind denkbar gering.

"Auf die übergroße Mehrheit der Männer trifft das zehnfach erhöhte Risiko also gar nicht zu", sagt Peter Kraft. "Da frage ich mich: Ist der Gentest wirklich sinnvoll?" Mit seiner Skepsis steht der Epidemiologe nicht allein. Auch der Genetiker David Goldstein von der Duke University in Durham, North Carolina, stutzt, wenn er von immer neuen Erfolgsmeldungen der Genjäger hört. Viele Fundstücke, die in der Öffentlichkeit marktschreierisch als Krankheitsgene verkauft würden, seien bloß statistische Auffälligkeiten. Der Lockenkopf, der den Besucher in Flip-Flops begrüßt, erzählt, wie er sich selbst voller Begeisterung auf die Suche nach Krankheitsursachen im Erbgut gemacht habe.

DER SPIEGEL

Es ging dabei nicht um sogenannte monogene Leiden, bei denen ein bestimmter Gendefekt eindeutig zum Ausbruch einer Erbkrankheit führt. Vielmehr war er Leiden wie Krebs oder Herzinfarkt auf der Spur, die von Genen abhängen, aber auch Umwelteinflüssen unterliegen.

Doch vor ungefähr anderthalb Jahren kam Goldstein zunehmend ins Grübeln. Je gründlicher er und andere Genom-Forscher in Vergleichsstudien nach auffälligen Abschnitten suchten, desto weniger kam dabei heraus.

Beispiel Diabetes vom Typ 2: Das Stoffwechselleiden wird zwar vor allem durch Bewegungsmangel und Fehlernährung verursacht, hat aber auch einen erblichen Anteil - und die dafür verantwortlichen Gene wollten die Forscher finden.

"Wir haben Studien mit Zehntausenden Patienten durchgeführt", sagt Goldstein. "Dabei wurden tatsächlich viele auffällige Genvarianten gefunden; doch sie alle können nur ein paar Prozent der vererbten Diabetes-2-Fälle erklären. Wo ist der große Rest?" Seine Antwort: Der Rest schlummert im Erbgut und ist übersehen worden, weil die bisherigen Suchmethoden zu grobmaschig sind. Eine bestimmte Krankheit hänge mit Dutzenden oder gar Hunderten dieser noch unerkannten Stellen im Erbgut zusammen. Wenn aber so viele Gene die biologische Ursache einer Krankheit ausmachen, dann ist die Aussagekraft jedes einzelnen dieser Gene äußerst gering.

Aus diesem Grund ziehen Biologen jetzt auch die klinische Relevanz kommerzieller Erbgutanalysen in Zweifel, die mehr und mehr auf den Massenmarkt drängen. Im September 2008 hat die Firma 23andMe aus Kalifornien die Preise um 60 Prozent gesenkt. Wer 399 Dollar zahlt, darf eine Speichelprobe einschicken und kann schon wenig später sein genetisches Profil auf einer Internet-Seite einsehen: Es enthält mehr als hundert Krankheiten und Merkmale.

Doch es zeigt sich: Die Tests erfassen genetische Varianten, deren Einfluss auf die Gesundheit eben viel geringer ist als gedacht. "Für mich ist das reines Entertainment, weil es derzeit aus dem Angebot dieser Genom-Firmen nichts gibt, was ich für klinisch verwendbar hielte", sagt Genetiker Goldstein. "Glauben Sie nur ja nicht, dass Sie mit einem solchen Test etwas tun, das wichtig für Ihre Gesundheit wäre."

David Altshuler vom Broad Institute in Cambridge, Massachusetts, gehört ebenfalls zu den führenden Wissenschaftlern auf dem Feld der Genom-Forschung - und hat auch kein Interesse, sein Erbgut näher kennenzulernen. "Wenn es mir jemand auf einer CD gäbe, würde ich mich weigern, die Daten anzuschauen", sagt er. "Sie sind bedeutungslos."

Doch das neue Verständnis der Krankheitsvererbung lässt nicht nur die bisher gängigen Erbgutanalysen überflüssig erscheinen, sondern es reicht viel weiter: Wenn es stimmt, dass Dutzende, wenn nicht gar Hunderte Abschnitte im Erbgut mit einer bestimmten Krankheit zusammenhängen, dann gründet ein tragendes Konzept der modernen Biomedizin auf einer falschen Annahme: jenes der personalisierten Medizin.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 28 Beiträge
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1. Epigenetik ist die Antwort.
MarcM42 29.05.2009
Es ist nun eigentlich schon gesichert, das eher epigenetische Faktoren (z.B. DNA methylierung) und nicht so sehr genetische Faktoren eine Rolle in der Enstehung der meisten komplexen Erkrankungen spielen. Dazu haben u.a. auch deutsche Wissenschaftler beigetragen. Siehe z.B. hier: www.MethyLogiX.com . Diese Gruppe konnte zeigen, das epigenetische Veränderungen im genom ene Zentrale Rolle in der Ensatehung von Schizophrenie, Alzheimer und anderen Erkrankungen spielen können. Darüber sollte man mal mehr berichten.
2. "Volksleiden" und "Leidkultur"
dasky 29.05.2009
Zitat von sysopSind Genom-Analysen ohne klinische Bedeutung? Je genauer Wissenschaftler das menschliche Erbgut untersuchen, desto ernüchterter erkennen sie: Für viele Volksleiden lassen sich keine einfachen genetischen Ursachen ausmachen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,626442,00.html
Wen wundern die so genannten Volksleiden, die überhaupt nichts mit Genetik, sondern mit Leidkultur, Wohlfühl - und Befindlichkeitskultur, Medien - und Betroffenheitskultur und letztlich mit einer "Kultur der Verzweiflung" zu tun haben. Eine Kultur dieser Art muß schließlich zielführend von der Realität eingeholt werden, jetzt würde wohl noch nicht einmal mehr eine "Kulturrevolution" helfen.
3. Sprache des Lebens
Kassander, 29.05.2009
Als das menschliche Genom vor ein paar Jahren zum ersten Mal entschlüsselt wurde - in der Tat eine tolle Leistung - glaubten viele, darunter auch viele Wissenschaftler, jetzt könne man das menschliche Leben, einschließlich aller möglichen Krankheiten daraus ablesen. In Wirklichkeit hatten wir aber nur einige Buchstaben entschlüsselt in der Sprache des Lebens. Jedoch kein einziges sinngebendes Wort, keinen einzigen Satz, keine Grammatik, keine Satzstellung, keine Novelle, keinen Roman, kein Gedicht. Auch dass das Leben verschiedene Sprachen und Dialekte spricht, blieb in der Begeisterung außen vor.
4. Wenn so ein "Defekt" so stabil ist
jocurt1 29.05.2009
Zitat von sysopSind Genom-Analysen ohne klinische Bedeutung? Je genauer Wissenschaftler das menschliche Erbgut untersuchen, desto ernüchterter erkennen sie: Für viele Volksleiden lassen sich keine einfachen genetischen Ursachen ausmachen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,626442,00.html
das er sich in einer großen Zahl von Lebewesen lange halten kann und sich eben nicht als Fehlgriff selbst dezimiert, dann wird es wohl kein Fehlgriff der Natur gewesen sein. Solange man nicht durchschaut, was diese sicherlich manchmal Schaden anrichtenden Genvarianten noch alles bewirken, sollte man sich dafür hüten, diese heraus zu selektieren. Ich gehe davon aus, dass die anderer Stelle dringend gebraucht werden. Nur hat man das in seiner Komplexität eben noch nicht gefunden. Man denke nur mal an den Klassiker Sichelzellanämie und ihr Mutationsvorteil in Malariaregionen.
5. Ueberzogen und tendenziell...
the.memory.hole.1984 29.05.2009
Zitat von sysopSind Genom-Analysen ohne klinische Bedeutung? Je genauer Wissenschaftler das menschliche Erbgut untersuchen, desto ernüchterter erkennen sie: Für viele Volksleiden lassen sich keine einfachen genetischen Ursachen ausmachen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,626442,00.html
Man sollte die auch im Artikel genannten Faelle der erfolgreichen Identifizierung von "Krankheitsgenen" nicht zu gering schaetzen. Weiterhin sind fuer viele Krankheitsbilder heute molekulare Diagnostics etabliert, die eine gezieltere Behandlung ermoeglichen. Anstatt zum beispiel bei einem Krebsleiden einfach der Reihe nach alle Chemotherapeutika der Reihe nach auszuprobieren, mit oder ohne begleitende Bestrahlung, kann sich heute in vielen Faellen auf eine molekulare Diagnose stuetzen, um die geeignete Behandlung besser zu identifizieren. Fuer die betroffenen Personen ist das ein unbezahlbarer Fortschritt. Und Goldstein hier als Gegner der Genom-Analysen aufzubauen ist ziemlich laecherlich. Ja, es stimmt, dass Goldstein die SNP-Analyse nicht fuer sehr nuetzlich haelt. Er will stattdessen eine komplette Genomanalyse fuer jeden Patienten um die assoziierten Gene zu finden, also ein engmaschigeres Netz spannen. Es ist relativ lachhaft, nach ein paar Jahren die genetischen Schluessel fuer komplexe Krankheiten zu verlangen, die in ihrer Diagnostik vage bis unverstanden sind, wie ja auch im Artikel so dargestellt. Viel zu wenig Beachtung in der Diskussion um molekulare Diagnostik ist die oft viel zu leicht akzeptierte Hypothese der Vererbbarkeit von Wohlstandskrankheiten. Nur weil Deine Eltern fett sind und Du selbst auch heisst das noch lange nicht, dass das eine Erbkrankheit ist oder eine genetische Komponente haette. Das gleiche bei Type II Diabetes, Metabolic syndrome und so weiter. Es ist eigentlich sehr erstaunlich dass selbst in derart verwaschenen Cohorts Gene identifiziert werden, die diese Krankheiten beguenstigen. Das ist ein Triumph der Bioinformatik-Gurus, auf jeden Fall kein Grund, sich von molekularer Diagnostik oder Personalisierter Medizin abzuwenden. TMH TMH
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