AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2009

Banken "Wir zahlen nicht"

Lange galten Deutschlands Sparkassen als Fels in der Finanzkrise. Doch nun werden auch sie zur Bedrohung. Die Verbandsfürsten verhindern eine Neuordnung der maroden Landesbanken. Und manche Institute sind bereits akut gefährdet.

Von Beat Balzli, und Wolfgang Reuter


Bundesfinanzminister Peer Steinbrück spielt gelegentlich gern den wilden Mann. Mal wettert er dann lautstark gegen Steueroasen. Mal beschimpft er Vorstände großer Geldinstitute wegen deren "Abkassiermentalität". Doch wenn Steinbrück seinen heimischen Sparkassenfürsten gegenübertritt, wird er leise und vorsichtig.

Als der Finanzminister am vorvergangenen Donnerstag die Mannen rund um Sparkassenpräsident Heinrich Haasis zum Geheimgespräch traf, nahm er wie zum Geleitschutz auch noch Kanzleramtsminister Thomas de Maizière und Bundesbankpräsident Axel Weber mit.

Das Trio appellierte eindringlich an Haasis und die Vorsteher der regionalen Sparkassenverbände. Sie müssten die Verantwortung für die teilweise ihnen gehörenden Landesbanken übernehmen. Wenn sie nicht ihren Anteil an den Verlusten übernähmen, könne es auch keine Unterstützung der Bundesregierung für die Landesbanken geben.

Die Verbandsvorsteher, vor ihrer Finanzkarriere oftmals selbst Politiker, hörten sich die Argumente eine Weile an. Dann sagten sie unisono: "Wir zahlen nicht." Grund: Die Sparkassen hätten genug eigene Probleme. Landesbanken wie die WestLB müssten fortan ohne ihre finanzielle Unterstützung auskommen.

Die Finanzkrise beutelt die bisher einigermaßen stabile Sparkassen-Gruppe offenbar mehr, als sie zugeben will. Lange Zeit sahen die 438 Sparkassen wie die großen Gewinner aus, weil sie weniger Geld auf den Kapitalmärkten verloren hatten. "Wenn der Himmel nicht runterfällt", seien die Einlagen der Sparkassen sicher, beruhigte Haasis im vergangenen Herbst die 50 Millionen Kunden, die seinen Einflussbereich letztlich zum gewaltigsten Geldspeicher der Welt machen (siehe Grafik).

Mit solch vollmundigen Äußerungen hält Haasis sich heute lieber zurück. Viele Sparkassen konnten nur mit einem entschlossenen Griff in die eigenen Rücklagen verhindern, dass sie Verluste ausweisen mussten. Zudem profitieren sie von einer speziellen Bilanzierung: Im Gegensatz zu den Privatbanken müssen sie beispielsweise ihre Wertpapierpakete nicht zeitnah den fallenden Marktpreisen anpassen. Das heißt aber auch, dass man noch gar nicht so genau weiß, wie groß die Risiken in ihren Bilanzen eigentlich sind.

Schon gibt es erste Präsidenten, die sich eine Bad Bank exklusiv für die Sparkassen vorstellen können. Den Städten und Landkreisen, denen die meisten Sparkassen gehören, käme eine solche Verschiebung der Risiken gerade recht. Denn es wäre eine Verschiebung Richtung Bund. Vor allem wollen die Verbandsfürsten Berlin zwingen, den Landesbanken beizuspringen.

Über ihre Verbände halten die Sparkassen beispielsweise über 50 Prozent an der WestLB. Der Rest gehört den nordrheinwestfälischen Landschaftsverbänden und dem Land Nordrhein-Westfalen. Steinbrück will diese Alteigentümer zwingen, für die Risiken der Vergangenheit aufzukommen.

Doch die Sparkassen boykottieren bisher jede Lösung. Erstes Opfer war WestLB-Chef Heinz Hilgert. Vergangene Woche trat er zurück, nachdem ihm das Ergebnis der Sitzung in Berlin hinterbracht worden war. Er habe "nicht die erforderliche wirtschaftliche Unterstützung der maßgeblichen Eigentümer", sagte er. Bereits im SPIEGELGespräch Anfang Mai hatte er deren "Attentismus" beklagt.

Offenbar wollte Hilgert dem Untergang seiner Bank nicht still und tatenlos zusehen. Dem Aufsichtsrat liegt eine Simulationsrechnung vor, nach der die WestLB bei weiteren Verschlechterungen der Ratings im Herbst von der Bankenaufsicht geschlossen werden muss. In diesem Fall werde die Kernkapitalquote bis dahin unter die aufsichtsrechtliche Grenze von 4 Prozent fallen. In den ersten drei Monaten dieses Jahres war sie schon von 6,4 auf 5,9 Prozent geschmolzen.

Das kümmert die Sparkasseneigentümer offenbar nicht. Sie kalkulieren damit, dass wegen der Finanzkrise zurzeit keine große Bank wie die WestLB pleitegehen darf. Letzten Endes bliebe der Bundesregierung doch gar nichts übrig, als einzuspringen. "Die Sparkassen schieben die Bank bewusst an die Kante", sagt einer der Düsseldorfer Manager verbittert.

Dabei hatten sie ihren Anteil an den Landesbanken noch vor wenigen Jahren massiv ausgebaut. Haasis kaufte mit dem Geld der Sparkassen für sechs Milliarden Euro die Landesbank Berlin (LBB). Er wollte mit dem Deal verhindern, dass ein Privatinvestor in das Lager der öffentlichrechtlichen Institute einbricht.

Die teure Zeche müssen nun die Sparkassen zahlen, die ihren Anteil an der LBB teilweise mit Krediten finanziert haben. Weil die Berliner keine Dividende mehr zahlen, schmälert die Zinslast direkt die Gewinne. Der aktuelle Wert der LBB liegt bei höchstens zwei Milliarden Euro. Deshalb müssten die Sparkassen ihre Beteiligung massiv abschreiben.

So ähnlich läuft es auch in anderen Regionen der Republik: Die 15 schleswig-holsteinischen Institute, denen rund 15 Prozent an der taumelnden HSH Nordbank gehören, leben hart an der Grenze ihrer finanziellen Möglichkeiten. Ihre einst 700 Millionen Euro teure Beteiligung an der HSH haben sie bisher nur um die Hälfte abgeschrieben.

Als Retter fallen die Sparkassen komplett aus. Die am Mittwoch vergangener Woche beschlossene Kapitalerhöhung um drei Milliarden Euro schultern die Bundesländer Hamburg und Schleswig-Holstein allein.

Die Sparkassen versäumten es allerdings nicht, die Notfallaktion über Wochen hinweg in einer unheiligen Allianz zu torpedieren. Zusammen mit der privaten Investorengruppe um J. C. Flowers hielten sie vor der Kapitalerhöhung rund 40 Prozent der Bank. Zwar wollten beide kein neues Geld nachschießen. Gleichzeitig aber kämpften sie gegen eine zu starke Verwässerung ihrer Anteile. "Die Sparkassen reisten auf Flowers' Rücksitz mit, ohne Rücksicht auf Verluste bei der HSH", sagt ein Insider bitter.

Seit Mittwoch ist der Streit beigelegt. Flowers' Anteil sinkt auf knapp unter 10 Prozent, die Sparkassen kommen künftig auf 7 Prozent. Die Bundesländer halten nun über 84 Prozent an der Bank.



Forum - Sparkassen - eine sichere Bank?
insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
m-pesch, 26.05.2009
1.
Zitat von sysopWährend Privatbanken und Investmenthäuser weltweit mit Milliardenverlusten und faulen Wertpapieren kämpfen, steuern die Sparkassen in Deutschland bislang relativ unbeschadet durch die Finanzkrise. Doch durch die Bilanzprobleme bei Landesbanken geraten auch die öffentlich-rechtlichen Institute unter Druck. Wie sicher sind die Sparkassen?
Die Sparkassen brauchten ja nicht mit faulen Krediten zocken. Die haben ihr Geld damit verdient ihre Kundschaft über die Leisten zu ziehen.
mok-kong shen 26.05.2009
2.
Zitat von m-peschDie Sparkassen brauchten ja nicht mit faulen Krediten zocken. Die haben ihr Geld damit verdient ihre Kundschaft über die Leisten zu ziehen.
Sind die Manager von Sparkassen an irgendwelchen Vorschriften gebunden, so daß sie keine wahnsinnigen ausländischen Spektulationen machen dürften wie die Manager von einigen Landesbanken?
eberego 26.05.2009
3. Bilanzprobleme bei Landesbanken
Zitat von sysopWährend Privatbanken und Investmenthäuser weltweit mit Milliardenverlusten und faulen Wertpapieren kämpfen, steuern die Sparkassen in Deutschland bislang relativ unbeschadet durch die Finanzkrise. Doch durch die Bilanzprobleme bei Landesbanken geraten auch die öffentlich-rechtlichen Institute unter Druck. Wie sicher sind die Sparkassen?
Relativ sicher. Bis auf Weiteres...
Adran, 26.05.2009
4.
Zitat von mok-kong shenSind die Manager von Sparkassen an irgendwelchen Vorschriften gebunden, so daß sie keine wahnsinnigen ausländischen Spektulationen machen dürften wie die Manager von einigen Landesbanken?
Ja/nein... Rüttgers nimmt Sparkassen bei WestLB-Garantien in die Pflicht (http://www.ad-hoc-news.de/ruettgers-nimmt-sparkassen-bei-westlb-garantien-in-die--/de/Wirtschaft-Boerse/Marktberichte/20236660) Sprich er wälzt die Kosten für die WestLB sanierung auf die Sparrkassen ab, was die wohl nicht bekommen wird.. Sollte er das umsetzen, dürfte die wohl auch in Schieflage geraten, und vermutlich viele sterben..
Gockeline 26.05.2009
5. Ich habe im Ohr,die sind doch alle sicher?
Aber so sicher bin ich mir nicht mehr. Es wird bis in den Herbst hinein viele Firmen geben die nicht mehr zahlen können. Dazu kommen die Landesbanken die kränker sind als sie uns das sagen. Es werden viele Häuslesbauer auch bei uns sein die durch die Krise nicht mehr bezahlen können,aber locker und leicht früher Kredite bekamen. Die Zuspitzung wird mit Sicherheit erst im Spätherbst oder im Frühjahr kommen.
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