AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 22/2009

Ermittlungen Eine Sache des Bauchgefühls

Eine Krankenschwester aus Sachsen-Anhalt wird verdächtigt, mehr als hundert Patienten getötet zu haben. Beweise gibt es bislang keine - nun sollen Exhumierungen Aufklärung bringen.

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Helene Moser* ist eine zierliche Frau mit traurigen Augen. Sie sitzt auf dem Sofa ihres Anwalts in Berlin. Ihre Hände suchen nach Halt. Sie ringt nach Worten, sie spricht sehr leise, unterbrochen von langen Pausen. Sie könne das nicht verstehen, sie sei doch Krankenschwester, dafür da, Leben zu retten.


Seit 28 Jahren übt Helene Moser ihren Beruf aus, seit 28 Jahren im Krankenhaus in Gardelegen, einer Kleinstadt im nördlichen Sachsen-Anhalt; die 47-Jährige hat einen Mann und zwei Kinder. Ihre Kaderakte, die heute Personalakte heißt, war ohne Fehl und Tadel - bis zum 16. Februar dieses Jahres.

An diesem Tag wird der Mitarbeiterin der Intensivstation des Altmark-Klinikums gesagt, sie solle nicht wieder zum Dienst erscheinen. Aus der Lebensretterin Moser wird eine mutmaßliche Serientäterin. Die Staatsanwaltschaft Stendal verdächtigt sie des "mehrfachen Totschlags" (301 Js 2678/ 09). In über hundert Fällen seien, so die Ermittler, in "ihrer Pflegehoheit" Patienten womöglich eines "nicht natürlichen Todes" gestorben.

Helene Moser weist die Vorwürfe zurück. Sie könne sie nicht erklären. Sie meidet derzeit Gardelegen, ein Städtchen mit 11.000 Einwohnern, in dem fast jeder jeden kennt. Sie weiß, dass ihr Name im Ort kursiert und viele sich die Frage stellen, ob aus der angesehenen Schwester ein Todesengel geworden ist; ein Todesengel, wie es ihn, was den Umfang der Ermittlungen angeht, in Deutschland noch nie gab - im bisher größten Verfahren wegen der Tötung von Patienten wurde ein Krankenpfleger aus Sonthofen 2006 zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt, er hatte 28 Patienten umgebracht.

Solche Ermittlungsverfahren gibt es immer wieder, Ärzte lösen sie aus oder Angehörige, die Zweifel an der Todesursache eines Verstorbenen haben. Doch anders als bei klassischen Tötungsdelikten genießen die Täter nicht selten Sympathie, weil sie schwerstkranke Menschen von ihrem Leiden erlösen. Es gibt abgeurteilte Todesengel, die noch im Gefängnis Dankesbriefe von Hinterbliebenen erhalten.

Die Verfahren führen in eine Grauzone zwischen Leben und Tod, in eine Lebensphase, in der Menschen die Hoheit über sich selbst verlieren, in der sie den Segnungen der Apparatemedizin ausgeliefert sind und den zwar gut ausgebildeten, aber auch oft gestressten Ärzten und Schwestern. Viele Helfer überfordert diese Hauptrolle am Lebensende eines Fremden. War Helene Moser solch eine überforderte Helferin? Oder ist da eine Staatsanwaltschaft am Werk, die ihren "Untersuchungsauftrag vollkommen überdehnt", wie der Anwalt der Klinik, Michael Bärlein, findet? Wird da eine Frau "Opfer von Zahlen und Bauchgefühl", wie ihr Strafverteidiger Axel Weimann fürchtet?

Intensivmediziner - Ärzte wie Schwestern - sind ihrem Selbstverständnis nach Lebensretter. Sie sind stolz auf jeden Patienten, dem sie ein zweites Leben schenken konnten, dem verunglückten Motorradfahrer, "dem Herzinfarkt", wie Ärzte sagen, oder "der Niere". So war es auch auf der Intensivstation des Altmark-Klinikums mit ihren 21 Mitarbeitern - bis irgendwann mehr Patienten starben als üblich.

Es begann mit flapsigen Bemerkungen, vagen Andeutungen, Pausengesprächen auf der kleinen Station mit zehn Betten in sechs Zimmern. Es werde etwas viel gestorben in letzter Zeit, soll jemand gesagt haben, angeblich im Januar. Ärzte wurden von Schwestern auf Sterbefälle angesprochen, doch die hätten anfangs angeblich nicht auf die Fragen reagiert. Irgendwann soll auch ein Name gefallen sein, der Name Helene Moser. Sie wurde angesprochen, wenn in ihrer Schicht wieder jemand starb. Sie selbst habe sich auch gewundert, wird erzählt. Da war so ein "Bauchgefühl", erinnern sich Intensivmediziner, so ein "subjektiver Verdacht".

Ende Januar beschließen die leitenden Ärzte, den Verdacht nicht länger auf sich beruhen zu lassen. Ein Oberarzt nimmt sich der Statistik an und stellt eine dramatische Steigerung fest: 2005 waren von 711 Patienten auf der Station 63 gestorben, 2006 von 665 schon 70, 2007 von 719 Patienten 92, im Jahr 2008 von 663 erschreckende 114, und im beginnenden Jahr 2009 sind schon 24 Patienten verstorben.

Die Ärzte schauen sich nun die Dienstpläne näher an, ein kompliziertes und umstrittenes Unterfangen. Es gibt ein Schichtsystem, Pausenzeiten, Urlaube, Weiterbildungen. Es ist eine mühselige Puzzlearbeit, die Dienstpläne und die Liste der Sterbefälle einander zuzuordnen. Aber das Ergebnis ist eindeutig, so findet es die Stationsleitung jedenfalls: Im Jahr 2007 hatte Schwester Helene bei 42 von 92 Todesfällen Dienst, 2008 bei 76, im laufenden Jahr bei 16. Eine erstaunliche "Häufung von Todesfällen während ihrer Dienstzeit", resümiert ein Arzt.

Am 12. Februar wird der Geschäftsführer der Klinik, Axel Burghardt, eingeschaltet. Das Wort "brisant" steht einige Tage später in seinem Terminkalender. Burghardt und seine leitenden Ärzte ändern unter einem Vorwand die Dienstpläne und informieren Staatsanwaltschaft und Kripo. Wenig später baut die Polizeidirektion Sachsen-Anhalt Nord die Ermittlungsgruppe "Klinik" auf.

Nichts dringt an die Öffentlichkeit über diese Vorgänge, über diesen Schritt, der aus der Klinik einen Tatort macht und aus Schwester Helene eine Verdächtige. Erst wird ihr gesagt, der Dienstplan sei verändert worden, sie könne zu Hause bleiben. Dann informiert sie der Klinikchef, dass sie beurlaubt sei, dann wird sie vorläufig an einen Arbeitsplatz versetzt, an dem sie keinen Kontakt mehr zu Patienten hat. Als sich der Vorgang herumspricht, bekommen einige Kolleginnen offenbar ein schlechtes Gewissen. Ja, es habe Gerede gegeben. Aber Schwester Helene sei doch eine gute, von allen geschätzte Kollegin.

Doch der Verdacht ist nun aktenkundig, und die Staatsanwaltschaft macht ihren Job. Sie fordert Krankenakten und die Personalakte der Schwester an, vernimmt die Belegschaft. In den Aussagen ist viel vom Bauchgefühl die Rede, auch von Statistiken, aber nicht ein einziger Zeuge belastet Helene Moser. Sie sei nur selten Schichtleiterin gewesen, habe keinen Schlüssel zu den Schränken mit den gefährlichen Substanzen, weder zum großen noch zum kleinen "Suchtmittelschrank". Verschwundene Substanzen? Fehlanzeige.

Parallel schaltet die Staatsanwaltschaft die Rechtsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover ein, sie lässt 67 Krankenakten Verstorbener überprüfen. Der Gutachter kann keinen Hinweis auf Fremdverschulden finden, aber ausschließen kann er auch nichts. In über einem Dutzend Fällen rät er zur Exhumierung - und die Staatsanwaltschaft folgt ihm.

* Name geändert



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