AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2009

Prostitution Der perfekte Puff

Es sieht aus wie das politisch korrekte Bordell: Ein Betrieb bei Stuttgart bietet Frauenbeauftragte, Weiterbildung und die Chance auf Selbstbestimmung. Er wurde zum Modell für moderne Freudenhäuser. Nun ist der Inhaber in einen Prozess verstrickt - es geht um Menschenhandel.

Von Uwe Buse


Stolz ist Jürgen Rudloff auf die Sache mit den Äpfeln. Sie liegen am Eingang, an der Rezeption in einer großen Schale. "Äpfel im Bordell", sagt Rudloff, "das ist gut. Das ist gesund. Das hat Niveau. Wegen der Bibel, der Erbsünde und so."

Stolz ist Rudloff auch auf den Schneeraum, eine schummrige Höhle mit einem Schacht an der Decke, aus dem Eis fällt. Rudloff öffnet die Tür, stapft im Schnee herum, begeistert wie ein Kind. "Das hat sonst keiner. Bevor ich das habe einbauen lassen, wusste nicht mal ich, dass es so was gibt."

Und Rudloff ist auch sehr zufrieden, dass Jürgen-Bernd Schiemann oben ist im zweiten Stock. Für Rudloff ist Schiemann ein weiterer Beweis, dass es aufwärtsgeht, trotz aller Schwierigkeiten.

Schiemann ist Diplom-Mathematiker, Filialdirektor der Allianz in Stuttgart, zuständig für den Sondervertrieb, er sieht aus wie jemand, der nicht oft an die frische Luft kommt. Er stöpselt gerade Kabel an seinen Laptop.

Ein paar Sekunden später schaltet er den Projektor an, und an der Wand erscheint eine Frau. Sie ist brünett, steht vor einem weißen Hubschrauber und scheint es eilig zu haben. Sie könnte eine erfolgreiche Managerin sein, auf dem Weg zum nächsten Termin, in New York, London, Paris. Oder ein Model. Für Drei-Wetter-Taft. "War nicht einfach, ein Eröffnungsbild für diese Präsentation zu finden", sagt Schiemann, und es klingt entschuldigend. "Das hier ist echtes Neuland für mich." Es klopft an der Tür.

Schiemann sagt "Herein", und eine Blondine betritt den Raum. Sie hat sehr wenig an, und das wenige, was sie trägt, ist sehr transparent. "Hi", sagt sie und hält Schiemann die Hand hin. "Ich heiße Paris. Wie Hilton." Sie lächelt freundlich. Schiemann weiß nicht, wohin er gucken soll. Schließlich entscheidet er sich für eine Stelle an der Wand über Paris' rechter Schulter. "Angenehm", sagt er.

Über dem Arm trägt Paris ein rotes Badehandtuch, sie legt es auf einen Ledersessel, zieht es gerade, setzt sich: "Hygiene muss sein."

"Hmhm", sagt Schiemann.

Er wurde von Rudloff eingeladen, um den Frauen hier etwas über Rentenversicherungen zu erzählen. Rudloff ist der Meinung, dass man da was tun müsse. Die Mädchen lebten ja oft einfach so in den Tag hinein, völlig planlos, was die Zukunft angehe. Da habe er mal den Schiemann angerufen, vor einer Weile. Der sollte sich was überlegen.

Nun ist der Schiemann da, und es gibt einen Spezialtarif, entwickelt von der Allianz und dem Bundesverband des deutschen Erotikgewerbes. Sehr flexibel, in jeder Hinsicht. Schiemann drückt eine Taste auf seinem Laptop, die Brünette mit dem Hubschrauber verschwindet, und Tabellen erscheinen.

Während Schiemann oben im zweiten Stock seinen Vortrag hält, sitzt Rudloff im Erdgeschoss an der Bar und trinkt eine Apfelschorle. Er ist ein Mann in den Fünfzigern, sonnengebräunt, eine Föhnwelle im Haar. Er trägt einen Anzug, darunter ein Hemd mit Monogramm, das am Brustkorb spannt. Wenn er lächelt, sieht man erstaunlich ebenmäßige Zähne.

Geschäftspartner sagen, man wisse nie, was Rudloff über einen denke. Er könne selbst zu den größten Arschlöchern nett und freundlich sein, über Stunden. Das sei ein großer Vorteil in seiner Branche. Rudloff zuckt mit den Schultern, wenn er das hört, und sagt, er könne einfach gut mit Menschen.

Rudloff lebt mit einer Innenarchitektin zusammen, in einem schönen Haus in Stuttgart. Er fährt einen Porsche. In seiner Firma ist er von jungen, nackten Frauen umgeben. Rudloff führt ein Leben, um das ihn wahrscheinlich viele Männer beneiden.

Manchmal verlässt er Stuttgart, oft geht es dann nach Frankfurt am Main. Dort ist er Teilhaber an einem weiteren Bordell. Die Boulevardpresse nennt Rudloff "den Sexclub-König".

Sein neues Bordell liegt in der Nähe des Stuttgarter Flughafens, in einem Gewerbegebiet. Früher war der rechteckige Bau ein Lagerhaus, jetzt ist hier das größte Wellness-Bordell Europas. Sagt Rudloff. 5.000 Quadratmeter, verteilt auf fünf Etagen, rechnet man die Büroräume mit. Sechs Millionen Euro habe es gekostet. "Paradise" steht in großen roten Leuchtbuchstaben an der Fassade.

Zutritt haben nur Männer, sie können hier saunen, im Whirlpool oder im Dampfbad sitzen, sie können sich auch massieren lassen, ganz normal, von einem staatlich geprüften Masseur. "Vögeln können sie natürlich auch", sagt Rudloff, "müssen sie aber nicht."

Er hat das Paradise vor gut einem Jahr eröffnet, zwei Jahre hat er es geplant, es sollte ein Modell werden für eine neue Art von Bordell. Keine billige Bumsbude, kein verdruckster Wohnungspuff, sondern ein öffentlicher Ort der Entspannung, gesellschaftlich akzeptiert, zumindest vom Staat und den Männern. Wer sich hier Frauen mietet, soll sich wohl fühlen und kein schlechtes Gewissen haben.

An vielen Orten in Deutschland, in Berlin, in Kaarst, Ulm, Dortmund, in Castrop-Rauxel, in Gladbeck, Köln, in Brüggen wuchsen in jüngster Zeit Bordelle aus dem Boden, ähnlich wie das Paradise, sie gleichen Badelandschaften und versprechen politisch korrekte Befriedigung. In ihren Saunen, Whirlpools, Ruheräumen sollen Männer nicht auf Opfer, sondern auf selbstbewusste, selbstbestimmte Frauen treffen.

Unter den neuen deutschen Wellness-Bordellen will das Paradise das fortschrittlichste sein, es soll, unter anderem, Lösungen bieten für die Mängel des Prostitutionsgesetzes von 2002, eines Prestigeprojekts der rot-grünen Koalition. Gedacht war das Gesetz als aufklärerischer Akt, der die Prostituierten in die Legalität holt, der ihre Dienstleistung in ein normales Gewerbe verwandelt, inklusive Steuerpflicht.

Geendet ist das Gesetz als gutgemeinter Versuch, der die Lage der Prostituierten nicht verbessert hat. Eine Studie, in Auftrag gegeben von der Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen, kommt zu dem Ergebnis, dass das Prostitutionsgesetz "weitgehend ins Leere gelaufen" sei. Es gibt politische Forderungen nach einem Bordell-TÜV, nach Selbstverpflichtung von Bordellbetreibern, nach Konzessionierung der Betriebe. Rudloff hat nichts einzuwenden gegen diese Veränderungen, ganz im Gegenteil, er sagt, er begrüße sie, und er sieht sein Bordell als Großraumlaboratorium, in dem mögliche Verbesserungen geprüft werden können.

So gebe es im Paradise "einen hauseigenen Gynäkologen, zwei Frauenbeauftragte und einen runden Tisch, an dem ich mich regelmäßig mit dem Ordnungsamt, der Finanzverwaltung und der örtlichen Polizei zusammensetze". Das sei einzigartig in Deutschland, und Rudloff hofft, dass andere seine Ideen für gut befinden und aufgreifen. Das wäre gut für die Branche und gut für ihn. Dann wäre er nicht mehr nur irgendein Bordellier, sondern ein Reformator.

Zurzeit ist jedoch offen, ob es dazu kommen wird, es gibt Zweifel an Rudloffs Lauterkeit, und sie werden formuliert in Augsburg. Dort stehen vier Männer vor Gericht, wegen mutmaßlichen Menschenhandels und des Verdachts auf Zuhälterei. Es geht um ein 18-jähriges Mädchen, das von ihrem Zuhälter in einem Bordell untergebracht wurde. Und zwar nicht in irgendeinem Bordell, sondern in Rudloffs Paradise.

Rudloff streitet nicht ab, dass das Mädchen bei ihm gearbeitet hat, aber er sagt, er habe nicht gewusst, dass das Mädchen von einem Zuhälter abhängig gewesen sein soll, finanziell und emotional, und er bezweifle auch heute noch sehr, dass das überhaupt so gewesen sei.

Aus Rudloffs Sicht war die Frau "eine Professionelle", und genau das werde er auch dem Gericht in Augsburg erzählen. Er habe über seinen Anwalt darum gebeten, im Verfahren aussagen zu dürfen, als Zeuge. Er werde da mal ein paar Sachen geraderücken.

Rudloff sitzt immer noch an der Bar, vor sich immer noch das Glas Apfelschorle. Es ist Abend, gegen zehn. Rudloff sagt, er müsse gehen, er wolle seine Kinder noch sehen, bevor sie im Bett seien. Darum bemühe er sich täglich.

Rudloff hat vier Kinder. Sie besuchen eine Waldorfschule. Er sagt das voller Stolz und wiederholt es ein paar Tage später noch einmal. Er möchte nicht, dass es vergessen wird. Es passt zu gut ins Bild des Reformators. Ein Bordellbetreiber mit Kindern in der Waldorfschule.

Wenn Männer das Paradise betreten, steigen sie zehn Stufen empor, dann gehen sie durch eine Glastür, und im Foyer empfängt sie Heidi. "Hallo, mein Lieber, schön, dass du da bist", sagt sie und erklärt die Regeln. Der Eintritt kostet 69 Euro. Dafür gibt es Zugang zum Buffet, Softdrinks und die Benutzung von Sauna, Whirlpool, Dampfbad. Die "Dienstleistungen der Damen" seien extra zu bezahlen, sagt Heidi, und mit den Damen sei direkt zu verhandeln. Dann überreicht sie jedem einen braunen Bademantel und einen Schlüssel für einen Spind in der Umkleidekabine. Manchmal verabschiedet Heidi die Männer mit dem Satz: "Die Duschen sind gleich um die Ecke."

Den Hauptraum betreten die Männer durch eine goldene Schwingtür, sie gibt den Blick frei auf einen Saal und auf nackte Frauen, auf viele nackte Frauen. Dutzende. Die Männer sehen brünette, sie sehen blonde, blondierte, rothaarige. Kleine, große, rasierte und nichtrasierte. Es gibt Afrikanerinnen, Asiatinnen, Russinnen, Polinnen, Rumäninnen, ein paar Deutsche, eine Halbfranzösin. Die Frauen liegen in Schaukeln, auf mächtigen Sofas, sie thronen auf Kissen, auf Hockern an der Bar. Sie reiben sich an Männern, drängen sich zwischen deren Schenkel, fragen: "Na, willst du mit aufs Zimmer?"



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