AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2009

Film: Hommage an Mutter Erde

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Mit modernster Kameratechnik hat der französische Fotograf Yann Arthus-Bertrand die Welt von oben gefilmt und zeigt sie von ihren schönsten und schaurigsten Seiten - ein Besuch bei den Dreharbeiten in der Arktis.

Wer die Schönheit der Erde filmen will, scheint auf dem Flugplatz von Resolute nichts verloren zu haben. Die Landebahn des 300-Seelen-Nestes ist nicht mehr als eine Schotterpiste. Sie wird eingerahmt von kahlen Hügeln, auf denen Flugzeugwracks langsam vor sich hin rosten. Und in der Ankunftshalle verstaubt ein ausgestopfter Eisbär.

Yann Arthus-Bertrand aber schreckt diese Ödnis nicht. Er ist an diesem Ort hoch in der kanadischen Arktis wie elektrisiert. Denn er hat die Landschaft soeben von oben gesehen.


"Majestätisch!", ruft er, "überwältigend!", "unvorstellbar!", "genial!" Während er sich noch den Helm vom Kopf streift und aus dem Helikopter springt, schwelgt der Fotograf und Filmemacher aus Frankreich in Adjektiven.

Der Rotor dreht gerade noch aus, da pirscht er in gebückter Haltung nach vorn, unter die Pilotenkanzel. Dort sitzt eine Kamera, deren Objektiv fast 30 Zentimeter durchmisst und die in fast alle Richtungen drehbar ist.

"Hoffentlich hat sie nichts abbekommen", sagt Arthus-Bertrand, "bei diesem Schotter hier fliegt schnell mal ein Stein in die Linse." Für seine Crew wäre das lästig, sie müsste das Glas wechseln. Vor allem aber wäre es teuer. "Das Ding ist schließlich das Modernste, was die Digitaltechnik aufzubieten hat", schwärmt der 63-Jährige.

Hier, mitten in der kanadischen Arktis, hat Arthus-Bertrand, der Fotograf, Naturschützer und Fernsehmoderator aus Frankreich, im vergangenen Sommer Szenen für seinen Film eingefangen. "Home" heißt er, 120 Minuten dauert er in der Kinofassung und ist eine Hommage an Mutter Erde. Bekannt wurde Arthus-Bertrand durch seinen Bilderzyklus "Die Erde von oben", großformatige Aufnahmen aus der Luft, die auf Plätzen vieler Metropolen der Welt ausgestellt waren. "Was wir jetzt gemacht haben, folgt der gleichen Idee, allerdings mit bewegten Bildern", erklärt Arthus-Bertrand.

Mit dem Helikopter sind er und sein Team von Resolute aus zur legendären Nordwestpassage geflogen. Aus der Vogelperspektive bilden die unter der Mitternachtssonne schmelzenden Eisschollen bizarre, mal geometrische, mal chaotische Formen. "Das ist wie ein Gemälde, von der Natur gemalt", sagt Arthus-Bertrand. Das Weiß des Eises kontrastiert mit den türkisblauen Pfützen aus Schmelzwasser und dem Ultramarin der Rinnen offenen Wassers.

Über Kilometer hat die Strömung das Packeis aufgebrochen. Nur noch einen Meter ist es in dieser Zeit des Jahres dick.

Arthus-Bertrand ist dem Eisbrecher "Louis S. St-Laurent" gefolgt. Das rote Schiff der kanadischen Küstenwache ist von Resolute aus aufgebrochen, um durch das schwindende Eis der Nordwestpassage hindurchzunavigieren.

Die Spur aus zerstoßenem Eis ist wie geschaffen für einen Ästheten wie Arthus-Bertrand. Gleichzeitig ist diese vermeintliche Schönheit auch ein Zeichen bedrohlicher Vorgänge. "Wir sind Chronisten eines unvorstellbaren Wandels", sagt der Fotograf, während sein Team die Kamera abschraubt.

Die Arktis taut, und damit wird das Bild der weißen Eiskappe auf dem Blauen Planeten langsam verschwinden. Das ist es, was Arthus-Bertrand eigentlich umtreibt: der Wandel, die Deformierung, die Zerstörung durch den Menschen. "Wir bringen in kaum mal 200 Jahren das Gleichgewicht durcheinander, das in über vier Milliarden Jahren Erdgeschichte geschaffen wurde", doziert Arthus-Bertrand. Er steht jetzt in einem grauen Jeanshemd, seine weißen Haare ein wenig wirr um den Kopf, in der Küche des Qausuittuq Inn, dem örtlichen Hotel, einem grauen Wellblechkasten, das von einer Kooperative kanadischer Ureinwohner geführt wird.

In einem Monolog rechnet er mit der Gier der Menschheit ab, ihrem Hunger nach Energie und Rohstoffen, nach mehr Fleisch und mehr Öl und noch mehr glitzernden Autos - während er der Köchin zeigt, wie man in Frankreich schaumiges Rührei brät. Und alle hören ihm zu: die Köchin, die Abenteurer, die Wissenschaftler, die sich hier zusammengefunden haben. Nur die Mitglieder seiner Crew warten aufs Essen und schauen müde drein. Zu häufig haben sie Arthus-Bertrands Vortrag über den Zustand der Erde schon gehört.

Über alle Kontinente schwebten sie mit Hubschraubern, 21 Monate lang. Sie filmten indische Frauen am Brunnen, Senegalesen auf einer riesigen Müllhalde, schmutzige Ölfelder in Nigeria - Szenen, die aus der Luft durch ihre schaurige Schönheit irritieren. Am Freitag kommender Woche, dem Weltumwelttag, wird "Home" rund um den Planeten zu sehen sein.

Viele Millionen Euro hat der vom französischen Regisseur Luc Besson produzierte Film gekostet. Umsonst kann man ihn im Internet bei YouTube ansehen. Ein großer Teil des Geldes, zehn Millionen Euro, ist von einem Mäzen gekommen, der mit Schönheit sein Geld verdient: von dem französischen Luxusgüter-Konzern PPR, zu dem unter anderem das Designunternehmen Gucci gehört. Unterstützt wurde Arthus-Bertrand aber auch von Konzernen, deren Geschäftsmodell sonst eigentlich nicht gerade dem Erhalt der Schöpfung dient: Ölgiganten wie Total oder Statoil.

Das Geld war nötig für einen großen Mitarbeiterstab, der sich um die Logistik kümmerte, aber auch um die schwierigen Genehmigungen durch die Behörden. Denn die von Arthus-Bertrand verwendete Spezialkameratechnik Cineflex V14 wird vom US-Konzern Axsys hergestellt, der die Technik ursprünglich für das Militär zu Aufklärungszwecken entwickelt hatte. Oft geriet der Filmer damit unter Verdacht des Geheimnisverrats.

Und auch sein Werk stieß nicht überall auf Begeisterung: Die indische Zensur konfiszierte fast die Hälfte der Bilder, die er in dem Land aufgenommen hatte. In die USA wiederum wagt Arthus-Bertrand derzeit nicht zu reisen: Dort droht ihm ein Prozess, weil er ohne Erlaubnis industrielle Rindermast gefilmt habe.

Unberührt von all solchen Anfeindungen erklärt der Filmer auf seinem Hotelzimmer die Besonderheit seiner Filmtechnik. Dort steht ein kleines Studio, ausgestattet mit tragbaren Monitoren, vor allem aber riesigen Festplatten.

Der Franzose shuffelt durch die soeben gefilmten Bilder. Als würde die Kamera an einem Luftschiff schweben, gleitet sie übers Eis. Die Kamera wird von Gyroskopen stabilisiert. "Schau dir das hier an", sagt Arthus-Bertrand und spult kurz vor. Da zoomt die Kamera aus einer Totalen auf das Heck des Eisbrechers. "Kein Ruckeln, nichts", ruft der Filmer, "nur Magie."

Im Rohformat ist die Datenmenge gewaltig. Sie rechnen hier in Gigabyte pro Minute. "Aus einem einzigen Standbild könnte ich ein großes Bild drucken lassen", sagt Arthus-Bertrand.

Der Effekt dieser von Kreiseln stabilisierten Filmsequenzen ist verblüffend. Je näher Arthus-Bertrand an die Struktur aus Eis heranzoomt und alle umliegenden Bezugspunkte, etwa der Horizont oder aber das rote Schiff, verschwinden, desto abstrakter wird das Bild. Es scheint jetzt nicht mehr von einem Sensorchip, sondern von einem Pinsel oder mit schwarzer Tusche eingefangen zu sein. Es könnte das Werk eines Kubisten sein oder das verwirrende Formenspiel eines M. C. Escher.

Die Schmelzseen auf dem Eis verwandeln sich in Fabelwesen, in Tiere, in Paläste. Im Qausuittuq Inn zu Resolute waren die Daten noch roh, die Farben entsprechend matt. Doch schon kurze Zeit später haben sich Arthus-Bertrand und sein Kreativstab darangesetzt, mit modernster Bildbearbeitung jenen Rausch von Farben und Formen zu generieren, mit dem er schon in "Die Erde von oben" beeindruckt hat.

Arthus-Bertrand will damit aufrütteln, bewusstmachen. Wie eines seiner Vorbilder, Al Gore und dessen Dokumentarfilm "Eine unbequeme Wahrheit". Er glaubt, dass Filme das geeignete Medium dafür sind.

Schon vor knapp einem Jahr im kanadischen Resolute hatte er sich für das Motto entschieden, das jetzt überall in der Filmwerbung steht. "Es ist zu spät, um ein Pessimist zu sein."

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