AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2009

SPIEGEL-Streitgespräch "Wer soll das bezahlen?"

Die Folgen der Finanzkrise sind bedrohlich, zwei Szenarien denkbar: Verliert das Geld massiv an Wert, kommt die große Inflation? Oder droht der Welt die Deflation, ein lähmender Preisverfall? Die Ökonomen Peter Bofinger und Thorsten Polleit streiten über die Stabilität der Währung.

Von und Armin Mahler


SPIEGEL ONLINE: Herr Bofinger, Herr Polleit, worauf müssen sich die Bürger einstellen, auf Inflation oder Deflation?

Bofinger: Die Tendenz geht klar in Richtung Deflation, also eines Preisverfalls auf breiter Front. Wir haben jetzt schon eine Inflationsrate nahe null, sie dürfte in den nächsten Jahren eher darunterliegen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommen Sie darauf?

Bofinger: Der Wirtschaft fehlen die Wachstumstreiber. Die Exporte brechen weg, die Arbeitslosigkeit wächst, die Löhne sinken, die Gehaltskürzung bei Daimler ist nur der Anfang. In einem solchen Umfeld können die Preise unmöglich steigen.

Polleit: Sie lassen in Ihrer Betrachtung ganz außer Acht, wie enorm die Notenbanken die Geldmenge ausgeweitet haben. Seit Beginn der Währungsunion vor zehn Jahren hat die Wirtschaftsleistung im Euro-Raum nur um knapp 20 Prozent zugenommen, die Geldmenge ist gleichzeitig um 111 Prozent gewachsen. Dieses Geldmengenwachstum bestimmt die Geldentwertung. Die Inflation wird in den kommenden Jahren steigen, möglicherweise erheblich, nicht nur im Euro-Raum, sondern weltweit.

SPIEGEL ONLINE: Davon ist aber derzeit bei einer Teuerungsrate, die sich in Richtung null Prozent bewegt, wenig zu spüren.

Polleit: Vertrauen Sie nicht zu sehr der offiziellen Inflationsrate! Das ist bloß ein Index, der die Preisentwicklung von Waren und Dienstleistungen misst; er vernachlässigt wichtige Vermögenswerte: Aktien zum Beispiel oder Immobilien.

Zur Person
DPA
Peter Bofinger gehört seit März 2004 dem Gremium der "Fünf Wirtschaftsweisen" an. Er hat Volkswirtschaftslehre in Saarbrücken studiert und promovierte dort 1984. Seit 1992 ist er Professor an der Universität Würzburg. Mehr zu Peter Bofinger auf der Themenseite...
Bofinger: Die Hauspreise in Deutschland sind in den letzten Jahren nicht gestiegen, sondern teilweise deutlich gefallen. Das spräche ja eher für Deflation. Inflation entsteht doch nur dann, wenn den Anbietern die Güter förmlich aus der Hand gerissen werden und sie fast jeden Preis verlangen können. Da muss die Wirtschaft richtig unter Dampf stehen. Von einem solchen Nachfrageboom sind wir zurzeit nun wirklich weit entfernt.

Polleit: Inflation und Deflation sind stets und überall monetäre Phänomene. Entscheidend ist, wie stark die Zentralbanken die Geldmenge ausweiten. In den vergangenen Monaten haben sie die Schleusen weiter denn je geöffnet, die Weltfinanzmärkte werden mit zusätzlichem Geld geradezu überflutet. So etwas bleibt nicht folgenlos.

Bofinger: Das muss nicht zum Problem werden. Die Notenbanken stellen die zusätzliche Liquidität ja nur bereit, weil sich die Geschäftsbanken nach der Lehman-Pleite nicht mehr gegenseitig trauten. Sobald der Geldmarkt wieder richtig funktioniert und der Aufschwung kommt, werden die Notenbanken ihre Notprogramme zurückfahren und die Liquidität wieder einsammeln. Das ist eine Sache von einer Woche.

Polleit: Technisch ist es in der Tat einfach, die Expansion zurückzuführen. Aber dazu gehört der politische Wille. Der Staat hat sich nur allzu häufig als schlechter Hüter des Geldwertes erwiesen. Die Weimarer Regierung hat Anfang der zwanziger Jahre die Inflation bewusst in Kauf genommen, um sich von den Schulden zu befreien. Nicht von ungefähr hat der österreichische Ökonom Friedrich August von Hayek einmal gesagt, dass die Geschichte des staatlichen Geldes, von kleinen Ausnahmen abgesehen, eine Geschichte voller Lug und Betrug sei.

Bofinger: Bei allem Respekt für Hayek, wir sind doch in Deutschland seit 1948 mit der Geldpolitik nicht schlecht gefahren. Auch wenn Sie die Inflationsmessung anzweifeln: Die Bundesbank konnte im Durchschnitt eine Inflationsrate von drei Prozent vorweisen, die Europäische Zentralbank, die EZB, hat sie sogar bei zwei Prozent halten können. Es kommt doch darauf an, wie sich die Kaufkraft entwickelt, und die ist bemerkenswert stabil geblieben. Das ist eine enorme Leistung. Es ist ein Glücksfall, dass wir in dieser schwierigen Zeit mit der EZB eine Notenbank haben, die unabhängig agiert. In den USA mag das anders sein, dort sehe ich ein gewisses inflationäres Risiko, ein Anstieg auf fünf bis zehn Prozent ist nicht auszuschließen. Aber selbst das wäre nicht der Untergang des Abendlandes.

Polleit: Glauben Sie wirklich, ein inflationärer Prozess in den USA würde keinen Eindruck auf die Politiker in Europa oder Asien machen? Ich fürchte, dass jeder Währungsraum versuchen wird, es den Amerikanern nachzutun und die Schulden über die Zentralbanken zu monetarisieren. Schließlich leiden ja auch alle Währungen am gleichen Problem. Die Finanzkrise ist Ergebnis des staatlichen Systems, in dem Geld durch Kredit produziert wird. Im Laufe der Zeit erwachsen daraus enorme Schuldenberge. Zeichnet sich eine Überschuldungssituation ab, kann politisch schnell das Anwerfen der Notenpresse zum Weginflationieren der Schulden als das kleinste Übel angesehen werden.

Bofinger: Eine hohe Staatsverschuldung führt nicht automatisch zu Inflation, das zeigt die Erfahrung in Japan. Dort steckt die Wirtschaft seit Jahren in großen Schwierigkeiten, die Verschuldung hat massiv zugenommen, gleichzeitig droht erneut Deflation; die Japaner wären froh, wenn ihre Waren und Dienstleistungen wieder teurer würden. Und es stimmt auch nicht, dass alle Volkswirtschaften ständig nur Schulden machen. In Deutschland wird enorm viel Geld zur Seite gelegt. Unter dem Strich hat der private Sektor seit 1999 rund 1,7 Billionen Euro gespart.

Polleit: Die zentrale Frage ist, wie viel private und öffentliche Schulden eine Volkswirtschaft überhaupt vertragen kann. Eine exakte Antwort auf die Frage steht noch aus. Doch viele Dauerschuldner scheinen mittlerweile kaum noch in der Lage zu sein, ihre Schulden zurückzuzahlen oder gar höhere Kreditzinsen schultern zu können. Irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem die Geldproduktion durch Kredit überfordert ist, weil die Anleger dem System nicht mehr vertrauen.



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Seite 1
Strichnid 03.06.2009
1. ...
Polleit liefert zwar die richtige Analyse (dass die Krise eine Krise des Kreditgeldsystems ist), aber er zieht die völlig falschen Schlüsse, wenn er fordert, den Banken das Geldschöpfungsmonopol endgültig zu übergeben und sie eigenes Geld drucken zu lassen. Der Markt würde seiner Meinung nach zeigen, welches Geld langfristig das stabilere wäre. Aber der Markt hat gerade gezeigt, dass er Ponzi-Systeme bevorzugt, die kurzfristig die größte Geldmengenexpansion anbieten. In einem freien Währungswettbewerb würde immer nur das kurzfristigste, am wenigsten gedeckte Geld das erfolgreichste. Wir hätten eine Welt, in der alle 3 Jahre Geldblasen platzen würden, noch mehr als heute schon. Was wir stattdessen brauchen, ist eine Stärkung eines staatlichen Geldmonopols, gekoppelt an die Deckung des Geldes mit Sachwerten. Es darf nicht länger sein, dass Privatleute Geld erschaffen und dafür Zinsen fordern.
Andreas Heil, 03.06.2009
2. Oh je
Zitat von sysopDie Folgen der Finanzkrise sind bedrohlich, zwei Szenarien denkbar: Verliert das Geld massiv an Wert, kommt die große Inflation? Oder droht der Welt die Deflation, ein lähmender Preisverfall? Die Ökonomen Peter Bofinger und Thorsten Polleit streiten über die Stabilität der Währung. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,628148,00.html
Sehr unterhaltsam. Bofinger zeigt Durchblick, sagt aber nicht die ganze Wahrheit - Tribut an seine exponierte Stellung - und hat evt. tatsächlich einen blinden Fleck, den er mit Collegen teilt, ich denke da z.B. an Horn, denn Polleit hat *in einem einzigen Punkt* recht, nämlich dort, wo er Vermögenspreisinflation anspricht. Und die Konzepte von Horn und Bofinger stehen da auf Glatteis, wo sie das "quantitative easing" *mit*tragen, das einen zu hohen Realzins in einer deflationären Risikophase kompensieren soll. Die "unorthodoxen Instrumente" der Zentralbanken, nämlich der Ankauf von Wertpapieren, seien es Aktien, seien es Staatsanleihen durch die Notenbanken, unterstützt in der Tat eine Vermögenspreisinflation. Dummerweise werden erst in dem Moment, *wo die Aktion funktioniert*, die derzeit zu einem erheblichen Anteil eingefrorenen Vermögenstitel der Vergangenheit wieder kaufkräftig und können den Sektor verlassen, in dem sie derzeit festsitzen. Das Reh kommt bildlich gesprochen genau dann aus der Falle, kann also wieder die sektorielle Beschränkung verlassen und gewinnt allgemeine Kaufkraft. Für Otto-Normalverbraucher und die normale realwirtschaftliche Aktivität ist das jedoch ein schweres Problem, denn dort trat und tritt ja keine analoge Inflation auf und deren "normale" Kaufkraft wird ausgebootet. Schlimmer noch, die Preisinformationen der Märkte geraten durcheinander, weil dieses derzeit eingefrorene Kapital ja sowohl aus dem offiziellen Geld, als auch aus den derzeitigen entwerteten Anlagen fliehen will, um in zumindest vermeintlich sicherere Sachwerte oder Derivate davon umzuschichten. Und dadurch wird die Realwirtschaft erneut schwer geschädigt, wie wir es bereits beim Anziehen der Rohstoff- und anderer Preise vor der Depression gesehen haben. Kann das auch gerne im Detail noch präzisieren. Problematisch ist die Abhilfe, denn ohne Währungsschnitt oder drastische fiskalpolitische Umverteilungsmaßnahmen kommen wir aus der desaströsen Gemengelage offenbar nicht wieder raus. *Polleit hat dagegen einen wirklich skurillen Dialogpart geliefert*, im Grunde kann er sich komplexe ökonomische Zusammenhänge gar nicht erschließen und füllt alle Lücken, bei denen ihn eine kognitive Dissonanz plagt mit reiner triefender Ideologie und strikt dazwischen seltsame Zusammenhänge, die man höchstens noch mit dem Begriff *Verschwörungstheorie* einigermaßen trifft. Gerne kann ich auch auf einzelne Punkte zu sprechen kommen, wenn jemand Fragen haben sollte. Polleit wirft aber ein exemplarisches Licht auf die desaströse Qualität mancher Wissenschaftssimulation, vor allem wenn sie mit privatwirtschaftlicher Anglizismenflut excellence vortäuschen soll, wo eigentlich nichts ist.
Andreas Heil, 03.06.2009
3. Geldschöpfungsmonopol
Zitat von StrichnidPolleit liefert zwar die richtige Analyse (dass die Krise eine Krise des Kreditgeldsystems ist), aber er zieht die völlig falschen Schlüsse, wenn er fordert, den Banken das Geldschöpfungsmonopol endgültig zu übergeben und sie eigenes Geld drucken zu lassen. Der Markt würde seiner Meinung nach zeigen, welches Geld langfristig das stabilere wäre. Aber der Markt hat gerade gezeigt, dass er Ponzi-Systeme bevorzugt, die kurzfristig die größte Geldmengenexpansion anbieten. In einem freien Währungswettbewerb würde immer nur das kurzfristigste, am wenigsten gedeckte Geld das erfolgreichste. Wir hätten eine Welt, in der alle 3 Jahre Geldblasen platzen würden, noch mehr als heute schon. Was wir stattdessen brauchen, ist eine Stärkung eines staatlichen Geldmonopols, gekoppelt an die Deckung des Geldes mit Sachwerten. Es darf nicht länger sein, dass Privatleute Geld erschaffen und dafür Zinsen fordern.
Na ja. In dem Punkt hat seine Annalüse wenigstens Berührungspunkte zur Realität. Richtig ist, dass die Banken nach dem neuen Markt schon zum zweiten Mal in kurzer Frist *Quasigeld* produziert und unters Volk gebracht haben, denn nichts anderes ist die Flut an faulen Wertpapieren *funktional*, bzw. war sie, solange der Markt noch *liquide* war. Man merke sich dieses böse Wort, denn es ist durchaus ein valider Indikator für die Absicht, eine neue legale Betrugsmöglichkeit einzustielen.Das mit den Sachwerten ist dagegen blanker Unfug, allerdings teil Polleit die Idee ja. Sachwerte als Deckung verhindern wirksam eine Anpassung der Geldmenge an die Erfordernisse der Realwirtschaft, sollten die Geldemittenten sich tatsächlich an das Versprechen gebunden fühlen. Tatsächlich ist die "Einlösegarantie", die ja die Umsetzung der "Deckung" praktisch ist, bisher *ausnahmslos* zusammengebrochen, wenn ein Problem auftrat und das muss m.E. auch beinahe zwingend so sein, selbst ohne dem Geldemittenten böse Absichten zu unterstellen. Grundsätzlich macht die Deckung aber ja überhaupt nur im Problemfall Sinn und verteuert den Geldverkehr ansonsten nur ohne kompensatorischen nützlichen Effekt. Die denkbare Alternative wäre Rückkehr zum reinen Barterhandel, in der zumindest transnationale Salden bei Übertrag von Sachvermögen stets ausgeglichen würden. Nur vergewärtigt man sich diesen Mechanismus in der modernen Welt wird das ganze auch völlig absurd, denn diese Dinge können ja meist gar nicht physisch bewegt werden,. Und das Bewegen der Eigentumsrechte an Sachwerten ist ja auch wieder nichts anderes, als das was wir beim Aufkommen der Krise gesehen haben - nur aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, als im ersten Absatz. Staatliches Geldmonopol scheint mir schon mal das kleinere Übel zu sein, nur müßten die geldschöpfenden (genauer: kreditschöpfenden) Geschäftsbanken viel härter an die Kandarre und eben wieder entflechtet werden. Beim staatlichen Geldmonopol stellt sich allerdings die Frage nach der supranationalen Ebene, denn ein Teil der Casino-Billionen wird auch über die Devisenmärkte abgezapft und zwar nicht zu knapp.
diclaro 03.06.2009
4. Polleit und Bofinger
Als Naturwissenschaftler wird mir bei den Äußerungen der beiden Herren jedenfalls eines klar : Mit "Wissen"schaft hat das nichts zu tun, was diese beiden Herren lehren. Da könnte man sich genauso gut in Hogwarts bei Professor Trelawney unterrichten lassen. Aber diese Abgehobenheit der Wirtschaftler ist mir schon öfter aufgefallen und sich ein Grund dafür, dass dieses Kartenhaus so kollabiert ist. Es wird sich nichts ändern, wenn sich die Ausbildung des Nachwuchses nicht ändert.
silverboy 03.06.2009
5. so ein Quatsch
und wieder werden Nebelgranaten geworfen. Alle Zentralbanken sind doch schon in privater Hand. Die FED z.B. ist ein privates Unternehmen.
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