SPIEGEL: Ms. Faust, Barack Obama ist Harvard-Absolvent, und er versucht derzeit, ganze Branchen vor dem Untergang zu bewahren. Haben auch Sie bei ihm schon um staatliche Rettungsgelder nachgefragt?
Faust: Nein. Ich hatte in letzter Zeit leider nicht das Vergnügen, mit dem Präsidenten zu sprechen.
SPIEGEL: Dass Ihre Universität vor großen Finanzproblemen steht, bestreiten Sie aber nicht?
Faust: Auch wir spüren die Krise. Wir gehen davon aus, dass unser Vermögen nach diesem Geschäftsjahr rund 30 Prozent an Wert verloren haben wird, was einem Verlust von elf Milliarden Dollar entspricht. Wie Präsident Obama, so muss auch ich in einer Zeit der Verunsicherung führen.
SPIEGEL: Viele Kritiker, auch aus Ihren eigenen Reihen, sagen, Harvard habe die Misere nicht anders verdient. Schließlich hat die Harvard Management Company (HMC) hochriskante Derivatgeschäfte mit dem Stiftungsvermögen getrieben. Das Magazin "Forbes" beschrieb die HMC als "riesigen Hedgefonds".
Faust: Unsere Strategien für die Vermögensverwaltung waren ganz ähnlich wie die anderer Hochschulen, etwa in Yale. Und wenn man sich die Resultate anschaut, stehen wir hervorragend da - viel besser als mit konservativeren Anlagen: 15 Jahre lang lagen die Erträge im Durchschnitt bei 15,7 Prozent. Das Problem liegt darin, wie unerwartet und schnell sich die ökonomischen Bedingungen verändert haben.
SPIEGEL: Auch in den fetten Jahren war es umstritten, ob HMC-Manager wirklich bis zu 35 Millionen Dollar pro Jahr verdienen müssen - viel mehr, als Sie selbst dem schlauesten Professor zubilligen.
Faust: Wenigstens kann jeder in Erfahrung bringen, wie viel wir unseren Managern zahlen. Das ist bei Universitäten, die ihr Vermögen von auswärtigen Firmen verwalten lassen, nicht der Fall.
SPIEGEL: Werden Sie denn jetzt die Gehälter Ihrer Manager einschränken, wie es auch an der Wall Street erwogen wird?
Faust: Wir schauen uns die Entlohnung jedes Jahr an und haben für dieses Jahr noch nicht entschieden. Aber natürlich sehen auch wir die Welt heute mit anderen Augen. Wir müssen alle finanziellen Fragen neu stellen: Was ist die Obergrenze für Studiengebühren? Wie viel Forschungsgeld können wir vom Staat erwarten? Und vor allem: Was ist mit Spenden? Was ist, wenn Harvards Freunde und Geldgeber selbst unter finanziellen Druck geraten?
SPIEGEL: Wie lauten Ihre Antworten?
Faust: Wenn unser Vermögen stark an Wert verliert, müssen wir Kosten senken und versuchen, uns verstärkt auf andere Einnahmequellen zu verlassen.
SPIEGEL: Auf welche denn? Noch höhere Studiengebühren? Wenn man Unterkunft und Verpflegung hinzurechnet, dann kostet ein Jahr Harvard schon jetzt rund 50.000 Dollar - so viel wie ein durchschnittliches amerikanisches Haushaltseinkommen ...
Faust: ... weshalb wir uns ja auch verpflichtet haben, unsere Finanzhilfe für Studenten aus einkommensschwächeren Familien zu erhalten. Wir glauben, es ist ein wichtiger Auftrag für Harvard, talentierten Studenten den Zugang zur besten Ausbildung zu gewähren.
SPIEGEL: Trotz aller Verluste bleibt Harvard die reichste Hochschule der Welt mit einem Vermögen von offenbar immer noch 26 Milliarden Dollar. Könnten Sie da nicht gelassener sein?
Faust: Nehmen wir die Faculty of Arts and Sciences, die mit Abstand größte unserer Fakultäten. Sie finanziert sich zu 60 Prozent aus den Erträgen unseres Vermögens. Wenn das um 30 Prozent sinkt, schrumpft das Jahresbudget so drastisch, dass wir das ausgleichen müssen.
SPIEGEL: Geld genug dafür haben Sie doch.
Faust: Richtig ist, dass wir gezwungen waren, das Vermögen stärker anzuzapfen, um die laufenden Kosten zu bestreiten. Aber es handelt sich da um keinen Sparstrumpf, aus dem sich die Präsidentin nach Belieben bedienen kann. Es ist unser Kapital, mit dem wir unsere Programme, Abteilungen und Angebote bis in alle Ewigkeit sichern wollen. Im Übrigen dürfen wir gar nicht frei über unser Vermögen verfügen.
SPIEGEL: Warum nicht?
Faust: Mehr als 70 Prozent davon sind für ganz bestimmte Zwecke bestimmt. Spender sagen uns: Ich will eine Professur für Französisch finanzieren. Da verbietet es das Gesetz, dieses Geld und die Erträge daraus für eine Biologieprofessur oder die Renovierung eines Studentenwohnheims auszugeben. Harvards Vermögen ist eben nicht einfach ein großer Geldtopf. Es besteht aus über 11 000 Einzelsummen, deren Verwendung bestimmten Zwecken vorbehalten ist.
SPIEGEL: Mit anderen Worten: Sie müssen sparen. Wo?
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