AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2009

Sportskandale Heimrecht für den Pharao

Gekaufte Spiele, bestechliche Schiedsrichter, merkwürdiges Finanzgebaren - die Welt des Handballs hat in den vergangenen Monaten eine Welle von Skandalen erlebt. Regiert wird der Sport von dem Ägypter Hassan Moustafa, einem Funktionär ganz alter Schule.

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Es ist ein trotziger Jubel, der in der hintersten Tischreihe des Saales "Tutanchamun" im Kairoer Luxushotel JW Marriott losbricht und wie eine Welle nach vorn schwappt. Ein Jubel, der nach Genugtuung klingt.

Hassan Moustafa steigt vom Podium hinab. Seit neun Jahren führt er die Internationale Handball-Föderation (IHF), er ist gerade für weitere vier Jahre zum Präsidenten gewählt worden. 115 Verbände stimmten für ihn, der Luxemburger Jean Kaiser, ein Bankier im Ruhestand, bekam nur 25 Stimmen.

Drei Dutzend Männer hasten nach vorn, sie umringen Moustafa, beglückwünschen, umarmen, küssen ihn. Wie ein Parteiführer lässt sich Moustafa unten im Saal von seinem Fußvolk feiern. "Lang lebe der Präsident", ruft einer auf Englisch in sein Mikrofon. Ein anderer holt sich ein Autogramm. Es sind ägyptische Journalisten.

Es gibt andere Journalisten, die nennen Moustafa den "Pharao". Es sind Journalisten, von denen Moustafa nichts hält, für ihn sind sie Bastarde, die nichts anderes im Sinn führen, als ihn zu diskreditieren.

Moustafa, 64, ein diplomierter Sportwissenschaftler, hat zu DDR-Zeiten in Leipzig studiert. Er ist ein robuster, kantiger Kerl im dunkelbraunen Anzug, er spricht ein ziemlich gutes Deutsch. Die Sicherheitsleute an der Tür zum Saal Tutanchamun haben an diesem Tag von ihm den Auftrag, den SPIEGEL-Reporter nicht hineinzulassen. Doch sie haben nicht alles unter Kontrolle. So kann man Moustafa ganz direkt fragen, warum er einen nicht dabeihaben will, wenn ein demokratischer Sportverband seinen Kongress abhält.

"Haben Sie sich rechtzeitig akkreditiert?", fragt er zurück, der Ton ist barsch. "Nein, das haben Sie nicht, Sie haben keine Akkreditierung der IHF erhalten. Verlassen Sie den Saal!" Er spricht von Sicherheitsvorschriften, die einzuhalten seien, und von vollbesetzten Presseplätzen. Tatsächlich sind sie leer. Es dauert, bis man hineinkommt in das Reich des Pharao.

Der Handball könnte Transparenz gebrauchen, in den vergangenen Monaten hat eine Welle von Enthüllungen den Sport ramponiert. Der frühere Manager des THW Kiel, einer der besten Clubs Europas, steht unter Verdacht, Spiele der Champions League verschoben zu haben. Er bestreitet die Vorwürfe. Schiedsrichter aus Deutschland und aus Osteuropa sollen Geld genommen haben. Acht unter Manipulationsverdacht stehende europäische Spiele werden derzeit von der Europäischen Handball-Föderation untersucht.

Moustafa ist das Weltoberhaupt einer maroden Sportart und ein bedeutender Mann der internationalen Sportpolitik. Für seine Gegner ist er der Prototyp des anrüchigen Funktionärs, mit einem Hofstaat, in dem Abnicker und Jasager agieren, und einer Vetternwirtschaft, in der auf merkwürdigen Wegen Gelder hin- und hergeschoben werden.

Eine der am häufigsten wiederholten Anschuldigungen lautet, Moustafa habe sich über die Jahre mit schlampigen Spesenabrechnungen über mehrere hunderttausend Schweizer Franken bereichert. In einer anderen Causa ermittelt die Basler Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts der Untreue. Mit Billigung Moustafas sollen 1,6 Millionen Schweizer Franken, die dem ägyptischen Handballverband zustanden, bei der IHF versickert sein.

Doch kein anderer Fall erregte weltweites Aufsehen wie der Skandal um ein verschobenes Spiel bei einem Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele 2008 zwischen Kuwait und dem favorisierten Team aus Südkorea. Moustafa sorgte dafür, dass nicht wie geplant zwei Schiedsrichter aus Deutschland zum Einsatz kamen, sondern zwei Referees aus Jordanien, die alle Zweikampf-Situationen gegen Südkorea entschieden. Kuwait gewann. Das Turnier musste wiederholt werden, das Urteil des Sportgerichtshofs CAS lautete: Spielmanipulation. Den Ruch der Korruption wird Moustafa seither nicht mehr los.

Wo immer der Ägypter auftritt, betont er seine Unschuld. Vorwürfe, er habe sich bereichert oder lasse Geld aus der Verbandskasse in dunklen Kanälen verschwinden, seien üble Nachrede. "Wir sind eine Handballfamilie", sagt er dann, "wenn jemand ein Problem mit mir hat, müssen wir das in der Familie diskutieren."

In Kairo rechnet Moustafa mit seinen Gegnern ab, er macht aus dem Kongress des Welthandballverbands ein Tribunal. Es ist ein asynchroner Krieg um Macht, seine Gegner agieren wie Einzelkämpfer, die den Schutz des Dickichts suchen.



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