AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2009

Arbeitsmarkt Enthusiasmus für 3,56 Euro

In der Branche der Gebäudereiniger gilt ein gesetzlicher Mindestlohn. Viele Zimmermädchen verdienen weit weniger - mit dubiosen Begründungen.

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Direkt am historisch rekonstruierten Dresdner Neumarkt liegt das mintgrün-getünchte Luxushotel QF ("Quartier an der Frauenkirche"). Verarbeitet wurden edelste Materialien, das puristische Design stammt vom italienischen Stararchitekten Lorenzo Bellini. Das freilich hat alles seinen Preis: Das billigste der 96 Zimmer kostet 169 Euro, die Suite ist für 349 Euro pro Nacht zu haben.

Servicekraft Sonntag im Hotel QF: Flaschen sammeln ist erlaubt
Sven Döring / Agentur Focus

Servicekraft Sonntag im Hotel QF: Flaschen sammeln ist erlaubt

Ramona S. dagegen ist schon für 2,71 Euro die Stunde zu haben. Dafür arbeitet sie ab 8.30 Uhr im QF. Um 15.30 Uhr ist Feierabend, dann hat sie drei Classic-Zimmer gereinigt und vier Superior-Unterkünfte - und am Ende des Tages insgesamt 19 Euro verdient.

Manchmal schafft sie auch 24 Euro am Tag, dann reinigt sie lediglich die kleineren Classic-Zimmer und erledigt in fünf Stunden rund zwölf Räume. Sie wechselt die Bettwäsche, wischt überall Staub, saugt, reinigt Waschbecken, Badewanne und Toilette, füllt die Minibar auf. Zwischen zwei Euro und drei Euro bekommt sie pro Zimmer.

Im Mai lag ihr durchschnittlicher Stundenlohn bei 3,56 Euro, im April betrug der Monatsverdienst netto 372,04 Euro, 100 Euro einmalige Prämie inklusive. Hätte sie den gesetzlichen Mindestlohn von 6,58 Euro pro Stunde erhalten, hätte sie fast das Doppelte verdienen müssen.

Obwohl Ramona S. für das QF arbeitet, arbeitet sie nicht beim QF. Angestellt ist sie bei der Berliner Firma B+K Dienstleistung, die für Hunderte Hotels bundesweit die Zimmer und Suiten reinigt. Das Unternehmen zählt mit mehr als 3.100 Beschäftigten zu den Großen der Branche. Eine Vielzahl von Hotels, darunter namhafte Häuser, haben ihre Zimmermädchen outgesourct. Auch das Hotel Elbflorenz, in dem Ramona S. gelegentlich arbeitet. Vollmundig verspricht B+K den Luxusherbergen: "Entlasten Sie Ihre Mitarbeiter und Ihr Budget gleich mit."

Die Lasten dieses Sparvorschlags trägt das Reinigungspersonal. Kaum ein Hotelmanager weiß, wie viel seine Zimmermädchen am Ende verdienen, er will es wohl auch nicht wissen.

"Ich habe einen Vertrag mit B+K, der Rest interessiert mich nicht", sagt Maria Daniela Schulze, die QF-Direktorin. "Ich zahle zwischen sieben und neun Euro für die Reinigung eines Zimmers an meinen Dienstleister. Das ist oberstes Niveau. Dem Hotel die niedrigen Löhne anzulasten, ist deshalb unfair."

Man könne die Debatte ja auch einmal anders führen, sagt die Managerin. "Es gibt viel zu wenige geeignete Arbeitskräfte, die qualifiziert, mit hoher Arbeitsmoral und Enthusiasmus ihren Job verrichten." Enthusiasmus für 3,56 Euro pro Stunde?

Sonntag hatte keine Wahl, sie musste den Job annehmen, obwohl sie in Dresden Englisch und Architektur studiert und in einem Architekturbüro in Washington gearbeitet hatte. Weil ihr Visum auslief, kehrte sie im April vorübergehend nach Deutschland zurück. Diese Zwischenzeit wollte sie sinnvoll nutzen. Doch sie fand keine Arbeit, so wurde sie Zimmermädchen.

"Es sind die Nebenaufgaben, die das Erreichen des gesetzlichen Mindestlohns unmöglich machen", sagt sie. Zustellbetten müssen aufgebaut, die Etagenwagen mit Shampoo-Fläschchen und Utensilien für die Minibar bestückt werden. Doch das findet außerhalb des Hotelzimmers statt - und wird deshalb nicht bezahlt.

"Die Zimmermädchen sammeln leere Flaschen aus der Minibar und bringen sie zur nächsten Lidl-Filiale, um ihren Verdienst aufzubessern", erzählt die 31-Jährige. Und der reicht dennoch nicht. Sie und fast alle ihre Kolleginnen beziehen Lohnzusatzleistungen von den Arbeitsagenturen. Bei ihr sind es 130 Euro im Monat. "In gewissem Sinne sind die teuren Hotelzimmer auch noch staatlich subventioniert", sagt Sonntag.

Er wisse, dass die Zimmermädchen "einen Knochenjob haben", sagt Thorsten Benthin, Geschäftsführer von B+K Dienstleistung. Deshalb gestatte man ja ausdrücklich, dass die Flaschen aus den Hotelzimmern gesammelt werden dürfen. Zudem gebe es ja auch Trinkgeld.

Und außerdem: "Wenn bei uns wirklich ein Mädchen nur 3,56 Euro pro Stunde verdient, dann ist es eben die Falsche für den Job", so Benthin. "Dann ist sie zu langsam." Im Übrigen bestreitet er, dass der gesetzliche Mindestlohn für Zimmermädchen überhaupt gilt, weil diese, so seine Argumentation, überwiegend nicht mit Reinigungs-, sondern mit "Servicetätigkeiten" beschäftigt seien.

Das sieht selbst der Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks anders. "In der gewerblichen Gebäudereinigung ist es unstreitig", so die Industriegewerkschaft Bau und der Verband in einer gemeinsamen Erklärung, "dass der Zeitaufwand bei der Zimmermädchentätigkeit zu über 70 Prozent aus Reinigung besteht und daher der Gebäudereinigung zuzuordnen ist."

Mit ihrer eigenwilligen Rechtsauffassung geriet Benthins Firma schon einmal in die Schlagzeilen. Im Jahr 2007 machte die IG Bau bekannt, dass B+K einen Teil der Mitarbeiter, die im Bundestag putzen, mit Dumping-Löhnen abspeist. Damals gelobte Benthin auf Druck der Bundestagsverwaltung Besserung und zahlte rückwirkend die Tariflöhne nach.

Ramona S. war jedenfalls geschockt, als sie ihre erste Lohnabrechnung sah. "Ich dachte, solche Löhne gibt es vielleicht in Rumänien oder der Slowakei. Aber nicht in Deutschland."

So schnell wie möglich will sie jetzt wieder ins Ausland, um als Architektin arbeiten zu können. Als sie ihrer Arbeitsvermittlerin von ihrem Vorhaben erzählte, sagte die nur: "Was anderes kann ich Ihnen leider auch nicht empfehlen."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 368 Beiträge
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Seite 1
Rainer Helmbrecht 17.06.2009
1. 1. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!
Zitat von sysopIn der Branche der Gebäudereiniger gilt ein gesetzlicher Mindestlohn. Viele Zimmermädchen verdienen weit weniger - mit dubiosen Begründungen. http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,630737,00.html
Die Betreiber dieser Hotels sind einfach nur unanständig und nutzen eine Situation aus. Man wundert sich immer, dass die Gesetzbücher immer dicker und die Gesetze so ausführlich formuliert werden, damit auch für jeden nur vorstellbaren Fall alles geregelt ist. Solche Firmen gelten dann noch als klever und Hotelanlagen vermitteln den Eindruck von besonderer Vornehmheit, dabei handelt es sich nur um Firmen, die Rücksichtslos Notlagen ausnutzen. Dieser Geiz und diese Rücksichtslosigkeit wird sich erst ändern, wenn diese Hütten brennen. Leider werden diese entstehenden Kosten, durch Versicherungen wieder auf die Gemeinschaft abgewälzt. Der Gesetzgeber hat auch die Aufgabe seine Bürger vor so einer Ausbeutung zu schützen. Brüssel hält sich für den Nabel der Welt und "Beschützt" den Konsumenten vor zuviel Salz im Brot, obwohl jeder Mensch sein Brot kaufen kann wo er will, aber dafür, dass jemand von seiner Arbeit leben kann, dafür macht Brüssel und natürlich die Bundesregierung, nichts. MfG. Rainer
Nicola54 17.06.2009
2. Liste
Und wie kann ich als Gast erfahren, ob die Mitarbeiter des Hotels, in dem ich wohne, anständig entlohnt werden? Gibt es da Listen im Internet? Ich hätte gerne auch "Fair trade" vor meiner Haustür.
kikolo, 17.06.2009
3. logisch
wer merkel oder spd waehlt kriegt merkel und cdu csu und die denken nicht daran gesetzlichen mindestlohn einzufuehren geschweige denn die einhaltung eines solchen gesetzes zu kontrollieren und zu nichtbedachtung bestrafen.. wer merkel waehlt kriegt merkel...
PaulNeu, 17.06.2009
4. Kriminell
3,56 Euro Stundenlohn ist schlicht und einfach kriminell. Wenn in unserem Lande so etwas möglich ist, hat die Politik versagt. Hier muss schnellstens etwas geschehen, nämlich Einführung von Mindestlöhnen, die allerdings berufsbezogen sein sollten und in Relation zum gesamten Lohnniveau stehen müssen.
herbert 17.06.2009
5. Auff^ällig ist !!!!!!!!
Alle Parteien im Bundestag, besonders die Regierenden wiisen und kennen das Problem. Doch sie machen nichts ! Sie bedauern und reden dumme Reden über den Wettbewerb. Besonders die christlchen Figuren in der CDU halten sich bedenklich zurück. Die Entwicklungsministerin schickt Millionen nach Afrika, dabei könnte sie das Geld auch diesen armen Bediensteten geben. Denn das ist Afrika in Deutschland. Leider lieben die Deutschen die Verschwiegenheit und sie nehmen alles hin. In Frankreich würde das Hotel schon brennen.
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