AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 26/2009

Hochschulen Die Bildungsmanager

Viele Uni-Präsidenten agieren wie Firmenchefs: Sie bauen ihre Institutionen für den Wettbewerb um. Doch die neuen Macher stoßen auf Widerstand bei Professoren und Studenten.

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Um "Geduld und Gelassenheit" werde sie sich bemühen, sagt die Präsidentin, sie wolle "mehr Demut" zeigen, aber da ist es bereits zu spät.

Monika Auweter-Kurtz, 58, sitzt in ihrem Arbeitszimmer und kommt nicht mehr heraus. Die Präsidentin ist gefangen in ihrer eigenen Universität. Seit Wochen schwelt ein Konflikt an der Hamburger Hochschule. 120 Professoren haben in einem Brief gegen ihre Chefin protestiert, eine Kriegserklärung unter Akademikern, und Auweter-Kurtz will jetzt erklären, wie wieder Frieden herrschen könne. Sie gebe ja zu, dass manchem "mein hohes Tempo und mein klarer Ton missfallen", sie wolle gern "versuchen, mit den Kritikern ins Gespräch zu kommen".

Es sind reumütige Töne, die Auweter-Kurtz anschlägt, es klingt wie ein Versuch der Versöhnung nach all den Verletzungen. Doch an diesem Morgen verhallen sie ungehört. Draußen im Flur stampfen Studenten auf den Steinboden, ein dumpfes Dröhnen dringt in das Büro. "Dies ist unser Haus, schmeißt die Präsidentin raus", schreien die Studenten durch die von innen verriegelte Tür. Monika Auweter-Kurtz lässt die Polizei rufen. Noch ist sie hier die Hausherrin. Mit zwölf Wagen fährt die Staatsmacht vor das Portal des Hauptgebäudes, die Chefin wird später durch den hinteren Ausgang zu ihrem Auto eskortiert.

Der Streit um die Hamburger Präsidentin steht für einen typischen Konflikt, der sich an vielen deutschen Hochschulen beobachten lässt. Nicht überall eskaliert er wie in Hamburg, aber vielerorts schwelt er, seit die Universitäten einen radikalen Umbau erleben. An der Spitze stehen nun mächtige Macher, die ihre Institution für den Wettbewerb rüsten wollen. "Vorstandsvorsitzende" nennt das baden-württembergische Hochschulgesetz die neuen Bildungsmanager und stellt ihnen "Aufsichtsräte" zur Seite.

Schon diese neue Sprache ist ein Bruch mit der Tradition, die neuen Strukturen sind es erst recht. In den vergangenen Jahren machen die Hochschulen einen Wandel durch, wie es ihn seit mindestens vier Jahrzehnten nicht gegeben hat, seit der Studentenrevolte von 1968.

Der sichtbarste Teil der Reformen sind die neuen Abschlüsse Bachelor und Master. Sie stehen am Ende eines Studiums, das deutlich verschulter ist als früher. Kritiker sehen die Universität deshalb zu einer "Studenten-Fabrik" verkommen (SPIEGEL 18/2008), Zehntausende zogen in der vergangenen Woche dagegen auf die Straße. Doch der Wandel geht weit über die Studienordnungen und Studienabschlüsse hinaus. Er hat auch die Organisation der Universitäten erfasst. Mehr als 350 Selbstverwaltungsgremien zählte allein die Universität Hamburg noch vor sieben Jahren. Wo früher alle mitreden und auch mitentscheiden durften, herrscht heute eine straffe Führung.

"Entscheidungskompetenzen werden von Gremien und Kommissionen in Präsidien, Rektorate und Dekanate verschoben", sagt Andreas Keller, Hochschulexperte der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Und Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbands, einer Standesvertretung der Professoren, beklagt "die Entmachtung der akademischen Selbstverwaltungsgremien zugunsten einer hierarchischen Steuerung unter erheblicher Beteiligung außeruniversitärer Persönlichkeiten aus Staat und Gesellschaft, vornehmlich der Wirtschaft".

Kein Zweifel: Die Senate, in denen Professoren, Mitarbeiter und Studenten versammelt sind, haben an Bedeutung verloren. Sie tagen zwar an vielen Hochschulen so häufig wie früher und diskutieren über dieselben Themen. Aber sie dürfen in vielen Fällen allenfalls noch Stellungnahmen abgeben, keine Entscheidungen mehr treffen. "In manchen Bundesländern hat der Senat nur noch folkloristische Funktion", sagt Torsten Bultmann vom Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

An der Spitze stehen stattdessen nun Präsidenten und Rektoren, deren Attitüde zuweilen an die rigorosen Sanierertypen großer Konzerne gemahnt. Auch auf der Ebene darunter, bei den Dekanen, geht der Trend zum Wissenschaftsmanager. Viele Hochschulen haben, wie es in der Wirtschaft hieße, ihre Strukturen verschlankt. Die bunte Vielfalt an Fachbereichen verschwindet, größere Fakultäten entstehen. Erste Universitäten bestellen hauptamtliche Dekane, die ihre Managementaufgaben nicht mehr nur nebenbei und für eine kurze Zeit ausüben. Prompt gab es in Mannheim darüber Streit. Die Professoren weigerten sich, unter einem solchen Profi-Dekan zu arbeiten.

Doch aufzuhalten scheint der Wandel nicht: Magnifizenzen werden zu Managern. Es sind längst mehr als nur Einzelfälle wie Wolfgang Herrmann, der seine Technische Universität München schon vor Jahren zur "unternehmerischen Universität" ausgerufen hat und einen Chief Information Officer zu seinen Vizepräsidenten zählt; oder sein Berliner Kollege Dieter Lenzen, der schon als "Campus-König" bezeichnet und zuletzt als "Hochschulmanager des Jahres" ausgezeichnet wurde.

Lenzen hatte vor dem Bildungsstreik der vergangenen Woche zwar erklärt, dass er die Studenten sehr gut verstehe - aber das nutzte ihm nichts. Zornige Protestler besetzten das Präsidialamt. Bilder wurden abgerissen, Lampen zerstört und große Worte an die Wand geschmiert: "Für die Freiheit, für das Leben". Die Polizei rückte an und sorgte für Ruhe und Ordnung, Lenzen klagte über "Vandalismus".

Forum - Verkommt die Uni zur Studentenfabrik?
insgesamt 1657 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 26.04.2008
1.
Gegenfrage: Ist die Uni denn Selbstzweck?
Senfkorn, 26.04.2008
2.
Das Bachelorstudium ist mittlerweile eine Fortsetzung von Schule. Auswendiglernen, Testen, Vergessen. In Deutschland lebt man nicht behütet auf dem Campus, sondern wohnt vielleicht zum ersten Mal alleine, muss Wohnung, Haushalt organisieren, dazu die neue Situation an der Uni. Wenn dann in den ersten Monaten schon Prüfungen geschrieben werden, die für die Endnote relevant sind, braucht man sich über hohe Abbrecherquoten auch nicht wundern. Dazu wird duch die enge Taktung Studenten das Leben erschwert, die sich selbst finanzieren müssen. Der Verdacht liegt nahe, das dies auch so gewollt ist, wozu gibt es Studienkrdite und schon hat man neue Kunden für die Finanzwirtschaft gewonnen. Insgesamt wird zur Zeit in der Bildung nur gehetzt, ohne Sinn und Verstand, früher Einschulen, G8, Bachelor. Vielleicht läuft sich das ein, aber einige Generationen werden dabei wohl verloren gehen.
Kristian Viesmann, 26.04.2008
3. Alter Wein in neuen Schläuchen
Der Bologna (http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess) Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun? Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold (http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal) muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!
ondrana 26.04.2008
4. Studium Generale?
Zitat von Kristian ViesmannDer Bologna (http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess) Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun? Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold (http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal) muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!
Von mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen. Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben. An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik. Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt! Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten. Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration. Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher. Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum. Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich. Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
Kristian Viesmann, 26.04.2008
5.
Zitat von ondranaVon mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen. Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben. An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik. Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt! Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten. Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration. Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher. Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum. Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich. Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
Die Bachelor-Studiengänge haben nur ein Ziel: Die Wirtschaft schnell mit Fachkräften zu versorgen. Toller Lebenslauf, sollen wir jetzt alle klatschen und uns geehrt fühlen, mit einem Vertreter der geistigen Elite ein Thread teilen zu dürfen? Kopfschüttelnd, Kristian Viesmann
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