AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 26/2009

Medizin Der Ludwig lacht

Weil Ärzte eine Spätabtreibung ablehnten, lebt eine Familie in München mit einem Kind, das sie so nicht haben wollte. Heute ist Ludwig zwei Jahre alt und geistig und körperlich schwer behindert.

Von Beate Lakotta


Fragt man Eltern, welches ihrer beiden Kinder sie mehr lieben, so erhält man gewöhnlich die Antwort: beide gleich. Auch bei Claudia und Reinhard Senge ist das so, aber nicht von Anfang an. Für sie war es ein weiter Weg bis dorthin.

Auch heute noch, zwei Jahre nach der Geburt ihres jüngsten Sohnes, sind sie der Meinung, sie hätten das Recht haben müssen, sich gegen dieses Kind zu entscheiden, als sie von seiner Behinderung erfuhren.

"Der Punkt war, dass wir uns von unserem Kind getrennt hätten, aber nicht gedurft haben", sagt Reinhard Senge. "Wir haben das Kind kriegen müssen, das wir nicht gewollt haben. Das ist nicht gegen den Kleinen gerichtet. Wenn er heut so lacht, denk ich: a goldiger Kerl. Aber für uns ist die Welt z'amm'broch'n: Familie, zwei Kinder, Garten, die Zukunft, das ganze Leben, wie ein Kartenhaus."

In der 34. Schwangerschaftswoche war Claudia Senge wegen Rückenschmerzen zur Frauenärztin gegangen: schon die Wehen? Alle Vorsorgeuntersuchungen waren gut verlaufen; doch nun sieht die Ärztin im Ultraschall etwas anderes, es stimmt etwas nicht mit dem Gehirn des Jungen. Eilig wird Frau Senge zu einem zweiten Arzt geschickt. Am Ultraschallgerät sehen die Eltern Bilder ihres Ungeborenen über den Bildschirm flimmern, ein Wunschkind. Es stimmt: Zwischen den Hirnhälften des Fötus fehlt der "Balken", eine Nervenstruktur, die rechte und linke Seite verbindet.

"Was heißt denn das genau?", will Herr Senge wissen. Aber der Arzt habe nur hilflos gelacht: Es könne alles bedeuten oder nichts.

Zu Hause geben die Eltern die lateinischen Namen der Diagnosen aus dem Arztbrief im Internet ein: "Ventrikulomegalie, Agenesie des Corpus callosum, Dystrophie". Manche der betroffenen Kinder können kaum kontrollierte Bewegungen machen, leiden unter Krampfanfällen, andere sind blind, geistig behindert sowieso.

Sollen sie dem Kind das antun? Und wird ihre Ehe das aushalten?

Claudia Senge ist eine gewissenhafte Mutter, sie hat in der Schwangerschaft alles richtig gemacht. Ihr erster Sohn ist gesund. Zwei Jahre nach seiner Geburt hatte sie wieder gearbeitet, halbtags, für einen Versicherungsmakler. Jetzt sieht sie sich Tag und Nacht nur noch dieses Kind pflegen. Was soll dann aus Felix werden, ihrem Großen, dessen richtigen Vornamen die Eltern bitten in dieser Geschichte nicht zu nennen.

Reinhard Senge ist 38, er hat einen Innenausstattungsbetrieb: Polster, Böden, Vorhänge. Ein zupackender Typ, immer zuversichtlich. "Aber über eins waren wir uns immer einig: Wenn was im Hirn nicht stimmt, dann soll's nicht sein."

Die Architektur der Universitäts-Frauenklinik in der Münchner Maistraße ist verschnörkelt wie das Leben selbst. Im Innenhof ein Labyrinthgärtchen, in den weißgetünchten Fluren altmodisch handgemalte Hinweisschilder, gusseiserne Wanduhren, ein Hörsaal mit steilen eichenen Sitzrängen. Nur die Technik ist hochmodern.

Franz Kainer leitet die Geburtshilfesabteilung. Seit 25 Jahren stellt er Diagnosen für Ungeborene und holt Babys auf die Welt. Aus ganz Bayern kommen Problemfälle zu ihm. Auch Claudia Senge wird hier noch einmal in den Kernspintomografen geschoben. Als Kainer den Senges die Diagnose erklärt, sitzen eine Psychologin und ein Kinderarzt dabei. Kainer müsste gar nichts mehr sagen, es reicht schon, wie sie alle schauen. Theoretisch könne sich das Kind fast normal entwickeln. Wahrscheinlich sei jedoch eine schwere Behinderung, körperlich und geistig, einhergehend mit Krampfanfällen oder Verhaltensstörungen, im schlimmsten Fall müsse es künstlich beatmet oder ernährt werden. Ein Down-Syndrom - darunter können sich Senges etwas vorstellen - wäre im Vergleich dazu eine harmlose Erkrankung.

Gesetzliche Regelungen für Spätabtreibungen
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Gesetzliche Regelungen für Spätabtreibungen

Herr Senge sieht es so: "Das Kind ist eine Zeitbombe. Kein Mensch kann uns sagen, wie wir damit leben sollen."

Sie sagen sofort, dass sie es nicht wollen. Was, wenn es wirklich beatmet werden muss, nicht isst, nicht reagiert? Sie haben Angst, daran kaputtzugehen. Claudia Senge will das Kind keinen Tag länger in sich tragen. Die Ärzte sollen eine Abtreibung vornehmen, so, wie es nach dem Gesetz möglich ist.

Dort steht, dass eine Schwangerschaft noch bis kurz vor dem Geburtstermin beendet werden kann, wenn "nach ärztlicher Erkenntnis" die Gefahr besteht, dass die Frau durch die Geburt oder das Leben mit dem behinderten Kind seelisch oder körperlich zerbrechen könnte, jetzt oder in Zukunft. Aber welcher Arzt soll das vorhersagen können? Anhand welcher Kriterien? Das steht nicht im Gesetz.

Für die Senges steht die Gefahr außer Frage. Sie glauben, dass auch die Ethikrunde unter Kainers Vorsitz, die über solche schwierigen Lebensentscheidungen immer berät, dies kaum anders sehen könne.

Senges spüren Mitgefühl, aber auch Reserviertheit. Franz Kainer gibt zu bedenken, dass das Kind in der 35. Woche voll entwickelt ist. Schon ab der 22. Woche können Föten außerhalb des Mutterleibs überleben. Dies ist die Grenze, ab der man in der Medizin vom späten Abbruch spricht. Um zu vermeiden, dass das Kind lebendig zur Welt kommt, müsste Kainer dem Kind eine Kanüle ins Herz stechen und Kaliumchlorid hineinspritzen, um es zu töten. Erst danach würde er die Geburt einleiten.

Für ihn, Kainer, ist jeder Fetozid eine kleine Katastrophe, er will das nicht tun. Aber es läge in seinem Ermessen, rein juristisch wäre das kein Problem.

Was den Senges niemand sagt: Es steht längst fest, dass sich die Ethikrunde gegen die Abtreibung entscheiden wird.

Nicht, weil die Mediziner zur Überzeugung gelangt wären, dass die Familie das Leben mit dem Kind schon schaffen werde. Oder weil kein Arzt gegen sein Gewissen gezwungen werden kann, eine Abtreibung durchzuführen. Sondern, weil nach einem ungeschriebenen Gesetz in keinem bayerischen Krankenhaus ein Arzt ein Kind nach der 22. Woche abtötet, wenn seine Behinderung mit dem Leben vereinbar ist - Bundesgesetz hin oder her.

Doch der Parcours aus Untersuchungen und Beratungen, der nun für die Senges beginnt, erweckt den Anschein einer Entscheidungsmöglichkeit.

Wenn Kainer sieht, dass die Not der Frauen sehr groß ist, schickt er sie manchmal weiter, nach Hamburg, Bonn oder Berlin. Aber auch dort lehnen die Kollegen immer öfter die späte Abtreibung ab, seit Politiker aller Parteien öffentlich darüber stritten, was zu tun sei, um möglichst viele dieser Eingriffe zu verhindern.

Senges sind spät dran. Unwahrscheinlich, dass anderswo jemand den Eingriff noch macht. Das Beste wäre, die Psychologin könnte sie umstimmen.

Ihr Büro liegt unter dem Dach in einem düsteren Kuppelsaal. An einer langen Tafel sitzen sie sich gegenüber. Die Senges verstehen das Beratungsgespräch als eine Art Prüfung, "ob wir uns das gut überlegt haben und nicht aus dem Schreck heraus reagieren". Die beiden lassen keinen Zweifel daran, wie sehr sie das Kind ablehnen.

Die Psychologin, eine Mittfünfzigerin, die ihren Beruf seit 15 Jahren ausübt, hat selten Eltern erlebt, die dies so klar aussprechen. Sie findet keinen Zugang. Senges haben von Anfang an den Eindruck, sie sei gegen sie eingestellt. Frau Senge könnte vor ihr vielleicht noch so tun, als sei sie kurz davor, irgendwo herunterzuspringen, um die Entscheidung zu ihren Gunsten zu wenden. Aber ihr Mann hatte gesagt: "Brauchst nicht lügen, dass du dich umbringst."

Die Senges kämpfen längst auch um ihre Würde.



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