AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2009

SPIEGEL-Streitgespräch "Abgeordnete an die Front"

3. Teil: Die Akzeptanz für den Einsatz in Afghanistan schwindet


SPIEGEL: Wenn wir keine Terroristen mehr jagen, was suchen wir dann noch in Afghanistan?

Todenhöfer: Wir kämpfen in Afghanistan gegen einen nationalen, antiwestlichen Aufstand. Afghanistan ist geostrategisch interessant, weil man von dort Russland, Indien, Pakistan und auch China kontrollieren kann. Auch rohstoffpolitisch ist das Land ein fabelhafter Standort. Schließlich wollen die Amerikaner eine Erdgaspipeline durch Afghanistan bauen.

SPIEGEL: Sie glauben doch nicht wirklich, dass deutsche Soldaten für wirtschaftliche Interessen sterben?

Todenhöfer: Ich glaube, dass unsere Soldaten in Afghanistan aus falsch verstandener Solidarität zu den USA sterben. Und dass unsere Politiker das ganz genau wissen.

Struck: Unsere Soldaten stehen nicht aus wirtschaftlichen Gründen am Hindukusch. Wir wollen verhindern, dass dieses Land ein "failed state" wird, ein gescheiterter Staat, von dem wieder Terrorgefahr für den Westen ausgeht. Deshalb werde ich mich, solange ich noch im Bundestag bin, dafür einsetzen, das Mandat fortzusetzen. Ich bin allerdings ziemlich enttäuscht von Präsident Karzai. Es ist ihm nicht gelungen, die Korruption wirksam zu bekämpfen.

Todenhöfer: Die internationalen Hilfsorganisationen sind doch viel korrupter. Westliche Firmen arbeiten dort mit Renditen von 400, 600 und manchmal 1000 Prozent. Über die afghanische Regierung läuft nur ein Bruchteil der Gelder, der Rest versickert privat. In Kabul hat eine westliche Firma zehn Millionen US-Dollar in Rechnung gestellt - für einen 1,5 Kilometer langen Metallzaun um den Zarnigar-Park. Karzai hat das überprüfen lassen. Das Ergebnis zeigte, dass dieser Zaun allenfalls 70.000 Dollar wert war. Das stärkt nicht gerade das Vertrauen der Afghanen in westliche Entwicklungshilfe.

SPIEGEL: Auch in der deutschen Bevölkerung schwindet mit jedem neuen Gefallenen die Akzeptanz für den Einsatz.

Struck: Das stimmt. Die Soldaten leiden sehr darunter, dass ihr Einsatz von der Bevölkerung nicht anerkannt wird. Afghanistan ist weit entfernt, und die Gefahren, die von dort ausgehen, sind nicht in die Köpfe eingedrungen.

SPIEGEL: Ist es nicht Ihre Aufgabe als Politiker, der Bevölkerung diesen Einsatz zu erklären?

Struck: Dafür ist die Bundeskanzlerin verantwortlich. Frau Merkel muss klarstellen, dass die Soldaten in Afghanistan jeden Tag ihr Leben riskieren, weil wir sie dorthin geschickt haben.

SPIEGEL: Den Deutschen wird der Einsatz bis heute als Friedensmission verkauft, von Krieg will keiner sprechen. Die Bundeswehr gewissermaßen als Technisches Hilfswerk im Tarnanzug.

Struck: Ich habe mich daran nicht beteiligt. Das war falsch. Es ist eine Verharmlosung der tatsächlichen Situation gewesen.

SPIEGEL: Ist es denn nun ein Krieg?

Struck: Im herkömmlichen Sinn ist es kein Krieg, der wird nur zwischen Staaten geführt. In Afghanistan kämpfen die Taliban gegen das afghanische Volk und versuchen, uns ihren Krieg aufzuzwingen.

Todenhöfer: Einer der Hauptgründe für die Fehleinschätzungen des Westens ist die Unkenntnis der muslimischen Welt. Deshalb bin ich für systematischen Schüler- und Studentenaustausch zwischen westlichen und muslimischen Ländern. Außerdem sollte jeder Abgeordnete, der für den Krieg stimmt, vier Wochen mit an die Front. Die sollten einmal in einem Schützenpanzer die Gefahr spüren, die sie unseren Soldaten und den Afghanen zumuten. Die Zahl der Kriege würde dramatisch sinken.

Struck: Kein Abgeordneter stimmt dem Mandat leichtfertig zu. Die Gefahren, denen die deutschen Soldatinnen und Soldaten ausgesetzt sind, sind jedem bewusst. Trotzdem bin ich sehr dafür, dass möglichst viele Parlamentarier nach Afghanistan fahren. Ich fordere meine Fraktion immer dazu auf. Viele nutzen das auch.

SPIEGEL: Wann ist das Ziel des Einsatzes erreicht? Wann war der Einsatz erfolgreich?

Todenhöfer: Wenn die afghanischen Sicherheitskräfte so stark sind, dass sie mit den Taliban und den Drogenbaronen selbst fertig werden und die Afghanen ihr Land so aufbauen, so gestalten können, wie sie es selbst wollen.

Struck: Ich glaube, dass wir unsere Erwartungen deutlich herunterschrauben müssen. Ich sehe aber keinen Grund, jetzt aufzugeben und zu sagen: Es tut mir leid, die über 30 deutschen Soldaten sind leider umsonst gestorben, wir gehen raus.

SPIEGEL: Wann werden die Deutschen denn abziehen?

Struck: Ich befürchte, das kann noch zehn Jahre dauern.

Todenhöfer: Wenn es so lange dauert, bleibt es nicht bei 35 toten deutschen Soldaten, dann werden es Hunderte sein. Und wir werden unseren Kredit in der muslimischen Welt total verspielen. Unsere Politiker müssen den Deutschen vor der Bundestagswahl eine ehrliche Exitstrategie vorlegen. Damit wir in spätestens zwei, drei Jahren aus diesem Schlamassel herauskommen.

SPIEGEL: Herr Struck, Herr Todenhöfer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führten die Redakteure Ulrike Demmer und Konstantin von Hammerstein

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Seite 1
Rübezahl 01.07.2009
1. Verhandeln
Weshalb Verhandeln ? Wer am Siegen ist, braucht mit niemanden mehr zu Verhandeln ! Verhandeln muss die Bundeswehr , und zwar um einen geordneten Rückzug.
delponte, 01.07.2009
2. Wettlauf der Appeaseer
Todenhöfer mit seinem aufgeblähten Ego gibt den Weltislam- und Terrorversteher und reitet auf der deutschen Appeasement- und Selbstbezichtigungswelle und der Bereitschaft als Kulturnation zu verschwinden. Jetzt will er noch einen Austausch, den haben wir aber bereits seit 30 Jahren. 2050 ist Deutschland demograpisch ein moslemisches Land, dann ist der Austausch vollzogen. Nur liegt das jenseits von Todenhöfers eigener Lebenserwartung, also braucht er sich darüber keine Gedanken zu machen. Den Islam, den er uns gerne präsentieren möchte, dürfen wir jeden Tag auf unseren Straßen genießen, und seine Mittodenhöfers in Politik und Medien versprechen uns täglich, daß es eine Bereicherung sei.
Wolfghar 01.07.2009
3. "Abgeordnete an die Front"
"Abgeordnete an die Front" Leider zu schön um wahr zu sein
bosemil 01.07.2009
4. Afghanistan Befreiung?
Zitat von sysopSPD-Fraktionschef Peter Struck, 66, und der CDU-Kriegskritiker Jürgen Todenhöfer, 68, über die deutschen Verluste in Afghanistan, die zivilen Opfer der amerikanischen Bombenangriffe und Verhandlungen mit den Taliban http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,633213,00.html
Es ist doch ganz offensichtlich das die Politik der Terrorismus-Bekämpfung in Afghanistan gescheitert ist.Mit unseren westlichen Vorstellungen kann man die Taliban nicht bekämpfen. Die Wild-West Methoden der Amerikaner spielen ja geradezu in die Hände der Taliban. Hier gilt der alte Satz:"Wenn du deine Feinde nicht besiegen kannst,mußt du dich mit ihnen Verbünden". Es hätte schon längst zumindest der Versuch gemacht werden müssen Einfluss auf die Taliban-Schulen zu nehmen. Das dies langfristig harte Arbeit bedeutet muß jedem klar sein der hier Politik betreiben will. Die vom Weten eingesetzte und gestützte Marionetten-Regierung hat keinen Halt in der Bevölkerung. Die Bundesregierung wäre gut beraten wenn sie sich von der amerikanischen Politik distanziert so lange sie nicht einsieht das man nicht gleichzeitig gegen die Taliban und die Befölkerung Krieg führen kann. Die Bevölkerung wird immer eher geneigt sein die Taliban zu unterstützen als einen Fremden der sich in ihrem Land breit macht und glaubt ihnen beibringen zu müssen wie sie ihr Land zu verwalten haben.
Diddl, 01.07.2009
5. Teilweise etwas wirr
Manche Punkte sind ja wirklich nbedenkenswert, aber Todenhöfer erzählt auch unwidersprochen ziemlichen Unsinn. Die Luftangriffe mit Terroranschlägen zu vergleich ist Unsinn, weil letztere auf möglichst viele zivile Opfer abzielen, während sie bei ersteren ein unerwünschtes Nebenergebnis sind. Das macht diese Luftangriffe nicht automatisch moralisch richtig, aber doch besser als die Terrorangriffe. Und wenn man schon unbedingt Opferzahlen vergleichen will dann so: Opfer in der Zivilbevölkerung durch Taliban > Opfer in der Zivilbevölkerung durch die Nato > tote Soldaten.
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