AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2009

Politiker Der schwerste Schritt

Abschied aus der Politik: Kaum einer gelingt, fast alle Lebensläufe von Politikern enden tragisch, bitter, quälend. Warum muss das so sein? Unterwegs auf den letzten Metern mit Parlamentariern, für die in diesem Sommer Schluss ist.

Von Christoph Schwennicke


Ich genieße es jeden Tag, die Dinge ein letztes Mal zu tun", sagt Ludwig Stiegler, als er morgens aus seiner Haustür in Weiden tritt und die Morgenluft einsaugt. So war das immer wieder in den letzten Tagen. Ein Mann auf dem Weg ins Glück. Einer, der sich darauf freut, nach 30 Jahren der Diktatur seines Terminkalenders zu entrinnen, wie er es nennt. Er werde nun "nach dem Reich der Notwendigkeit das Reich der Freiheit betreten". Stiegler ist dabei, sich selbst abzuwickeln. "Vollzug des Beschlossenen" nennt er das nüchtern, wahlweise auch "mein Phasing-out".

Er müsse sich seit einiger Zeit immer mehr überwinden, die Reise in den Tag anzutreten. Wenn er in der Veranstaltung sei, dann gehe es wieder, dann pumpe er sich auf. Aber er wirkt nicht unglücklich an diesem Morgen, weil er ahnt: Es gibt ein Leben danach, da ist noch was hinter dem Horizont, mindestens liegt da noch ein Stapel lesenswerter Bücher, der zu groß ist, als dass er sie alle in den statistisch verbleibenden zehn Lebensjahren lesen könnte.

Er ist Mitglied des Bundestags und noch für kurze Zeit Vorsitzender der bayerischen SPD, war Fraktionsvorsitzender in Berlin; aber es gibt mehr für ihn als den knallroten Dienst-Audi mit Herrn Pöhlmann und mehr als den Tagesbefehl, der auf der Rückbank bereitliegt, perfekt bis auf die Minute von Frau Regler aus seinem Wahlkreisbüro ausgetüftelt.

Herr Pöhlmann fährt, Frau Regler organisiert, und Ludwig Stiegler funktioniert. Seit 30 Jahren geht das so. Die Sinnfrage stellte sich nicht mehr.

Am Abend dieses Tages ist Stiegler in einem Nebenzimmer der Gaststätte Knopf in Pechbrunn, wo der Ortsverein der SPD seine Jahreshauptversammlung abhält. Top eins bis sechs sind verhandelt, der Ausflug in die Rotkäppchen-Sektkellerei in Freyburg wurde als "voller Erfolg" gewürdigt, der Kassierer entlastet, der Vorstand bestätigt.

An die 3.000 Mal hat Ludwig Stiegler Abende wie diesen erlebt. Er hält seine Rede, anderthalb Stunden, ohne Manuskript. Der Ortsvereinsvorsitzende steht auf, lässt sich einen Korb herüberreichen, aus dem ein paar selbstgestrickte rote Socken herausleuchten. Stiegler sitzt da wie ein Schuljunge, durchgedrücktes Kreuz, Hände auf dem Tisch, schaut aus glasigen Augen, und sein rechter Mundwinkel zuckt in kurzer Folge. Es folgt der Abschied von Pechbrunn.

"Mei, mit allem, wo ich gerechnet hab ...", stammelt Stiegler jetzt, sonst nie um ein Wort verlegen, und schaut auf die Strickware in seinen Händen, als hätte er noch nie ein Paar Wollsocken gesehen. Er ist den Tränen nahe.

"Seid gewiss, ich bin bei Euch alle Tage, bis ans Ende der Welt", steht auf einem Holzschild hinter ihm an der Wand, und jetzt fehlt nur noch, dass sich dieser Stiegler mit roten Socken an den Füßen in die Lüfte erhebt und durch die Gewölbedecke ins Reich der Freiheit entschwebt.

Hinterher im Auto, durch die dunkle Nacht zurück nach Weiden.

"Herr Stiegler, Sie haben gelogen."

"Was hab ich?"

"Von wegen Reich der Freiheit. Es macht Ihnen was aus aufzuhören."

Pause.

"Hat man das g'merkt?"

"Ja."

Pause.

"Stimmt."

Es wird Abschied genommen in diesen Tagen in Pechbrunn, in Kleinkummerfeld, in Heidelberg. Der Bundestag in Berlin geht an diesem Montag in seine letzte reguläre Sitzungswoche vor der Sommerpause. Das Europaparlament ist schon aufgelöst und neu gewählt.

Es gehen zwei Generationen, es geht die Generation Schröder, und es gehen, mit elf Jahren Verspätung, die letzten Verbliebenen der Generation Kohl. Unterwegs auf den letzten Metern mit Ludwig Stiegler, SPD, Angelika Beer, Bündnis 90/Die Grünen, und Bernd Schmidbauer, CDU, Kohls Mann im Kanzleramt.

Der Abschied ist der schwerste Schritt im Leben eines Politikers. Es ist schwer, sich bis nach Berlin durchzukämpfen, es ist eine Kunst, sich zu halten. Aber nichts ist so schwer wie die Kunst, wieder davon zu lassen. "Wer die Kunst des Abschieds kann, kann alles." Hugo von Hofmannsthal.



insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
Bauwicht, 03.07.2009
1. der schwerste Schritt ?
mir kommen die Tränen....... Bei den Pensionen wüsste ich, was ich machen würde und...... im Vergleich zum Arbeiter/Angestellten, der durch den Verlust seines Arbeitsplatzes, dem Verlust seiner Ersparnisse (was er nicht herbeigeführt hat, sondern genau diese Politiker) evtl. Verlust seines Hauses, seiner Wohnung ist der Schritt ganz schön erträglich ! Also...............was soll dieses Sommer-Loch-Thema !?
deccpqcc 03.07.2009
2. spannung
ich bin gespannt auf artikel über ruhestandssituationen nicht-privilegierter leute. die keine kriege angezettelt haben und keine plutonium-affären nicht zu verantworten haben. die ihr ganzes leben wirkliche arbeit verrichtet haben. aber die nicht das privileg geniessen können sich mit 52 elegischen weltschmerz-betrachtungen hinzugeben.
quadraginti, 03.07.2009
3. Jammern auf hohem Niveau
*Die ha'ms ja auch so schwör, die armen Polütiker.* _Beweis:_ Als seinerzeit Barzel damit aufflog, dass er "nur" seine Abgeordnetenbezüge hatte und er deshalb in einer Anwaltskanzlei in Ffm "arbeitete" hieß es: *Er solle nicht zum Sozialfall werden.* Also: Aus ihrer eigenen Sicht liegen die Oberabzocker (=Abgeordnete+Minister) auf Sozialfall-Niveau.
mexi42 03.07.2009
4. Für alle Mandatsträger ...
gilt: Er hinterließ eine Lücke, die ihn voll und ganz ersetzte. Mit Ruhestandsbezügen komfortabel ausgestattet, ist Gequengel unangebracht und undankbar gegenüber dem Bürger, der schlechter gestellt ist und ihn finanziert.
frubi 03.07.2009
5. .
Mist. So viel Zeit für Familie und Hobby`s. Gut das ich bei 30° arbeiten darf und die nicht.
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