AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 27/2009

Radrennen: Projekt Mr. Nice Guy

Von

4. Teil: Greg Lemond

GREG LEMOND STEHT MITTEN in der Kathedrale von Coventry an einem Pult, hinter dem Altar hängt ein Wandteppich mit einem Bildnis von Jesus in Arbeitskluft. Die Wände sind betongrau, unter dem Gewölbe hallt es aus den Lautsprechern, jede Ansprache klingt wie eine Predigt.

Lemond, Armstrong (bei der Tour 1999): "Er versucht, alles zu zerstören, was ich habe"
AP

Lemond, Armstrong (bei der Tour 1999): "Er versucht, alles zu zerstören, was ich habe"

Alles dreht sich um Doping, Betrug und Korruption und den Ausweg daraus, falls es einen gibt. Wissenschaftler, Athleten, Journalisten, sogar ein paar hochrangige Funktionäre diskutieren tagelang, die Holzstuhlreihen sind halb besetzt, es wirkt, als habe sich eine kleine Gemeinde gegen das Böse da draußen versammelt.

Dreimal hat LeMond die Tour de France gewonnen, zuletzt 1990, bevor die Ära des Epo-Dopings so richtig losging. Heute ist er neben Lance Armstrong der einzige Toursieger aus Amerika.

Er spricht eine halbe Stunde, frei, ohne Manuskript, es geht ein bisschen durcheinander, vielleicht weil er nichts vergessen will in seiner Abrechnung. Er redet vom Doping, "das den Radsport und andere Sportarten killt", von Medizinern wie Ferrari und skrupellosen Teammanagern. Immer wieder kommt er auf Armstrong. "Als er sein Comeback bekanntgab, wusste ich: Das war's", sagt LeMond. Er lacht kehlig.

Anderntags sitzt LeMond im Restaurant seines Hotels auf der Polsterbank, ein füllig gewordener, leicht erschöpft wirkender Mann mit grauen Haaren und neugierigem Blick. Seine ersten Sätze klingen wie das Resümee seiner Rede. "Ich bin fertig mit dem Radsport, die Tour interessiert mich nicht mehr. Radfahren ist ein wunderbarer Sport, aber ich habe die dunkle Seite gesehen, und sie ist einfach zu dunkel." Armstrong? "Ich küsse ihm nicht den Arsch."

Das ist die Kurzversion. LeMond möchte Armstrong vor ein US-Bundesbezirksgericht ziehen, er soll schwören, die Wahrheit zu sagen, damit man ihn darauf festnageln kann, was er zu Protokoll gibt. Das wäre etwas, was niemand geschafft hat.

Es geht dabei um einen Lizenzvertrag, den LeMond mit dem Radhersteller Trek abgeschlossen hatte und den die Firma vor Ablauf gekündigt hat. Trek fabrizierte Rennräder der Marke "Greg LeMond", rüstet aber auch unter eigenem Namen Armstrong und dessen Team aus. Es ist eine langjährige, sehr enge Verbindung. Armstrong ist Treks wichtigste Werbefigur.

LeMond glaubt, dass Trek bei ihm aussteigt, weil Armstrong sich rächen will. Deshalb hat er Trek verklagt. Treffen möchte er damit Armstrong, den mutmaßlichen Saboteur. "Er versucht, alles zu zerstören, was ich habe", sagt LeMond. Genug Beweise habe er.

Begonnen hatte die Fehde damit, dass LeMond 2001 die Zusammenarbeit von Armstrong mit Ferrari kritisierte und bezweifelte, dass beim Wandel vom Krebspatienten zum Toursieger alles mit rechten Dingen zugegangen ist. "Wenn ja, dann ist es das größte Comeback der Sportgeschichte", wurde LeMond später zitiert. "Wenn nicht, dann ist es der größte Betrug."

Was danach geschehen sein soll, das bestreiten Armstrong und Trek-Chef John Burke. LeMond behauptet, er habe mehrere Anrufe bekommen, Burke soll ihn aufgefordert haben, seine Worte zurückzunehmen, sonst werde man sich wegen geschäftsschädigenden Verhaltens von ihm trennen. Armstrong habe sogar gedroht, mindestens zehn Leute aufzutreiben, die bezeugen, dass LeMond in seiner Karriere Epo benutzt habe. "Come on, jeder nahm Epo", auch das soll Armstrong gesagt haben. LeMond sagt, er habe nie gedopt.

Kommendes Frühjahr beginnt in Minnesota der Prozess, zwei Champions treten an, und LeMond ist in seiner Sturheit Armstrong ebenbürtig. Auch er hat einen Schicksalsschlag verkraftet. 1987, nach LeMonds erstem Toursieg, schoss sein Schwager auf einer Truthahnjagd versehentlich mit Schrot auf ihn. Viele Kugeln schnitten die Chirurgen aus den Eingeweiden heraus, an manche trauten sie sich nicht heran. Mit dem Rest im Leib gelang ihm das Comeback, 1989 gewann er die Tour erneut.

Wie viele Kugeln stecken noch im Körper? "38", sagt LeMond. "Drei davon im Herzen, fünf in der Leber. In den nächsten ein, zwei Jahren müssen sie raus. Soweit möglich. Sie vergiften mich schleichend mit Blei. Wenn es so weitergeht, bleiben mir vielleicht noch fünf Jahre."

Den Fall zu gewinnen, das ist LeMonds großes Ziel, es könnte das letzte seines Lebens sein, womöglich fällt das Urteil zu spät, um es noch zu erleben.

DIESEN SAMSTAG STARTET die Tour de France in Monaco, es wird drei Wochen lang um Sieg und Niederlage gehen und vermutlich auch wieder um Doping. Sicher ist, dass Armstrong die meiste Aufmerksamkeit abbekommt, ob er gewinnt oder nicht. Politiker werden seine Nähe suchen, die Livestrong-Kampagne wird Teil der Werbekarawane sein und gelbe Armbänder verteilen. Armstrong wird täglich mit seinem Handy twittern, wie er die Welt sieht. Die Tour ist die nächste Etappe auf der Lance-Armstrong-Roadshow.

Es scheint, als habe er so ziemlich alles im Griff. Beim Giro ist er locker Zwölfter geworden, danach hat er in Kalifornien sein erstes Saisonrennen gewonnen, der Schlüsselbeinbruch vom März ist kein Problem mehr, er ist trotz seiner fast 38 Jahre offenbar in Form für einen Toursieg. Er wird häufig auf Doping getestet, das Astana-Team steht unter Aufsicht des dänischen Anti-Doping-Experten Rasmus Damsgaard, der einen tadellosen Ruf besitzt. Armstrongs Stiftung läuft blendend, über 300 Millionen Dollar an Spenden hat sie bislang eingenommen und die Erkenntnis verbreitet, dass Krebs nicht das Ende von allem zu sein braucht. Vor allem ist sie straff organisiert.

Mehrmals täglich ruft Armstrong bei Doug Ulman an, dem jungen Geschäftsführer, ein Krebsüberlebender wie er. "Was weißt du?", so begrüßt ihn Armstrong meistens. Die Gespräche sind auf Effizienz angelegt. Armstrong will auf dem Laufenden bleiben. Armstrong will immer die Kontrolle behalten, über alles, was mit ihm und seinem Namen zu tun hat.

Demnächst wird der Film über sein Leben gedreht, ein Hollywood-Spielfilm. Der Drehbuchautor heißt Gary Ross, er schrieb schon das Skript zum Blockbuster "Seabiscuit", die Geschichte der märchenhaften Laufbahn eines Rennpferds, einer Sportlegende aus dem Amerika der Dreißiger.

Dem kleinwüchsigen Galopper Seabiscuit traute anfangs niemand etwas zu, doch dann schaffte er es zu gewinnen, weil ein paar Menschen seine Fähigkeiten erkannten. Wie bei Armstrong ist es im Kern eine Geschichte über Widerstände und den Willen eines Außenseiters, sie zu überwinden. Und wie bei Seabiscuit liefert ein Bestseller die Story für die Handlung: die erste Biografie des Rennfahrers, erschienen nach der Krebsheilung und dem ersten Toursieg 1999. "It's Not About The Bike" heißt sie, es geht nicht um das Rad.

Es geht um viel mehr.

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Forum - Was bringt die Tour de France 2009?
insgesamt 492 Beiträge
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1.
Brieli 02.07.2009
Zitat von sysopJubelnde Massen an der Strecke, packende Duelle in den Bergen und Millimeter-Entscheidungen im Sprintfinale - so könnte die Tour '09 aussehen. Oder versinkt die Frankreich-Rundfahrt einmal mehr im Doping-Chaos? Wie ist das Comeback von Lance Armstrong zu bewerten?
Wie üblich. Beides. Ist doch egal, ob ein Doper mehr oder weniger mitfährt.
2.
Parisienne 02.07.2009
Zitat von sysopJubelnde Massen an der Strecke, packende Duelle in den Bergen und Millimeter-Entscheidungen im Sprintfinale - so könnte die Tour '09 aussehen. Oder versinkt die Frankreich-Rundfahrt einmal mehr im Doping-Chaos? Wie ist das Comeback von Lance Armstrong zu bewerten?
Ach ja, es ist wieder so weit, die Tour de Farce! Allein die Schlamperei der WADA mit dem Sinkewitz-Protokoll zeigt doch, in welch katastrophalem Zustand sich der Radsport noch immer befindet. Dann wurde auch gleich noch Thomas Dekker positiv auf EPO getestet, wunderbar. Wer noch immer daran glaubt, der Radsport könnte in absehbarer Zeit wieder sauber sein, tut mir einfach nur leid. Und Lance Armstrong? Was hat eigentlich Jan Ulrich die nächsten Wochen so vor?
3. Lance setzt ein gutes Signal an
DickBush 02.07.2009
Auch andere Sportarten sind von der Drogenplagge nicht frei gewesen, im Radsport hat man aber ganz hart und konsequent gehandelt. Die Tour war und ist eine in jedem Bezug tolle Veranstaltung, es ist ein Glücksfall daß sich der große Lance wieder zum Wort gemeldet hat!
4. Als Kind die Friedensfahrt, später die Tour der Leiden ...
a.narchist 02.07.2009
heute totale Radsport-Abstinenz. Allerdings gucke ich mir auch keine Leichtathletik-Wettbewerbe mehr an und keine ... Der ganze versiffte Kommerz-Sport kann mir gestohlen bleiben. Kälbermast-Mittel für Menschen und für Menschen gedachte Arzeneien den Pferden verabreicht. Olympiasieger - zwei Jahre Sperre - Weltmeister und wieder gedopt, die Karriere von Kugelstoßern. Hammerwerferinnen, die echt "der Hammer" sind und nun der König des Doping wieder auf dem Rad. Wer da noch mitfiebert, sollte einen Arzt aufsuchen oder die eigenen Medikamente absetzen.
5.
Shiraz 02.07.2009
Zitat von sysopJubelnde Massen an der Strecke, packende Duelle in den Bergen und Millimeter-Entscheidungen im Sprintfinale - so könnte die Tour '09 aussehen. Oder versinkt die Frankreich-Rundfahrt einmal mehr im Doping-Chaos? Wie ist das Comeback von Lance Armstrong zu bewerten?
Hihi, alle Jahre wieder:-) Verseucht, verlogen, versaut. Schau ich mir nicht mehr an.
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