AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2009

Computer: Windows aus der Asche

Von Manfred Dworschak

2. Teil: Windows 7 - magischer Gehorsam

Um ihn zu ergründen, warf Microsoft ein gewaltiges Forschungsprogramm an. Der Kunde wurde befragt, vermessen und observiert wie nie zuvor. "Wir haben uns genau angeschaut, wie Abermillionen Menschen unsere Software wirklich nutzen", sagt Bereichsleiter Darren Huston.

Fast elf Millionen Anwender von Vista gestatteten dafür die anonyme Aufzeichnung ihrer Aktionen. So gelangten die Forscher an Nutzungsdaten aus allen Weltgegenden. Sie sahen, wie Kunden ihre Computer bedienten, wo sie auf Umwege gerieten, stockten oder ganz abbrachen.

Zu genaueren Studien traten Tausende Testpersonen in Labors an. Unter Aufsicht mussten sie Dateien öffnen, umbenennen, verschieben. Jedes Hemmnis wurde notiert, und die Probanden gaben Auskunft über ihre Wünsche.

Die Firma stellte überdies Experten ein, die von Technik möglichst wenig verstanden: Psychologen, Kognitionsforscher, Geisteswissenschaftler aller Art schwärmten aus, die tieferen Bedienungsfragen zu studieren. Sogar die Farbwahrnehmung im Wechsel der Kulturen wurde untersucht.

Am Ende hatte das Team von Windows 7 rund 600 neue Funktionen und Gestaltungsideen zusammengetragen. Und wieder musste der Kunde heran. Die Forscher vermaßen bei Versuchspersonen aus fünf Kulturkreisen, welche Neuerungen deren Zufriedenheit am meisten steigerten. War der Wert zu gering, wurden sie verworfen.

Mit geradezu erbitterter Gründlichkeit holte Microsoft so das Versäumte nach. Überraschendes kam dabei zutage, zum Beispiel das Ärgernis mit den Bildschirmfenstern, das noch kaum jemandem bewusst geworden war. Ständig hat der Mensch mit Fenstern zu schaffen: Er muss sie ausblenden, einblenden, umstellen, nebeneinander schieben. Geht doch alles, sagt der Ingenieur, die nötigen Schaltflächen finden sich in der Fensterleiste oder sonstwo. Die Kundenforschung aber ergab: Die Schalter sind winzig. Sie zu treffen ist eine Zielübung, die jedes Mal den Arbeitsgang unterbricht.

Bei Windows 7 genügt es jetzt, die Fenster mit der Maus ziemlich achtlos nach oben, nach links oder rechts zu schubsen, und sie ordnen sich wie von selbst. Und wenn sich mal wieder zu viele Fenster auf der Bildfläche stapeln, dann schüttelt man eines, und alle anderen verschwinden - ein Zeichen magischen Gehorsams, das die Tester lieben.

Am Ende war klar, wie ein gutes Betriebssystem aussehen sollte. Blieb die Frage, wie man es bauen kann, so dass es auch fertig wird.

Die Firma entsann sich dazu eines radikalen Kults, der um die Jahrtausendwende in Programmiererzirkeln aufgekommen war. Diese Neuerer folgten einem Regelwerk von klösterlicher Schlichtheit: Täglich unterwarfen sie ihre Programme rituellen Testverfahren, um sie von versteckten Fehlern zu reinigen. Sie lehnten alle Aufgaben ab, deren Beschreibung nicht auf eine Karteikarte passt. Und vor allem: Sie setzten sich nur paarweise vor den Computer.

Die Extremprogrammierer, wie sie sich nannten, zeigten die typische Strenge von Häretikern. Ihre Disziplin war die Antwort auf die bürokratische Verzettelung, die in der Software-Industrie damals um sich griff. Immer monströsere Programme wurden in Auftrag gegeben, mit Anforderungen oft hoffnungslos überfrachtet.

Flughäfen wünschten sich vollautomatische Gepäcksortiersysteme, Innenminister träumten vom perfekten Deliktregister für die Polizei - es war die Zeit, da ein Großvorhaben nach dem anderen ein grässliches Ende fand. Die Planer hatten die Macht der Fehler unterschätzt. Wo Millionen von Programmzeilen zusammenspielen müssen, schleichen sich unweigerlich zahllose Unstimmigkeiten ein. Werden sie zu spät entdeckt, ist außer Flickschusterei meist wenig auszurichten.

Viele Projekte gerieten in Rückstand. Die Leiter schickten zusätzliche Programmierer ins Getümmel. Das machte alles noch schlimmer, denn mit steigender Kopfzahl wuchs auch der Abstimmungsbedarf. Es folgten Nachtarbeit, Totalzermürbung, schließlich der Abbruch des Projekts.

Spätestens seit der schier endlosen Geschichte von Windows Vista sind solche Schrecken auch den Entwicklern von Microsoft nicht ganz fremd. Windows 7 dagegen ist nun nach kaum zwei Jahren fast fertig. Und der Start wurde schon zweimal vorverlegt, zuletzt auf den 22. Oktober.

Der neue Leiter Steven Sinofsky wollte einen flotten Antritt. Er verteilte seine Programmierer auf überschaubare Teams, die sich eigenständig um je eine Funktion kümmerten - etwa ein laienfreundliches Netz zum Austausch von Bildern und Musik. "In der alten Welt hätten wir uns erst mal die Netzprotokollstapel vorgenommen, die Klempnerebene", sagt Mike Nash, ein leitender Manager. "Heute sehen wir das aus der Warte der Leute, die mit der Software was erledigen wollen."

In manchen Dingen, die Sinofsky einführte, sind die Maximen der Extremprogrammierer zu erkennen: Beginne mit dem Machbaren, dann füge Stück für Stück hinzu. Und immer gleich gründlich testen!

Die kleinste Einheit vieler Entwicklergruppen bei Microsoft ist nun das Paar: je ein Programmierer und sein wachsamer Gegenpart. Die beiden hängen zusammen wie eine Zweierseilschaft, die durch eine Steilwand steigt: einer voraus, der andere sichert am Seil. Nur scheinbar ist das eine Vergeudung hochbezahlter Arbeitszeit. "Das Vieraugenprinzip hat die Fehlerzahl drastisch gesenkt", sagt Microsoft-Manager Fischer.

Zudem gehören jeder Gruppe eigene Tester an, die tagein, tagaus im laufenden Betrieb nach Fehlern und Ungereimtheiten suchen. Von Anfang an sollen sie unterbinden, dass irgendein Programmteil außer Kontrolle gerät.

Die gemeinsame Stunde der Wahrheit schlägt in Redmond täglich um 16 Uhr. Dann wird das gesamte Tagwerk der Programmierer, das "daily build", auf rund 5.000 Testrechner aufgespielt. Ein jeder hat seine Eigenarten: veraltete Festplatten, obskure Grafikprozessoren, schlecht programmierte Drittsoftware oder neueste Exotenprogramme. Hinzu kommt ein Simulator, der dem Betriebssystem etliche hundert Mäuse, Tastaturen und Scanner vorgaukelt.

In jeder dieser elektronischen Lebenswelten muss sich das neue Windows bewähren. Nacht für Nacht durchläuft die Software hier ihre automatischen Testprozeduren. Die erste Vorabversion, die Microsoft zum öffentlichen Herunterladen freigab, trug die Nummer 7.100.

Jetzt ist das Publikum an der Reihe. Seit Monaten versuchen Hunderttausende Freiwillige, die verbliebenen Schwachstellen von Windows 7 aufzuspüren.

Zu den eifrigsten Testern zählt Achim Berg, Chef von Microsoft Deutschland. Die Sorge ums Detail ist ihm, wie er versichert, eine Herzenssache. "Über 20 Vorschläge habe ich gemacht", sagt Berg, "und fast alle wurden eingebaut."

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Forum - Google vs. Microsoft - wer gewinnt die nächste Runde?
insgesamt 245 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Acalot 08.07.2009
Zitat von sysopWürden Sie Ihren Rechner einem Google-Betriebssystem anvertrauen? Oder sind kostenpflichtige Produkte von Microsoft vertrauenswürdiger? Welches Betriebssysstem wird sich durchsetzen?
Weder noch, ich traue prinzipiell nur Linux. Ist diese Diskussion nicht etwas verfrüht bevor man auch nur etwas vom Google OS gesehen hat? Wie will man da vergleichen?
2. weniger Vertrauen
Fortune2be 08.07.2009
Ich persönlich denke, dass es schwierig wird, MS den Markt wirklich streitig zu machen. Selbst Apple musste sich letztlich dem Office Paket beugen. Allerdings habe ich bei Google auch mehr persönliche Bedenken. Außer Google Earth kommt bei mir keine Software von Google auf den Rechner. Ich habe das (wahrscheinlich unbegründete) Gefühl, dass sonst alle Informationen in irgendwelche Suchalgortihmen fließen, bzw. regelrechte Profile erstellt werden könnten. Mag sein, dass ich in diesem Fall etwas paranoid bin, allerdings ist mir MS in diesem Zusammenhang allemal lieber.
3.
petenicker 08.07.2009
Zitat von sysopWürden Sie Ihren Rechner einem Google-Betriebssystem anvertrauen? Oder sind kostenpflichtige Produkte von Microsoft vertrauenswürdiger? Welches Betriebssysstem wird sich durchsetzen?
Ok, wenn das die beiden einzigen Möglichkeiten sind, die zur Auswahl stehen: Microsoft. 1. Ist der Mensch ein Gewohnheitstier und 2. wird bei Microsoft nur gemunkelt, dass gerne nach Hause telefoniert wird. Bei Google kann man sich dessen sicher sein.
4. Nein danke...
multiplexer 08.07.2009
Ubuntu genügt mir...
5.
Faust007 08.07.2009
Zitat von AcalotWeder noch, ich traue prinzipiell nur Linux. Ist diese Diskussion nicht etwas verfrüht bevor man auch nur etwas vom Google OS gesehen hat? Wie will man da vergleichen?
Google OS basiert auf ein Linux Betriebssystem.
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