AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 28/2009

Computer: Windows aus der Asche

Von Manfred Dworschak

Seit der Vorstellung des hochgelobten Betriebssystems Windows 7 gelingt dem Software-Riesen Microsoft ein Erfolg nach dem anderen: Die Suchmaschine Bing fordert Google heraus, und nebenher fällt auch noch eine pfiffige Steuerung für Spielekonsolen ab - was ist da geschehen?

Vor drei Jahren etwa fasste die Firma Microsoft einen merkwürdigen Beschluss: Sie legte, bei vollen Bezügen, ein paar hundert Programmierer still.

Wer heute den Hauptsitz des Software-Riesen in Redmond nahe Seattle besucht, erlebt wunderliche Szenen. In ganzen Abteilungen sitzen die teuren Programmierer nicht mehr allein, sondern paarweise vor den Monitoren. Aber nur je einer klappert auf der Tastatur herum. Der zweite rührt keinen Finger. Er späht nur dem Kollegen über die Schulter. Das ist sein Job.

Wer kommt denn auf so was?

Das Programmieren im Duett ist Teil eines großen Plans, und es hat, gegen allen Anschein, einen vernünftigen Hintersinn: Der Schattenmann passt auf, dass dem Kollegen keine Fehler unterlaufen.

Microsoft hat gelernt, den Fehler zu fürchten. Die Firma musste mitansehen, wie sich der Start des Betriebssystems Windows Vista um Jahr und Tag verzögerte. Es war viel schwerer als gedacht, alle Fehler auszuräumen. Als Vista endlich auf den Markt kam, wirkte es sperrig, überfrachtet und mitunter quälend langsam.

Der Nachfolger, so viel stand fest, sollte anders geraten: schlank und schnell, leicht und menschenfreundlich. Was die Firma alles unternahm, um dieses Ziel zu erreichen, blieb der Öffentlichkeit so gut wie verborgen. Doch wer nun das Ergebnis sieht, muss glauben: Es war die umfassendste Reform in der Geschichte von Microsoft.

Denn plötzlich kommen der Reihe nach Produkte heraus, die den fast ungeteilten Beifall der Fachwelt finden. Es fing an mit dem neuen Betriebssystem Windows 7, das seit Monaten als kostenlose Vorabversion zum Ausprobieren bereitsteht. "Überraschend gut", urteilt der kalifornische Software-Experte Joe Wilcox, ein langjähriger Beobachter von Microsoft. "Windows 7 ist stabil, schnell und leicht zu bedienen. Es ist sogar elegant."

Vor kurzem folgte, nächster Streich, die Suchmaschine Bing. Anders als der Vorgänger Live Search, der lange erfolglos dahindämmerte, steckt Bing voller gewitzter Ideen. Selbst dem übermächtigen Gegner Google hat der Neuling einiges voraus. "Bing versucht herauszufinden, worauf die Suchenden aus sind", sagt Frederick Savoye, einer der Entwickler.

"Wer 'Verkehr' eingibt, bekommt nicht nur eine Liste von Links, sondern auch eine Straßenkarte mit dem aktuellen Verkehrsaufkommen seiner Region." Und wer eine Firma sucht, findet gleich auch die Telefonnummer ihres Kundendienstes. Das kann langwierige Klickarbeit ersparen.

Uneingeschränkt funktioniert Bing bislang zwar nur in den USA. Dort aber gewinnt die Suchmaschine bereits merklich Marktanteile.

Marktanteile von Suchmaschinen weltweit
Suchmaschine Jun 09 1. Quartal 2009 2008 2005 Q1 2009 - 6/2009* 2005 - Q1 2009
Google - Global 81,22% 81,46% 78,99% 61,87% -0,24% 19,59%
Yahoo - Global 9,21% 10,06% 11,46% 17,08% -0,85% -7,02%
Microsoft (Bing + MSN+Live) 6,02% 4,81% 5,19% 12,48% 1,21% -7,67%
MSN - Global 0,05% 2,95% 3,15% 12,48% -2,90% -9,53%
AOL - Global 1,74% 1,89% 2,22% 3,95% -0,15% -2,06%
Microsoft Live Search 0,66% 1,86% 2,04% - -1,20%
Ask - Global 0,84% 0,97% 1,18% 1,16% -0,13% -0,19%
* Veränderung in Prozentpunkten / Quelle: Net Applications, Stand: 2.7.2009

Nebenbei stellte Microsoft dann auch noch eine pfiffige Ganzkörpersteuerung für Videospiele vor: Die Spieler bewegen sich frei im Raum; der Computer registriert mittels einer Kamera jede Bewegung, jede Geste. So werden Fechtkämpfe mit Computergegnern möglich oder Ballspiele, die echten Körpereinsatz fordern - die Spieler sind quasi leibhaftig Teil des Geschehens. Die famose Steuerung, die vorläufig als " Project Natal" firmiert, soll nächstes Jahr für die Xbox 360 auf den Markt kommen.

"Das ist eine echte Kehrtwende", sagt der Risikokapitalist Brad Silverberg, der in den Neunzigern die Entwicklung von Windows 95 leitete, bevor er sich selbständig machte. Nun gibt ihm seine alte Firma Grund zu staunen: "Zum ersten Mal seit langer Zeit sind die Leute wirklich entzückt von neuen Microsoft-Produkten."

Lästerer würden sogar sagen: zum ersten Mal überhaupt. Der Riese aus Redmond - 90.000 Mitarbeiter, 60 Milliarden Dollar Umsatz, gut 17 Milliarden Gewinn - gilt seit 34 Jahren als das Gegenteil von cool. Die Firma lebt mit dem Vorwurf, sie schlachte nur ihre alten Monopole aus: Das Bürosoftware-Paket "Office" und das Betriebssystem Windows bringen bis heute einen Großteil ihrer Gewinne ein.

Schon schien es, als ginge die Ära von Microsoft allmählich dem Ende zu. Gehörte nicht die Zukunft längst dem Internet und den vielseitigen Handys nach dem Vorbild des iPhone von Apple? Erstmals seit dem Börsengang 1986 sanken im vergangenen Geschäftsquartal die Umsätze.

In dieser Lage gelang es der Firma offenbar, ihren durchaus berüchtigten Kampfgeist zu mobilisieren. "In harten Zeiten, wenn viel auf dem Spiel steht, läuft Microsoft zur Hochform auf", sagt Silverberg.

Die Wende begann vor etwa drei Jahren. Microsoft holte einen Schwung neuer Leute, allen voran den vielbewunderten Programmierer Ray Ozzie, der dem Gründer Bill Gates als Chief Software Architect nachfolgte.

Nie wieder wollte sich die Firma in ein Projekt wie Windows Vista verrennen. Dieses Betriebssystem gilt als komplexeste Software aller Zeiten. Zweitausend Entwickler schufen mehr als 50 Millionen Zeilen Programmcode. Vor allem die wechselseitige Abstimmung in den vielfach verschachtelten Entwicklergruppen verschlang viel Zeit, erzählt Frank Fischer, Technologiemanager bei Microsoft Deutschland: "Mit Vista sind wir in eine Komplexitätsfalle geraten."

Windows aus der Asche - das nächste Mal sollte alles anders werden. Um bei der Entwicklung des Nachfolgers Windows 7 Luft zu schaffen, reduzierte die Firma die Hierarchie-Ebenen auf die Hälfte und die Bereichsleiterposten auf ein Drittel. Dann ging es, sagt Fischer, an die Hauptfrage: "Was wollen eigentlich die Kunden?"

Bislang war es Brauch, dass die Chefdesigner für jede neue Version allerlei Wünschenswertes ausheckten. Dann warf man die Programmiererscharen in die Schlacht der Umsetzung. So blähten sich mit den Jahren die Programme, und selbst sinnvolle Neuerungen gingen nicht selten an der Kundschaft vorbei, weil sie kaum mehr aufzufinden waren.

"Die Entwicklung war ingenieursgetrieben", sagt Microsoft-Sprecher Thomas Mickeleit. Von nun an, so viel stand fest, sollte der Kunde treiben. Nur: Wer war dieser Mensch?

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Forum - Google vs. Microsoft - wer gewinnt die nächste Runde?
insgesamt 245 Beiträge
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    Seite 1    
1.
Acalot 08.07.2009
Zitat von sysopWürden Sie Ihren Rechner einem Google-Betriebssystem anvertrauen? Oder sind kostenpflichtige Produkte von Microsoft vertrauenswürdiger? Welches Betriebssysstem wird sich durchsetzen?
Weder noch, ich traue prinzipiell nur Linux. Ist diese Diskussion nicht etwas verfrüht bevor man auch nur etwas vom Google OS gesehen hat? Wie will man da vergleichen?
2. weniger Vertrauen
Fortune2be 08.07.2009
Ich persönlich denke, dass es schwierig wird, MS den Markt wirklich streitig zu machen. Selbst Apple musste sich letztlich dem Office Paket beugen. Allerdings habe ich bei Google auch mehr persönliche Bedenken. Außer Google Earth kommt bei mir keine Software von Google auf den Rechner. Ich habe das (wahrscheinlich unbegründete) Gefühl, dass sonst alle Informationen in irgendwelche Suchalgortihmen fließen, bzw. regelrechte Profile erstellt werden könnten. Mag sein, dass ich in diesem Fall etwas paranoid bin, allerdings ist mir MS in diesem Zusammenhang allemal lieber.
3.
petenicker 08.07.2009
Zitat von sysopWürden Sie Ihren Rechner einem Google-Betriebssystem anvertrauen? Oder sind kostenpflichtige Produkte von Microsoft vertrauenswürdiger? Welches Betriebssysstem wird sich durchsetzen?
Ok, wenn das die beiden einzigen Möglichkeiten sind, die zur Auswahl stehen: Microsoft. 1. Ist der Mensch ein Gewohnheitstier und 2. wird bei Microsoft nur gemunkelt, dass gerne nach Hause telefoniert wird. Bei Google kann man sich dessen sicher sein.
4. Nein danke...
multiplexer 08.07.2009
Ubuntu genügt mir...
5.
Faust007 08.07.2009
Zitat von AcalotWeder noch, ich traue prinzipiell nur Linux. Ist diese Diskussion nicht etwas verfrüht bevor man auch nur etwas vom Google OS gesehen hat? Wie will man da vergleichen?
Google OS basiert auf ein Linux Betriebssystem.
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