AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2009

SPD "Frau Merkel kann packen"

Der SPD-Vorsitzende Franz Müntefering, 69, über die Kunst des Wahlkampfs, seine Fehler als Parteichef und warum ihn seine neue Liebe beflügelt


SPIEGEL: Herr Müntefering, Sie gelten als vielleicht größter lebender Wahlkampf-Stratege in Deutschland.

Müntefering: Ich bin ein Meter sechsundsiebzig, um genau zu sein.

SPIEGEL: Man sagt, Sie hätten magische Kräfte. Sind Sie stolz auf diesen Ruf?

Müntefering: Zumindest hat mir Wahlkampf immer Spaß gemacht. 1998, 2002, 2005, das waren schon dolle Kampagnen, die wir da gemeinsam hingelegt haben. Dieses Jahr machen wir es wieder so.

SPIEGEL: Zum Mitschreiben: Worin besteht die Kunst des Wahlkämpfens?

Müntefering: Gefühl für die Situation. Beweglichkeit in der Bewegung.

SPIEGEL: Klingt ja simpel.

Müntefering: Ist es aber nicht.

SPIEGEL: Was mögen Sie besonders am Wahlkampf?

Müntefering: Dass die Demokratie in dieser Phase auf den Punkt gebracht wird. Die Parteien stellen sich dar, auch konfrontativ, Unterschiede werden sichtbar. Politische Ziele für die nächsten Jahre werden beschrieben - zumindest von uns.

SPIEGEL: Dieser Tage scheint es, als sei der Zauberer nackt. Nichts, was Sie in diesem Wahljahr bisher ausprobiert haben, hat die Lage Ihrer Partei verbessert. Forsa sieht sie aktuell bei 21 Prozent. Sind Sie im Formtief?

Müntefering: Der Wahlkampf hat noch nicht begonnen.

SPIEGEL: In der "Welt" stand kürzlich über Sie: "Der Vorsitzende ist erlahmt. Es ist offen zu sehen, dass der früher fast immer instinktsichere Müntefering ratlos auf der Bühne steht."

Müntefering: Woanders stand anderes. Lesen Sie nur "Welt"?

SPIEGEL: Bei der Europawahl haben Sie vor allem auf die Rettung von Unternehmen wie Opel und Arcandor mit Staatsgeldern gesetzt, was beim Wähler gar nicht gut ankam. Wo war da Ihr Instinkt?

Müntefering: Ich halte es mit Willy Brandt, der sagte: Wenn du überzeugt bist von einer politischen Linie, dann darfst du nicht das Thema wechseln, auch wenn es noch nicht populär ist. Dann muss man alles dafür tun, es populär zu machen. Das werden wir. Arbeit sichern und schaffen hat Priorität.

SPIEGEL: Nach der Europawahl klangen Sie enttäuscht vom Wähler: "Manchmal hat man recht und bekommt trotzdem nicht recht." Wünschen Sie sich ein neues Volk?

Müntefering: Nein, es ist viel spannender, das Volk zu überzeugen. Und das werden wir. Frau Merkel kann schon mal die Umzugskisten packen.

SPIEGEL: Wo soll denn jetzt noch Hilfe für die SPD herkommen? Aus dem Himmel?

Müntefering: Wenn der liebe Gott so ist, wie ich ihn mir vorstelle, ist er auf unserer Seite.

SPIEGEL: Und wenn nicht?

Müntefering: Dann machen wir das selbst. Der Wahlkampf beginnt Anfang, Mitte August, erst dann werden die Wählerinnen und Wähler wirklich merken, wer was zu sagen hat und die Antworten für die Zukunft gibt. Erst dann werden sie merken, dass die Union außer Watte nichts zu bieten hat.

SPIEGEL: Ist Mitte August nicht zu spät?

Müntefering: Nur zur Erinnerung: 2005 war die Wahl am 18. September, und der Wahlkampf begann am 13. August. Das heißt, wir haben in nur fünf Wochen einen riesigen Abstand zur Union aufgeholt. Früher loszulegen macht keinen Sinn, man hat ja nur einen Versuch. Das kostet Nerven, das weiß ich schon, aber die haben wir. Und das richtige Tempogefühl.

SPIEGEL: 2005 hatten Sie Glück, dass es ein klares Feindbild gab: die neoliberalen Beschlüsse der CDU von Leipzig, den Professor Kirchhof aus Heidelberg, die Merkel-Steuer. Das alles fehlt Ihnen in diesem Jahr.

Müntefering: Frau Merkel möchte in diesem Jahr keinen Wahlkampf machen, die möchte einfach präsidial da durchrutschen. Das werden wir ihr nicht durchgehen lassen. Wir machen klar, dass nur wir Arbeit, Bildung und Nachhaltigkeit im Programm haben - wirkliche soziale Marktwirtschaft.

SPIEGEL: Ist die gerade begonnene Kampagne gegen die Atomindustrie Ihr letzter Strohhalm?

Müntefering: Nein, eine nötige Reaktion. Was in Krümmel passiert ist, stinkt zum Himmel. Da kann ich nur sagen: Legt das Ding endlich still! Vattenfall scheint nicht in der Lage zu sein, dieses AKW gewissenhaft zu betreiben. Die Menschen haben Sorgen. Zu Recht.



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