AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2009

Jugend "Wir feiern nicht, wir eskalieren"

Zehntausende deutsche Abiturienten fahren jedes Jahr nach Spanien, Italien, Bulgarien oder Ungarn, um die bestandenen Prüfungen zu feiern. Auf die Abschlussfahrten hat sich eine Urlaubsindustrie spezialisiert, geworben wird mit dem Exzess.

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Der Nachthimmel über Lloret de Mar hängt voll roter und blauer Neonröhren, aber wenn morgens die Lichter des Magic Park, des Hollywood und der anderen Bars und Discos erlöschen, wird die Stadt grau wie Beton. Während die Männer von der Straßenreinigung mit Kehrmaschinen und schenkeldicken Rohren die letzte Nacht vom Gehweg saugen, sinken die Abiturienten in ihre Hotelbetten; Olli, der Animateur, fährt sein Programm erst um zwei Uhr nachmittags wieder hoch: Treffen bei Dr. Döner, wo die Tonnen für die Sangria-Party warten.

Wer vorher aufwacht, kann sich aber Bier oder Wodka-Lemon an der Hotelbar holen. Es gibt wenig Grenzen in Lloret, deswegen sind sie hergekommen.

In den vergangenen Wochen hörten die Abiturienten von ihren Lehrern und Rektoren, was alle Lehrer und Rektoren sagen, wenn sie ihre Schüler mit etwas zu großer Geste ins Leben verabschieden: Ihr seid die Elite, ihr werdet an der Spitze eures Landes stehen. Der Teil der Gymnasiasten, der nach Lloret de Mar an die spanische Mittelmeerküste fährt, verschiebt das mit der Elite auf später und hat vor Reiseantritt den Alkohol im Hotel gleich mitgebucht, weil es billiger ist, als für jeden Schnaps einzeln zu bezahlen.

Etwa 35.000 Abiturienten aus ganz Deutschland steigen nach den Prüfungen in die Busse zur Costa Brava: künftige Wirtschaftsingenieure, Zahnärztinnen, Bundespolizisten; Jugendliche, die vorher das Walther-Rathenau-Gymnasium Bitterfeld besucht haben, das Canisiusstift Ahaus, das Marie-Curie-Gymnasium Ludwigsfelde oder das Technische Gymnasium Bühl. Es fahren ganze Klassenstufen nach Lloret oder auch nur Gruppen von fünf Leuten. Das Reiseziel steht fest. Bisschen den Kopf freisaufen, sagt Olli, der Animateur.

Lloret ist einfach. Es gibt Sonne, Strand, Discos und Alkohol, andere Drogen gibt es auch, viel mehr aber nicht. Trotzdem ist hier alles möglich, so sieht es jedenfalls aus. Die Stadt ist der betongewordene Traum, den viele Kinder träumen, wenn sie in ihrer Phantasie den Überfluss durchspielen: einmal in einem riesigen Supermarkt eingeschlossen werden und nach Herz und Laune rumsauen können die ganze Nacht. Lloret ist der Supermarkt für Abiturienten, und für fünf, sechs Wochen im Sommer existiert die Stadt nur, um dem neuen Leben nach der Schule die Komplexität zu nehmen. Die ersten Schritte in der Freiheit enden vor Sangria-Eimern.

Olli ist mitverantwortlich für die Komplexitätsreduktion in Lloret, er heißt eigentlich Oliver Schwartz, ist 33 und der Chef von zwei Dutzend Animateuren vor Ort für seinen Arbeitgeber Abi4Life, eine Firma, die Abschlussreisen für Abiturienten anbietet. Am Ende der Abi-Saison wird er 8000 Schulabgänger durch Lloret geschleust haben. Olli trägt einen Kinnbart und ist einer dieser Typen, die nie schlechte Laune haben, er kann mit jedem gut, ein Party-Macher. Er sagt, er sei immer ehrlich zu seinen Kunden.

Wenn samstags und dienstags die Reisebusse in die Stadt schaukeln mit Tausenden Abiturienten aus Berlin und Münster, Köln und Leipzig, Bühl und Laubach, steigt er zur Begrüßung in die Busse und brüllt ihnen seine Ansicht von einem gelungenen Urlaub entgegen: "Wir feiern hier nicht, wir eskalieren!" Die Abiturienten werfen dann die Arme in die Luft, schreiend, glücklich. Eskalation ist Ollis Lieblingswort, er ruft es in die Busse, er ruft es nachmittags bei der Sangria-Party und abends bei der Tequila-Randale im Aztek, der Disco mit den Plastikreliefs an den Wänden, die an die Azteken erinnern sollen.

Eskalation heißt hier Kontrollverlust, Eskalation ist das Wort des Sommers, das Urlaubsziel für sieben Tage all-inclusive in einem dritt- oder viertklassigen Hotel. Die Frage ist, ob jeder weiß, wann die Eskalation enden sollte, und ob er dann auch noch fähig ist, die Kontrolle aus eigener Kraft wieder an sich zu reißen. Zum Glück geht es darum aber gar nicht in Lloret.

Die Stadt ist seit den fünfziger Jahren bei Touristen beliebt, die günstig Urlaub machen wollen, sie wurde aber erst Ende der Neunziger von Reiseveranstaltern entdeckt, die nach neuen Kunden suchten und testeten, ob sich Pauschal- und Party-Urlaub auch an Jugendliche verkaufen lässt, die nicht viel Geld ausgeben wollen. Seitdem wächst der Markt für organisierte Abi-Fahrten, sieben Tage Lloret im billigsten Hotel ab 159 Euro im Mehrbettzimmer, inklusive Busfahrt.

Die Reisebusse mit den Abiturienten fahren nicht nur nach Spanien, sondern auch nach Italien, Kroatien, Ungarn und Bulgarien. Sie fahren meist in Party-Enklaven, die ähnlich funktionieren wie Lloret de Mar und wo auch betrunkene 18-Jährige nicht viel dreckig oder kaputtmachen können, weil das meiste in der Stadt entweder aus Beton ist oder abwaschbar oder so billig, dass man es mit wenig Aufwand austauschen kann.

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