AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2009

Eine Meldung und ihre Geschichte Geld, Brot, Gott

Wie ein Kioskbesitzer einen Einbrecher bekehrte

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Die Nacht ist mild, klar, still. Von Südwesten trägt eine salzige Brise den Geruch des Atlantiks heran. Es sind nur zwei, drei Kilometer bis zum Ozean, hier in Shirley, Long Island, immer dem William Floyd Parkway nach, sechs Spuren Asphalt, ein Grünstreifen, tagsüber ist hier viel los.

Doch an diesem Donnerstag, kurz nach Mitternacht, herrscht kein Verkehr. Der Blumenladen, Ecke Flintlock Drive, ist zu, das Teppichgeschäft nebenan seit Stunden finster, ebenso das Kampfsportstudio Black Belt.


Nur bei Mo brennt Licht.

Mos Kiosk ist in einem weißen Flachbau untergebracht, im Schaufenster Werbung für kalorienarmes Bier, darüber flattern Plastikwimpel, die Tür steht offen, bei Mo sei jeder jederzeit willkommen, wird der Besitzer später sagen, auf diesen seinen 130 Quadratmetern mit Kaugummis, Zigaretten, Milch, Tampons, Tomatensuppe, Kugelschreibern, Zahnpasta, Insektenspray.

Mohammad "Mo" Sohail, 46, Einwanderer der ersten Generation, aus Pakistan, geschieden, Vater einer 17jährigen Tochter, steht hinter dem Tresen wie jeden Abend. Man weiß nie, was der Abend bringt. Mos Haar ist schwarz, schütter; scharfe Falten um die Mundwinkel, sein Leben bisher war gut, keinen Tag möchte er missen; aber leicht war es nicht. Mo sortiert Lieferscheine und Schecks, ach, wie er diesen Papierkram hasst.

Es ist 0.35 Uhr, als der Unbekannte durch die Tür stürmt. Mo sieht einen kräftigen, großen Kerl, einen Farbigen in schwarzer Hose, schwarzer Jacke und weinrotem Kapuzenpullover. Gesicht maskiert, in seiner Rechten hält der Mann einen Baseballschläger, wie eine Steinzeitkeule, denkt Mo.

"Geld!", brüllt der Unbekannte, fuchtelt mit der Keule. "Dein verfluchtes Geld!" Vier Schritte, er steht dicht vor der Theke. Mo hebt die Hände. Spürt, wie ihm der Schweiß ausbricht, schlagartig, sein Hemd klebt. Mohammad Sohail ist der jüngste von sechs Söhnen eines Volksschullehrers aus Lahore, Pakistan. Er war der Liebling seiner Mutter, sagt er, ein zarter Junge, gutmütig, freundlich, der nicht recht wusste, was aus ihm werden sollte.

Mohammad ging aufs College, studierte Journalismus, vielleicht könnte das interessant sein, dachte er, reisen, schreiben, doch er warf alles hin, ehe es dazu kam. Zu wenig Talent, sagt er.

Mo träumte oft, träumte von einem guten Leben, von Wohlstand, Reichtum, etwas darzustellen. Er träumte von Amerika.

In Amerika, in seinem Laden, aber steht nun ein Kerl mit einer Keule: "Gib mir dein Geld, Mann, sofort!" Mohammad Sohail lässt die Hände sinken, geht in die Knie, blitzschnell, er verbirgt ein Gewehr unter der Theke, neun Millimeter, Halbautomatik. Er fühlt das kalte Metall, springt auf. Jetzt kann mir nichts mehr geschehen, denkt Mo, Gewehr sticht Keule.

Jetzt ist es Mo, der brüllt: "Runter, runter", das Gewehr auf den Eindringling gerichtet. "Runter!"

Der Räuber lässt den Baseballschläger fallen. Sinkt auf die Knie: "Es tut mir leid - ich habe kein Geld, keine Arbeit, kein Essen für die Kinder ..." Der Mann schnieft, schluckt, jammert, Mo hält ihn in Schach. Dass das Gewehr nicht geladen ist, sagt Mo natürlich nicht, ist besser so.

Aus dem "Hamburger Abendblatt"

Aus dem "Hamburger Abendblatt"

20 Jahre ist es her, dass Mohammad Sohail Pakistan verließ und seiner Mutter drei Dinge versprechen musste. Nicht zu rauchen. Nicht zu trinken. Fleißig zu sein und zu helfen, wo er kann. Das Leben ist hart, sagt Mo. Aber Allah will, dass wir freundlich miteinander umgehen.

Als also in dieser milden Nacht ein großer weinender Mann vor ihm kniet, denkt Mo an seine Mutter. Er greift in die Kasse, gefüllt mit 1200 Dollar Tageseinnahmen, zieht zwei 20-Dollar-Scheine heraus. Mit der Linken wirft er sie dem Räuber hin.

"Danke, danke, danke", der Mann schnappt nach dem Geld. "Du bist ein guter Mensch, wirklich ein guter Mensch." Ja, deshalb, erklärt der Räuber, wolle er nun Muslim werden.

Wirklich?

Jaja, wirklich.

Also lässt Mohammad Sohail den Eindringling aufstehen, die rechte Hand heben. Sprich mir nach, sagt Mo. "Es gibt keinen Gott außer Gott, und Mohammed ist sein Prophet." Der Räuber spricht ihm nach.

"Ich nenne dich Nawaz Sharif Zardari", sagt Mo, die zwei Namen hat er neulich im Fernsehen gehört. Und dann darf sich Nawaz Sharif Zardari Brot nehmen. Doch als Mo in den Kühlraum geht, um frische Milch zu holen, greift Nawaz Sharif Zardari hastig seinen Baseballschläger und stürmt hinaus in die Nacht. Kommentarlos.

Was soll's. Was wichtig ist, wurde gegeben, findet Mo: Geld, Brot, Gott.

Die Leute kämen jetzt, um ihm zu danken, erzählt er. Alles wunderbar, bis auf eine Kleinigkeit. Er habe Haschpfeifen verkauft, "alle machen das", leider habe man ihn erwischt, jetzt drohten 30.000 Dollar Strafe. Er, Mo, brauche jetzt Hilfe. Aber er ist zuversichtlich, wer weiß, was die Abende bringen.



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