AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2009

Islam "Ihr seid doch unser Vorbild"

Der ägyptische Schriftsteller Alaa al-Aswani über die Mordtat von Dresden, antideutsche Proteste in der islamischen Welt, Rassismus und den Konflikt der Kulturen.


SPIEGEL: Herr Aswani, in Ihrem Roman "Chicago" schildern Sie, wie Araber nach dem 11. September 2001 im Westen leben. Gemessen am epochalen Kulturkampf der vergangenen Jahre ist es ein ziemlich heiteres Buch. Welche Folgen wird der Mord an der Ägypterin Marwa al-Schirbini in Dresden auf das Verhältnis der Araber zum Westen haben?

Aswani: In allen Ländern des Westens gibt es Leute, die grundsätzlich keine Ausländer mögen. In diesem speziellen Fall geht es darum, dass eine Frau in einem Gerichtssaal ermordet, ja massakriert wurde, 18-mal hat der Täter auf sie eingestochen. Und als endlich ein Polizist erschien, um ihr zu helfen, schoss er, wie man sagt aus Versehen, auf den ersten Araber, der ihm unterkam - den Ehemann des Opfers. Für diese Tragödie trägt, allein schon wegen des Tatorts, die deutsche Regierung eine Verantwortung, und diese Verantwortung hat sie nicht wahrgenommen.

SPIEGEL: Was erwarteten Sie denn von der Bundesregierung? Die Politiker haben inzwischen ihre Betroffenheit öffentlich gezeigt.

Aswani: Uns Ägypter schmerzt vor allem, wie spät und zögerlich sie reagiert haben. Wir nehmen das als ein Zeichen von Rassismus, und das würden wir nicht tun, wenn sich Berlin früher und entschiedener geäußert hätte. In Ägypten - einem Land, dessen Regime ich nicht unterstütze - hätte es in so einem Fall mit Sicherheit eine offizielle Erklärung gegeben, und zwar unmittelbar nach der Tat: Wie konnte es dazu kommen? Wer war für die Sicherheit in diesem Gerichtssaal verantwortlich? Was tun wir mit diesen Leuten? Das sind sehr relevante Fragen - nicht zur Tat selbst, sondern zur Haltung der deutschen Regierung. Ich bezweifle, dass etwa ein Mann mit einem langen Bart und einem arabischen Gewand ein Messer in ein deutsches Gericht hätte schmuggeln können.

SPIEGEL: In Ihrem Buch "Der Jakubijan-Bau", das vor "Chicago" erschien, beschreiben Sie auch die Auswüchse des militanten Islamismus. Fanden Sie die Protestausbrüche gegen Deutschland angemessen?

Aswani: Ich verstehe diese Reaktionen. Es gibt einfach eine sehr große Sympathie für Marwa al-Schirbini, eine gebildete Frau, die mit ihrem Mann ins Ausland ging, um ihr Leben zu verbessern - und grausam getötet wurde.

SPIEGEL: Die Deutschen, riefen einige Demonstranten auf ihrem Begräbnis, seien "Feinde Gottes". Irans Präsident Ahmadinedschad schlug sogar eine Uno-Resolution gegen Deutschland vor.

Aswani: Das sind Übertreibungen, Manipulationen. Manche versuchen sogar, Marwa als eine Kopftuch-Märtyrerin darzustellen. Darum geht es überhaupt nicht. Drei Kirchen hier in Ägypten haben Gottesdienste für sie abgehalten, obwohl sie keine Christin war. Selbst wenn sie eine Christin gewesen wäre - ich bin sicher, wir hätten genau die gleiche Reaktion erlebt.

AP
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SPIEGEL: Meinen Sie, es geht gar nicht um Religion?

Aswani: Der Fall hat im Kern nichts mit Religion zu tun, aber er wird religiös ausgenutzt, als ein Fall von Islamophobie. Der instinktive Zorn, den wir alle empfinden, kommt woanders her: Alle Menschen haben ein natürliches Gefühl für Gerechtigkeit, und das ist schwer verletzt worden. Ich bestehe darauf, dass die Reaktion der deutschen Regierung nicht fair war.

SPIEGEL: Wo stehen der Westen und die islamische Welt heute, nach dem 11. September 2001, nach dem Krieg im Irak, dem Eingreifen in Afghanistan - im Kampf oder im Dialog der Zivilisationen?

Aswani: Ich glaube grundsätzlich nicht an Samuel Huntingtons "Clash of civilizations". Die Zusammenstöße, die Konflikte der Geschichte, waren immer politisch; es waren und sind Verteilungskämpfe, um Macht, Land und Geld. Das sollen die Historiker aufschreiben. Darunter aber spielt die humane Geschichte, und diese Geschichte schreibt die Literatur. Sie handelt unter anderem von Rassismus und von Vorurteilen, von Menschen, die sich einfach nicht vorstellen können, wie es auf der anderen Seite aussieht.



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