Der SPIEGEL

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27. Juli 2009, 00:00 Uhr

Verbrechen

Das Geheimnis der gelben Wolldecke

Von Bruno Schrep

22 Jahre lang rätselte ein 1100-Einwohner-Dorf über den gewaltsamen Tod einer jungen Frau. Misstrauen und Denunziation prägten den Umgang miteinander. Aufgrund von DNA-Spuren steht nun ein Fußballer des Ortes unter Mordanklage, der für viele ein Vorbild war.

Wenn früher der Name von Jörg B. fiel, sparten die Bewohner im westfälischen Ostönnen nicht mit Lob. Ein toller Kumpel, offen, geradlinig, echt. Ein Superfußballer, der Beste von Grün-Weiß. Ein prima Nachbar, immer hilfsbereit. Einer wie wir, einer von uns.

Wer jetzt diesen Namen nennt, stößt in der Ortschaft am Rande des Sauerlands auf Schweigen. Oder auf Ratlosigkeit. Oder auf ungläubiges Entsetzen. Kann denn, soll denn wirklich was dran sein an dieser unfassbaren Beschuldigung?

Jörg B. steht unter Mordverdacht. Die Staatsanwaltschaft in Arnsberg wirft ihm vor, eine junge Frau getötet zu haben, grausam und zur Verdeckung einer Straftat. Der 40-Jährige sitzt deshalb in der Justizvollzugsanstalt in Hamm.

In Ostönnen, 1100 Einwohner, kleine Fachwerkhäuser, hohe Bäume, wirken viele Einheimische verstört, jetzt, da die Tragödie des Dorfes womöglich ein Ende findet - nach mehr als 22 Jahren. Denn so lange liegt die Tat, die Jörg B. begangen haben soll, zurück. 22 Jahre, in denen immer wieder neu ermittelt wurde. 22 Jahre, in denen über ein Dutzend Personen in Verdacht gerieten. 22 Jahre, in denen sich Gerüchte, Verleumdungen und Angst wie Mehltau auf eine Ortschaft und ihren Sportverein legten.

Das Verbrechen ereignete sich mitten im Fußballermilieu, mitten in einer bis dahin intakten Dorfgemeinschaft. Es ruinierte das Leben von Familien, vernichtete Zukunftspläne, säte Zwietracht. Und es beschädigte bis heute elementare Werte: Vertrauen in die Unbescholtenheit der Nachbarn, Vertrauen in die Aufklärungsarbeit der Polizei und, seit ein paar Monaten, Vertrauen in die Unparteilichkeit der Justiz. Erneut, wie bei anderen spektakulären Kriminalfällen zuvor, bilden winzige Teilchen des Biomoleküls Desoxyribonukleinsäure, bekannt unter der Abkürzung DNA, das Hauptindiz. Nur selten jedoch liegt zwischen einer Tat und der Entdeckung derartiger Spuren eine solche Zeitspanne.

Ostönnen, 27. Mai 1987. In dem Ort nahe der westfälischen Kreisstadt Soest sind einen Tag vor Himmelfahrt die Straßen mit Girlanden geschmückt, die Bewohner freuen sich mit den Fußballern von Grün-Weiß. Die zweite Mannschaft hat den Aufstieg von der C-Liga in die B-Liga gepackt, zur Freibierparty in einer umgebauten Scheune kommen 130 Gäste. Es wird gesungen, getanzt und getrunken, viel getrunken.

Ursula Scheiwe, 26 Jahre alt, bekannt als offen, fröhlich, unkompliziert, hält sich beim Trinken zurück. Die blonde Frau hat einen Salat mitgebracht, hilft beim Bierzapfen, tanzt ein paarmal mit ihrem Verlobten, dem Hobbyfußballer Hans-Georg B., den sie in zweieinhalb Wochen heiraten will.

Kurz nach drei Uhr morgens wird sie müde, lässt sich von ihrem Verlobten den Schlüssel aushändigen, geht zu Fuß die 400 Meter zur gemeinsamen Wohnung. Die liegt im ersten Stock eines Zweifamilienhauses, abgeschlossen wird meist nur die Haustür.

Viele auf dem Fest wissen, dass der Verlobte in dieser Nacht in der Scheune bleiben wird. Zusammen mit einigen Kumpeln soll er die teure Musikanlage bewachen, die nur geliehen ist. Erst als es hell wird, verlässt er seinen Wachposten.

Dass seine Freundin auf mehrmaliges Klingeln die Haustür nicht öffnet, beunruhigt ihn nicht. "Wenn sie erst einmal schläft, kriegt sie keiner so schnell wach", sagt er zu einem Begleiter, dreht wieder um, feiert mit ein paar Unentwegten weiter.

Erst als die Verlobte auch am Himmelfahrtsabend auf sein Klingeln nicht reagiert, lässt sich Hans-Georg B. vom Parterremieter die Haustür öffnen. Im ersten Stock ist die Wohnungstür nur angelehnt, im Schlafzimmer entdeckt er seine Verlobte leblos auf dem Fußboden, den Kopf auf der Bettkante, die Beine angewinkelt, nackt. Sie hat zahlreiche Blutergüsse im Gesicht und deutliche Würgemale am Hals. Brust und Bauch sind übersät von 74 Stichen mit einem spitzen Gegenstand. Überall ist Blut, im Bett, auf dem Teppich, an den verstreut herumliegenden Kleidern.

Die Ermittler gehen davon aus, dass die junge Frau zwischen 3.30 Uhr und 6 Uhr getötet worden ist. Sie hat dem Eindringling offenbar arglos die Tür geöffnet - entweder, weil sie ihn kannte, oder im Glauben, es handle sich um ihren Verlobten. Die Polizei vermutet ein Sexualverbrechen, geht davon aus, dass der Täter sein Opfer vergewaltigen wollte.

Der Chef der Dortmunder Mordkommission ist zunächst optimistisch, den Fall schnell lösen zu können. Es gibt einen blutigen Fingerabdruck auf dem Lichtschalter des Badezimmers, und als Täter kommen vor allem die Partygäste in Frage. Nur ihnen war bekannt, dass Ursula Scheiwe die Nacht allein verbringen würde.

Doch der Fingerabdruck, die scheinbar heiße Spur, ist zu verwischt, kann niemandem zugeordnet werden. Und bei den Vernehmungen stoßen die Ermittler auf ein hinderliches Phänomen: Viele Festteilnehmer hatten sich derart heillos betrunken, dass sie keine verlässlichen Angaben machen können. Manche erinnern sich nicht einmal mehr, wie und wann sie nach Hause gekommen sind.

Die Polizei beschlagnahmt alle Partyfotos, sammelt die Kleider der männlichen Scheunenbesucher in der Hoffnung ein, verdächtige Spuren zu finden. Dabei gerät zum ersten Mal Jörg B. ins Visier, er ist gerade 18 Jahre alt geworden. Der schmächtige blonde Junge, in der Schule eher schwach, gilt als größtes Fußballtalent weit und breit. Er hat schon als Knirps in der Kreisauswahl gekickt, wird von anderen Vereinen umworben. Obwohl der Jüngste, spielt er schon in der ersten Mannschaft, bei der zweiten hat er nur mitgefeiert.

Fotos zeigen, dass er auf der Fete nicht das Hemd trug, das er bei der Polizei abgegeben hat. Das richtige, das er nachreicht, ist noch feucht vom Waschen. Zudem hat sein Alibi offenbar Lücken. Ein Bekannter gibt zu Protokoll, der Jörg sei zur fraglichen Zeit eine Weile nicht in der Scheune gewesen.

Doch auch andere Fußballer geraten in Verdacht, werden stundenlang vernommen, machen ungenaue Angaben. Übrig bleibt ein Kreis von mindestens einem Dutzend mehr oder weniger Verdächtigen - aber zu einer Festnahme reicht es nicht, die Ermittlungen stocken. Eine Belohnung von 3000 Mark soll Tippgeber locken, die Mordkommission fordert die Bürger per Rundschreiben zur Mithilfe auf. Motto: "Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Täter unter Ihnen wohnt."

Abgründe tun sich auf

Also raus damit: Wer hat was gesehen? Wer hat was gehört? Wer hat etwas von Dritten erfahren? Und bitte keine "falsch verstandene Solidarität" gegenüber Freunden oder Nachbarn, mahnt die Kripo, keine Angst, als "Oberverdachtsschöpfer" oder "Denunziant" dargestellt zu werden.

Die Belehrungen sind überflüssig. In Ostönnen, wo fast jeder jeden kennt, wo die Einheimischen immer stolz auf ihren Zusammenhalt waren, hat das ungeklärte Verbrechen die Beziehungen der Menschen zueinander vergiftet. Selbst enge Freunde beargwöhnen sich. Hinter der Bilderbuchkulisse des Dorfes mit der weißen Kirche, den Wiesen und dem schmalen Bach tun sich Abgründe auf.

Jemand zieht überraschend um - schon geht ein kleiner Hinweis an die Polizei. Jemand wirkt plötzlich so bedrückt - noch ein Anruf bei der Kripo. Jemand lässt sich scheiden - Zeit für einen anonymen Brief.

Dazu werden, offen oder verdeckt, Fragen gestellt, auf die es keine befriedigenden Antworten gibt. Warum hat eigentlich der Parterremieter, der während der fraglichen Nacht unter dem Tatort im Bett lag, nichts mitgekriegt? Wieso ist einer der Abwehrspieler der zweiten Mannschaft so früh von der Feier verschwunden?

Auch Heinz-Georg B., der Verlobte des Opfers, gerät in Verdacht. Als bekannt wird, dass er eine Lebensversicherung abgeschlossen hatte, die Prämie nach dem Tod von Ursula Scheiwe auch kassierte, wird ihm ein Motiv unterstellt - obwohl er mit einem Teil des Geldes die Beerdigung finanziert.

In Wahrheit kann der Automechaniker den gewaltsamen Tod der Freundin lange Zeit nicht verkraften. Er trinkt, bekommt Depressionen, beginnt an seinen Wahrnehmungen zu zweifeln. "Plötzlich hab ich mir selber nicht mehr getraut", erinnert er sich heute, "ich fing an, mein eigenes Alibi zu überprüfen." Er kontrolliert seine Wäsche auf verdächtige Spuren, versucht stundenlang, die fragliche Nacht zu rekonstruieren. Hatte er einen Filmriss? Fehlt ihm eine Stunde? Könnte er es in einem Anfall von Wahn oder im Suff doch selbst gewesen sein?

Ein anderer Fußballer, angesteckt von der allgemeinen Hysterie, fürchtet ebenfalls, er sei womöglich der Täter. Er hat Gedächtnislücken, weiß nicht mehr genau, wo er sich nach der Feier aufhielt, will sich mit Schlaftabletten das Leben nehmen, wird danach zeitweise in eine psychiatrische Klinik eingewiesen.

Drohanrufe bei alleinstehenden Frauen, initiiert offenbar von Trittbrettfahrern, befeuern die Furcht, womöglich gehe ein Serienmörder um, der jederzeit wieder zuschlagen könnte. Manche Dorfbewohner trauen sich bei Dunkelheit nicht mehr auf die Straße.

Schweren Schaden nimmt auch die Familie des Opfers. Ursula Scheiwes Mutter versucht, den Täter mit Hilfe einer Wahrsagerin zu entlarven. Ein Jahr nach dem Tod der Tochter erleidet sie einen Schlaganfall, wird halbseitig gelähmt. Sie stirbt mit 63. Der Vater, ohnehin verschlossen, kapselt sich immer mehr ab. Der älteste Bruder, ein Hitzkopf, glaubt fest, den Verbrecher zu kennen, bedroht über Jahre einen Unschuldigen, handelt sich Prozesse ein. "Eigentlich hätten wir alle psychologische Betreuung gebraucht", glaubt Willi Scheiwe, ein anderer Bruder. "Unser seelischer Zustand ist bis heute schlimm."

Beim Fußballverein Grün-Weiß wird zwar schon ein paar Wochen nach der verhängnisvollen Meisterschaftsfeier wieder gekickt, wieder gewonnen und verloren, über Fehlpässe gemeckert und über den Schiedsrichter geschimpft. Doch das unverbrüchliche Gefühl von Zusammengehörigkeit, das es so vielleicht nur auf dem Dorf gibt, will sich lange nicht einstellen, nicht in der ersten und auch nicht in der zweiten Mannschaft.

Es wird zum ungeschriebenen Gesetz, so wenig wie möglich über die Tragödie zu reden, am besten überhaupt nicht. Bricht jemand dieses Tabu aber doch mal, womöglich beim Umtrunk nach dem Training, kommt schnell Beklommenheit auf. Jeder spürt, was den anderen bewegt. Und jeder stellt sich die gleiche Frage: War der es? Oder der? Oder vielleicht der?

Manchmal, nach dem dritten oder vierten Bier, werden auch Namen geflüstert, unter vier Augen. Ein Name steht allerdings nie zur Debatte: der von Jörg B.

Aus dem talentierten Jungen von einst ist über die Jahre ein veritabler Sportsmann geworden, eine Institution des Vereins. Der Mittelfeldregisseur mit der Rückennummer sechs, Spitzname "der Sechser", kickt noch als 40-Jähriger weit besser als seine Mitspieler. Keiner kann so perfekt mit dem Ball umgehen, keiner gibt so kluge Vorlagen, keiner hat so einen harten Schuss mit dem linken Fuß. Die Lokalzeitungen drucken regelmäßig Fotos von ihm.

"Er hatte das Zeug zum Bundesligaprofi", versichert Andreas Glade, sein letzter Trainer, "ihm fehlte nur der Mut." Der Jörg sei halt immer ein Dorfmensch gewesen, heimatverbunden, wenig risikobereit. Und wirklich: Jörg B. wechselt zwar zweimal zu anderen Clubs, aber nur im Umkreis, und er kehrt jedesmal schnell zu Ostönnen zurück. Bis 2004 wohnt er in unmittelbarer Nähe des Tatorts.

Außerhalb des Fußballfeldes gelingt dem Sechser wenig. Eine Handwerkslehre bricht er ab, er hilft mal auf dem Bau, fährt mal Gabelstapler, macht aber auch öfter einfach blau. Nach dem Scheitern seiner ersten Ehe, aus der eine Tochter hervorgeht, verliert er vorübergehend den Halt. Er wird arbeitslos, kann seine Miete nicht bezahlen, nächtigt zeitweise im Auto, lebt von kleinen Zuwendungen des Vereins. Und berappelt sich erst wieder, als er einen Verkäuferjob bei einem Baumarkt findet und seine zweite Ehefrau Nicole kennenlernt.

Die Mutter von vier Kindern aus einer vorangegangenen Ehe, schlank, kastanienbraunes Haar, erweist sich als perfekte Fußballerfrau. Sie sorgt für die Halbzeitgetränke der Mannschaft, schleppt den Erste-Hilfe-Koffer, feuert die Truppe vom Spielfeldrand an. Vom gewaltsamen Tod einer anderen Fußballerfrau, irgendwann vor vielen Jahren, hat sie nur mal beiläufig gehört, nichts Genaues.

Sie ist völlig ahnungslos, als ihr Mann an einem Mittwochmorgen kurz vor sieben von Kripo-Beamten aus dem Bett gescheucht wird. Zumal Jörg B. nichts sagt, nichts fragt, nur seinen Jogginganzug überstreift und sich abführen lässt. Als sich Nicole B. Stunden später telefonisch erkundigt, um wie viel Uhr ihr Mann denn wieder nach Hause komme, antwortet ihr ein Kripo-Beamter: "Er wird gerade dem Haftrichter vorgeführt. Die Beweislage ist erdrückend."

Der Staatsanwalt setzt alles auf eine Karte

Tatsächlich sind die Akten des mysteriösen Kriminalfalls niemals völlig geschlossen worden. Einzelne Beamte, denen über all die Jahre die Verzweiflung der Angehörigen nicht aus dem Sinn gehen wollte, legten die Ordner regelmäßig auf Wiedervorlage. Mehrfach vorgenommene Überprüfungen alter Spuren mittels moderner Verfahren blieben freilich allesamt ergebnislos.

Als jedoch Wissenschaftler eine neue Methode entwickeln, bislang unsichtbares Erbgutmaterial erkennbar zu machen, wittert der Arnsberger Staatsanwalt Marco Karlin eine letzte Chance, das rätselhafte Verbrechen aufzuklären. Der ehrgeizige Ermittler, der das Verfahren von seinem pensionierten Vorgänger übernommen hat, lässt 2007 die Asservate nach unentdeckten Spuren untersuchen.

Bei einer gelben Wolldecke, die auf dem Bett neben der Leiche von Ursula Scheiwe lag und bis dahin keine verwertbaren Spuren aufwies, setzt der Staatsanwalt alles auf eine Karte, riskiert die Zerstörung des Beweismittels: Er lässt die Decke in 50 kleine Stücke zerschnippeln und diese Teile in einem speziellen Lösungsmittel auswaschen. Treffer: Aus einem der Fetzen wird eine deutliche DNA-Spur herausgelöst.

Die Verdächtigen von 1987 müssen, einige bereits zum wiederholten Mal, Ende 2008 zum Speicheltest, darunter der Verlobte, der Parterremieter, ein Fußballer von schräg gegenüber. Jörg B., der Sechser, gibt seine Probe als Letzter erst im Januar 2009 ab, nach mehreren Terminverschiebungen.

Das Ergebnis, ermittelt vom Rechtsmedizinischen Institut der Universität München, lässt nach Überzeugung von Staatsanwalt Karlin nur eine Deutung zu: Jörg B., der behauptet hatte, nie in Ursula Scheiwes Wohnung gewesen zu sein, ist der Täter. Spur 16.78, gefunden auf der gelben Wolldecke, weist mit einer Wahrscheinlichkeit von 1 zu 23 Millionen auf den bislang nicht vorbestraften 40-Jährigen hin. Zudem ordnen ihm die Ermittler winzige DNA-Moleküle unter den Fingernägeln des Opfers zu, mit einer Sicherheit von 1 zu 5234, und geringe DNA-Spuren an einer Jogginghose der Toten.

Ob diese Indizien allein zu einer Verurteilung ausreichen, gilt nach Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs über DNA-Beweise nicht als sicher. In Ostönnen jedenfalls mischt sich in die Erleichterung, dass der Fall womöglich gelöst ist, auch Fassungslosigkeit. "Er kann es nicht gewesen sein", versichert einer der damaligen Partygäste, "er war ja damals fast noch ein Bub."

Auch die meisten Grün-Weißen können nicht glauben, dass ihr Sechser eine Frau umgebracht haben soll. Ausgerechnet der Jörg, der nie aggressiv war, jedem Streit aus dem Weg ging? Skepsis überwiegt. Arbeitet die Justiz wirklich objektiv, wird da nicht nur ein Sündenbock gesucht? Und überhaupt: Wie sicher sind eigentlich diese komischen DNA-Spuren? Kann da nicht eine Verwechslung vorliegen? "Ich kenne Jörg seit 17 Jahren", sagt Trainer Glade, "wenn da was wäre, ich hätte es gemerkt."

Die Mannschaft sammelt spontan Geld für einen Rechtsanwalt. Sascha, der Torwart, schreibt einen Brief im Namen aller. "Wir glauben fest an dich", heißt es darin, "du darfst nur nicht den Mut verlieren."

Mitspieler, die ihn im Gefängnis besuchen, finden Jörg B. abgemagert und deprimiert. "Ich habe damit nichts zu tun", erklärte er kurz nach seiner Verhaftung - mehr nicht. Sein Strafverteidiger, der Iserlohner Rechtsanwalt Frank Klement, hat ihm geraten, zumindest bis zur Hauptverhandlung zu schweigen. Die soll am 11. August in Arnsberg beginnen.

Weil der Beschuldigte zur Tatzeit knapp 18 war, hat die Staatsanwaltschaft den 40-Jährigen vor einer Jugendstrafkammer angeklagt. Die Höchststrafe im Jugendstrafrecht beträgt zehn Jahre. Zu einer Verurteilung kann es indes nur kommen, wenn das Gericht auf Mord erkennt. Sollte es dagegen von einem Totschlag ausgehen, wäre das Verbrechen wohl verjährt.

Ehefrau Nicole B., die ihren Mann seit zwölf Jahren kennt, ist von seiner Unschuld überzeugt, glaubt fest an einen Freispruch - und das sollen alle wissen. Eisern kommt sie mit den Getränken und ihrem Verbandskasten zu jedem Spiel seiner Mannschaft, ganz so, als würde der Sechser noch mitkicken. Auf den linken Unterarm hat sie sich mit Druckbuchstaben "JÖRG" tätowieren lassen.

Wie würde sie reagieren, wenn er es doch gewesen ist? Nicole B. überlegt nur ganz kurz. "Dann wäre ich trotzdem die Erste, die ihn am Gefängnistor abholt."

Mitarbeit: Alexander Linden

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