AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2009

Medizin Spritze gegen die Bombe

Ein Molekularbiologe hat ein Medikament entwickelt, das vor den Folgen radioaktiver Verstrahlung schützen soll - die Militärs sind elektrisiert.

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Freitagnachmittags, wenn der Sabbat naht und die Sonne tief über dem Mittelmeer steht, ist das Restaurant Turquoise nördlich von Tel Aviv eine Oase der Sorglosigkeit. Die Tische sind bis auf den letzten Platz besetzt, die Menschen feiern ausgelassen.

Nur Yacov Reizman schaut mit ernstem Blick auf einen Stapel Papiere vor sich. Es ist eine aktuelle Studie des US-Heimatschutzministeriums. Darin werden die medizinischen Folgen eines Terroranschlags mit einer radioaktiven Bombe in einer amerikanischen Großstadt durchgespielt: Zehntausende würden sofort umkommen, Hunderttausende durch die Strahlung lebensgefährlich verletzt.

Noch dramatischer, sagt Reizman, wären die Folgen in einem kleinen Land wie Israel. Innerhalb weniger Stunden wären nahezu alle Einwohner betroffen.

Doch nun behauptet Reizman, ehemaliger Kampfpilot der israelischen Armee, eine Wunderwaffe gegen solche Nuklearkatastrophen zu haben: Seine Firma Cleveland Biolabs hat ein Medikament entwickelt, das Menschen vor den oft tödlichen Folgen radioaktiver Strahlung schützen soll.

Angeblich genügt eine einfache Injektion. Vor einigen Tagen ist der New Yorker Geschäftsmann in sein Heimatland zurückgekehrt, um den Sicherheitsbehörden in Israel die Erfindung vorzustellen.

Bislang standen Mediziner der sogenannten Strahlenkrankheit weitgehend hilflos gegenüber. Ionisierende Strahlung zerstört Zellbausteine und führt direkt zum Zelltod. Sie kann aber auch am Erbgut Veränderungen hervorrufen, die bei der nächsten Zellteilung weitergegeben werden und zur Entstehung von Krebs beitragen. Schutz vor den Strahlen gibt es bisher kaum; nur die Anlagerung radioaktiven Jods in der Schilddrüse lässt sich durch Jodtabletten vermindern.

Viel weiter reichend soll die Wirkung von CBLB502 sein. Entdeckt hat das Mittel der amerikanische Molekulargenetiker Andrei Gudkov. Es handelt sich um ein Protein, das aus Salmonellen gewonnen wird. Seine mutmaßliche Wirkung: Das Bakterieneiweiß dockt auf einer strahlengeschädigten Zelle an einen Rezeptor an, der normalerweise das Immunsystem aktivieren würde.

Auf diese Weise wird das Selbstmordprogramm ("Apoptose") der beschädigten Zelle gestoppt, mit dem sie sich sonst aus dem Verkehr ziehen würde, um dem Gesamtorganismus nicht zu schaden; so gewinnt sie Zeit, um beispielsweise Reparaturmechanismen in Gang zu setzen. Es ist derselbe Trick, den etwa eine Tumorzelle anwendet, um trotz ihrer krankhaften Veränderung im menschlichen Körper zu überleben.

Gudkov testete den Prototyp erfolgreich an Mäusen und Rhesusaffen und hat die Ergebnisse bereits im US-Wissenschaftsmagazin "Science" veröffentlicht. Die Affen wurden Strahlendosen ausgesetzt, vergleichbar denen, die Menschen nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 erlitten. Von denjenigen, die das Medikament nicht erhalten hatten, starben 70 Prozent. Dagegen überlebten mehr als 60 Prozent der Affen, die vorher behandelt worden waren. Das Medikament schlug selbst dann noch erfolgreich an, wenn es erst 72 Stunden nach der Bestrahlung injiziert wurde.

Damit wäre es vor allem für den Einsatz bei radioaktiven Anschlägen und Unfällen geeignet. Vor der Gefahr einer "schmutzigen" Bombe, also einer Sprengladung mit radioaktivem Material, warnen westliche Geheimdienste seit langem. Pentagon und US-Gesundheitsbehörden haben daher bereits 40 Millionen US-Dollar in die Entwicklung des Anti-Strahlen-Medikaments investiert.

CBLB502 könnte aber auch in der Krebstherapie zum Einsatz kommen: Tumorpatienten wären damit in der Lage, die Bestrahlung besser zu verkraften. Dadurch würden sich die Heilungschancen in schweren Fällen erhöhen.

In den Vereinigten Staaten wird die Zulassung in zwei Jahren erwartet. Auch in Deutschland verfolgen Strahlenexperten die Versuche aufmerksam. Es handle sich um einen "ganz neuen Ansatz", bestätigt ein Sprecher des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Allerdings müsse das Präparat erst noch am Menschen getestet werden. In der Tat weiß bislang noch niemand, inwieweit die Ergebnisse aus den Affenversuchen übertragbar sind.

Auch große Pharmaunternehmen haben starkes Interesse an der Herstellung. Das Ziel von Reizman und seinen Geschäftspartnern ist es, dass Länder wie die USA und Israel einen Vorrat für ihre Bevölkerung anlegen. Sie rechnen mit einem jährlichen Umsatz von weltweit bis zu 20 Milliarden Dollar.

Allein an die US-Armee will Cleveland Biolabs zwei Millionen Dosen verkaufen.



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