AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2009

Tiere Therapeut auf vier Pfoten

Nur selten kommen Kinder, die im Wachkoma liegen, wieder zu Bewusstsein. An einer Spezialklinik in Oberbayern helfen ihnen Hunde dabei.

Von Günther Stockinger


Die vierjährige Sophie weint viel. Seit einem Unfall vor drei Monaten, bei dem sie schwere Schädel-Hirn-Verletzungen erlitten hat, dämmert sie im Wachkoma dahin.

Komapatient mit Hündin Lotta bei der Hundetherapie im Behandlungszentrum Vogtareuth: Verkrampfungen lösen sich
Wolfgang Maria Weber

Komapatient mit Hündin Lotta bei der Hundetherapie im Behandlungszentrum Vogtareuth: Verkrampfungen lösen sich

Wenn die Pfleger am Behandlungszentrum Vogtareuth bei Rosenheim das Mädchen mit den blonden Locken umbetten, ertönt leises Jammern. "Niemand weiß, ob sie Schmerzen hat oder ob das Klagen eine Art Ersatzkommunikation für sie ist", erläutert Julia Sömmer, Logopädin an der Spezialklinik für Neuropädiatrie und Neurologische Rehabilitation.

Nur manchmal ist alles anders. Wenn die 13-jährige Therapiehündin Lotta das Mädchen mit sanften Nasenstupsern begrüßt und Hundebiskuits aus seinen Händen frisst, hellt sich seine Miene auf.

Sophies Atem wird dann ruhig, die Herzfrequenz sinkt, die verkrampften Hände lassen sich öffnen, um sie mit Delikatessen für den schwarzgrauen Münsterländermischling zu munitionieren. Selbst wenn ihr die Hündin die weißen Söckchen auszieht, um die nackten Füße zu beschnüffeln und abzulecken, lässt die Patientin alles ruhig über sich ergehen.

Wie viel Sophie von ihrem Therapeuten auf vier Pfoten mitbekommt, weiß keiner so genau. "Bei Wachkomapatienten ist es schwer einzuschätzen, welche Wahrnehmungskanäle sie besitzen", sagt Physiotherapeutin Rebekka Keßner.

Das Behandlungszentrum im hügeligen Alpenvorland ist eine der größten Kliniken für Neuropädiatrie in Deutschland. Versorgt werden Kinder und Jugendliche, bei denen Unfälle, Schlaganfälle, Infektionen oder Narkosezwischenfälle schwerste Hirn- oder Rückenmarkschädigungen hinterlassen haben. Jeder vierte der stationär Betreuten driftet im Wachkoma.

Um Kontakt zu ihrem Bewusstsein zu kriegen, setzen die Betreuer neben Standardtherapien auch auf speziell trainierte Vierbeiner. Neben Lotta kommen bereits vier weitere Therapiehunde zum Einsatz, die in ihrer mehrmonatigen Ausbildung gelernt haben, besonders geduldig und zutraulich zu sein.

"Vor allem den Kindern mit den größten Problemen wollen wir eine zusätzliche Stimulierung bieten", erklärt Gerhard Kluger, Leitender Arzt der Klinik. "Widerstände gegen die Methode gibt es nicht - außer dass manche Therapeuten ein bisschen eifersüchtig sind, dass der Hund mehr erreicht als sie." Nur türkische und arabische Eltern reagieren oft pikiert.

Die Therapiesitzungen mit den Hunden dauern nicht länger als 20 bis 30 Minuten. Mehr als zwei Behandlungen am Tag schaffen die Co-Therapeuten auf vier Pfoten nicht. Die Hunde suchen von sich aus die Nähe zu den Patienten. Das Ergebnis der stummen Begegnungen ist in der Regel nicht spektakulär, aber auch die kleinen Fortschritte zählen. Wenn bei den Wachkomapatienten die Muskelspannung nachlässt, wenn sich Spastiken lösen und eingedrehte Gliedmaßen ein wenig entkrampfen, ist schon viel gewonnen. Kluger: "Wir erwarten keine Wunder, wir versprechen den Eltern nicht, dass ihr Kind nach der Hundetherapie aus dem Wachkoma aufwacht."

Hilfstherapeuten wie Lotta kommen mittlerweile schon in einer Reihe von deutschen Kliniken zum Einsatz. Hunde leisten Krebskranken Beistand, helfen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder motivieren frisch operierte Patienten zu Bewegungsübungen. Studien haben gezeigt, dass der Kontakt mit den Tieren positive physiologische Prozesse in Gang setzt. Der Blutdruck sinkt, der Kreislauf stabilisiert sich, es werden weniger Stresshormone ausgeschüttet.

Um nicht in den Geruch von Jahrmarktsmedizin zu geraten, werden die Therapieziele in Vogtareuth vor den Hundebehandlungen genau festgelegt. Hinterher wird geprüft, ob sie erreicht wurden.

"In 80 bis 90 Prozent der Fälle ist die Schlussbilanz absolut positiv", so Kluger. "Vor allem für die Eltern ist es oft eine Riesenerleichterung, wenn sie ihr Kind wieder einmal ruhig und entspannt erleben."

Welche Rolle die Vierbeiner bei der Genesung mancher Kinder spielen, lässt sich am Ende des oft monatelangen Wartens auf ein Lebenszeichen nicht so leicht sagen. Die zwölfjährige Sibyll etwa lag nach einem plötzlichen Herzstillstand in der Schule scheinbar unerreichbar im Wachkoma. Der Sauerstoffmangel hatte in ihrem Gehirn schwere Verwüstungen angerichtet.

Dass ihr Kind allmählich aus seinem inneren Gefängnis wieder zu ihnen zurückkehrte, hatten die Eltern vor allem daran erkannt, dass Sibyll beim endlosen Vorlesen von Geschichten plötzlich wieder an den komischen Stellen Reaktionen zeigte. Vor allem aber während der Therapiesitzungen mit den Hunden wirkte sie auf die Betreuer zunehmend so, als würde sie Lotta oder deren Mitstreiter wiedererkennen.

Auch jetzt noch sitzt das Mädchen, das früher leidenschaftlich zum Ballettunterricht stürmte, im Rollstuhl, der Blick irrt ins Leere. Wenn es mühsam zu sprechen versucht, ist es kaum zu verstehen.

Ob sie Lotta möge, will ein Betreuer auf einem der Flure in Vogtareuth von Sibyll wissen. Sie überlegt, dann wetterleuchtet es in ihrem Gesicht, das diebische Vergnügen, das sie an der Antwort findet, ist nicht zu übersehen: "Der Hund stinkt."



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