AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 33/2009

Autoren Wer schreiben will, muss leben

Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace wird von seinen Lesern verehrt, von Literaten bewundert. Seine Familie kennt die Rückseite der Wahrheit: Fast 30 Jahre lang hielt er die Depressionen aus, dann setzte er die Medikamente ab und erhängte sich.

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Die Stimme ertragen sie alle nicht, die Hörbücher, die Radioaufnahmen, ganz breit klingt die Stimme nach Illinois im Mittleren Westen, so klar ist sie und schüchtern, im einen Moment scharf und im nächsten verschreckt. Die Agentin muss weinen, sobald sie die Stimme hört, die Schwester schafft nur fünf Minuten YouTube, sie sieht und hört den Bruder, dann geht es nicht mehr, dann klickt sie ihn weg.

Die Mutter sagt, eine seiner Kurzgeschichten habe sie sich neulich angehört, ganz ruhig vorgetragen, da habe er von einer perfektionistischen Mutter geschrieben und von einem Sohn, der den Ansprüchen der Mutter nicht genügte.

Die Mutter weint. Sie sitzt in einem blauen Lesesessel in Urbana, Illinois, eine zarte Frau, ganz dünn, schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, die Jacke so blau wie das Oberhemd des Vaters, ihres Mannes, blau wie die Gardinen hier, die Kommoden. Die Mutter weint, entschuldigt sich, sagt, dass sie jeden Morgen durch den Park gehe, wo der Sohn damals Tennis spielte, "so elegant, so leicht" habe er gespielt, als er noch ein Junge war, und dass sie jeden Morgen rufe: "Schlaf gut, mein Baby."

Sie sagt, dass sie manchmal fest glaube, dass er noch da sei. Ihr Mann sitzt neben ihr, auch er in seinem blauen Sessel, die Füße hochgelegt, er zeigt die Hochzeitsfotos, 2004 im Schnee von Illinois, der Sohn im schwarzweißen Sakko und mit Schlips, nie trug er Schlips, nur für Karen, und lachend, wie selten.

An seiner Seite die Künstlerin, Karen, auf die er stolz war, weil er endlich ein richtiger Ehemann sein wollte, so richtig, dass er Freunde fragte, wie das gehe, Ehemann sein, und sich Notizen machte. Karen ist die Einzige, die nicht besucht werden wollte auf dieser Reise in das Leben des David Foster Wallace, sie schrieb zurück: "Es ist immer noch schwer für mich, über David zu reden, über seine Arbeit und die Erinnerungen, und manchmal glaube ich noch nicht, dass er fort ist."

Es ist ein knappes Jahr vergangen seit dem 12. September 2008. Amy, die Schwester, hatte zu ihm fahren wollen, sie sagt, sie habe es in den Wochen zuvor geahnt, sie war seine erste Leserin, sie kannte ihn, und nein, "geahnt" sei das falsche Wort, sagt sie, "ich habe es gewusst, und er wusste, warum er mich nicht mehr in seiner Nähe haben wollte".

Ein Jahr ist vergangen, seit Karen ihn fand, Ehefrau, Künstlerin, die David Foster Wallace seit Monaten kaum allein gelassen hatte, seit der Überdosis vom Juni gar nicht mehr, die am 12. September 2008 kurz zu einer Vernissage fuhr, für 90 Minuten, weil er gesagt hatte, es geht mir gut, fahr nur, Schatz, denn er wusste, dass dies seine Chance war, und sie verstand es zu spät - Karen, die zurückeilte, die ihn sah und die Polizei rief und dann bis zum nächsten Morgen wartete, um die anderen im ersten Kreis zu schonen.

Um den Schriftsteller David Foster Wallace zogen sich zwei Kreise, 20 Jahre lang. Im zweiten, im äußeren, waren seine Leser, Jünger, die auf Web-Seiten jeden Satz des Autors diskutierten, die aussehen wollten wie er, Stiefel, Sweatshirt, Bart, lange Haare, Kopftuch; Wallace hatte etwas Messianisches für seine Leser, weil sein Thema das Leben und das Leiden in und an der modernen Welt waren, die "Unmöglichkeit, diese Welt ohne Drogen zu ertragen, welche die Welt aber zum Alptraum machen", wie sein deutscher Verleger sagt.

Den Jüngern schien es, als habe er die Qualen des Westens mit all dem Überfluss, dem Zynismus und der Langeweile stellvertretend erlitten und sensibler wahrgenommen, dann schärfer durchdacht und am Ende lustiger beschrieben als jeder andere. Darum versammelten sich auch Schriftsteller im äußeren Kreis, Don DeLillo oder Jonathan Frantzen, große Literaten, die glauben, dass Wallace ein Genie war, der Beste.

"Da waren Sätze, die Energiestöße in sieben Richtungen feuerten", das schreibt Don DeLillo. Dass Wallace ein "writers' writer" war, liegt an seinen Essays, die die Kunst des Schreibens lehren, da sie mit neuen Wörtern, neuen Konstruktionen von Absatz zu Absatz gleiten bis zu einem Ende, mit dem kein Mensch gerechnet hat. Er schrieb für "Gourmet" über das "Maine Lobster Festival" und schockierte die Chefredaktion, weil er neurologisch ergründete, was der Hummer fühlt, wenn er versucht, aus dem Topf zu klettern. Sein amerikanischer Ruhm aber gründet auf einem Roman, "Infinite Jest", 1996 erschienen, wüst, utopisch, verwegen, dunkel wie "Der Zauberberg", nur komischer.

Das Problem dieses Amerikas ist das Zuviel. Zu viel Vergnügen, zu viel Spaß, zu viel Konsum und viel zu viele Möglichkeiten. Tragisch. Aber wie tragisch ist das wirklich, wenn Menschen durch zu viel Freude stürzen? Nun, nach sechs Jahren, die der Übersetzer brauchte, ist der Text auf dem Weg von der Druckerei in die deutschen Buchläden, das große Buch des Herbstes, schon jetzt*.

Im ersten, dem inneren Kreis, der Wallace umschloss, ging es um eine andere Welt, und alle, die dort aufgenommen wurden, waren zum Schweigen verpflichtet. Im inneren Kreis versuchten sie einem Kranken zu helfen, sie versuchten, mindestens drei Selbstmordversuche zu vertuschen und neue zu verhindern, sie versuchten, das Geheimnis oder die Rückseite der Wahrheit zu wahren, und es gelang ziemlich gut, über 20 Jahre lang.

Alle, bis auf Karen, die Ehefrau, waren jetzt, ein Jahr danach, bereit, über das Zentrum der Kreise zu reden: David Foster Wallace, mit 46 Jahren gestorben am 12. September 2008 in der Garage eines beigefarbenen Bungalows in der Oak Hollow Road von Claremont, Kalifornien.

Er hatte nichts mehr sortiert, sein letzter Roman "The Pale King", ein Fragment über die Wiederholungen des Lebens und die Steuerbehörde IRS, lag in Schubladen. Er hatte eine Notiz für Karen geschrieben, eine Entschuldigung, da er wusste, dass sie ihn finden würde. Er nahm einen Strick, es gab einen Balken, er erhängte sich in dieser Garage, in der er geschrieben oder es versucht hatte bis zuletzt. Es war das Ende, das er gewählt hatte, und das könnte der Trost für alle sein. Aber es tröstet sie nicht, er war nicht mehr David, sonst hätte er es nicht getan. So nicht. Er hätte das Karen nicht angetan, glauben sie.

Am nächsten Morgen rief Karen Davids Eltern in Urbana an, und die Mutter rief Amy, Tochter und Schwester, in Tucson an, "gestern ist David gestorben", sagte die Mutter, und Amy dachte, das klinge so friedlich, und sie dachte: "David kann niemals so einen Knoten knoten."

Und der Vater sagt, dass der Sohn doch handwerklich so ungeschickt gewesen sei. Einmal, weißt du noch, beide Eltern lachen jetzt, ihr Lachen ist ein Geschenk nach zwei Stunden Tränen, einmal hatte David in vier Wochen vier platte Autoreifen. "Wie bekomme ich das Rad vom Auto runter?", fragte er am Telefon. "Du musst die Schrauben gegen den Uhrzeigersinn drehen", sagte der Vater. Stille. Dann: "Ich habe meine Uhr nicht dabei, Papa."

Es ist eine wundersame Reise ins David-Foster-Wallace-Land.



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