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AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2009

Internet: Hoffnung in Lachsrosa

Von

Medienmilliardär Rupert Murdoch will die Online-Leser seiner Zeitungen zur Kasse bitten. Der Vorstoß hat eine Debatte um die Zukunft der Gratiskultur im Netz ausgelöst. Dabei gibt es bereits positive Beispiele. Doch mancher Verlag fürchtet die Frage: Was sind wir dem Leser wert?

Rupert Murdoch: Die Verlagswelt aufgeschreckt Zur Großansicht
REUTERS

Rupert Murdoch: Die Verlagswelt aufgeschreckt

Mit Computern kann Rupert Murdoch nichts anfangen. Der australoamerikanische Medienmilliardär mag keine E-Mails. Das Internet meidet er. Und selbst mit seinem Handy kommt der 78-Jährige nicht zurecht. Als Online-Messias scheint Murdoch eine echte Fehlbesetzung zu sein.

Doch in den vergangenen Wochen schreckte er die Verlagswelt auf. Mit ein paar Sätzen, so simpel wie revolutionär. Zum Beispiel: "Qualitätsjournalismus ist nicht billig." In den nächsten Monaten werde er daher für die Online-Nutzung seiner vielen Zeitungen rund um den Globus Geld verlangen. Schluss mit der Gratiskultur im Netz.

Kaum hatte der News-Corp.-Chef, Herr über Hunderte Blätter und Sender, gesprochen, beeilten sich Verleger aus aller Welt, ihm beizupflichten. Hätte es eines Beweises bedurft, dass Murdoch noch immer der Boss der Medienbosse ist, hier war er.

Ausgerechnet Murdoch. Der wisse doch gar nicht, "wo das Internet sei", lästerte sein Biograf Michael Wolff kürzlich. Der Alte werde das Netz vielleicht umkrempeln, aber nur, "wenn er es denn findet".

Vom Internet mag der knorrige Unternehmer wenig Ahnung haben, und wie ernst er es am Ende wirklich meint, weiß niemand. Doch eines ist gewiss: Einer wie Murdoch guckt nicht einfach tatenlos zu, wie er Geld verliert. Und er hat den Nerv der Branche getroffen, wieder einmal.

Im Netz endlich echtes Geld zu verdienen, davon träumen sie alle, von der "Sunday Times" bis zum "Nordkurier". Bisher haben die Verleger ihre Inhalte im Web meist verschenkt - in der Hoffnung auf Werbeerlöse. Das Credo: Wer kassiert, hat verloren, jedenfalls solange die Leser woanders noch kostenlos finden, was sie suchen. Die "New York Times" hat es probiert - und aufgegeben, wie viele andere.

Doch jetzt bricht das Anzeigengeschäft ein, auch im Netz. Und mit ihm ein Geschäftsmodell oder vielmehr: die Hoffnung auf eines. Denn aufgegangen ist die Rechnung bisher nur für wenige Anbieter, darunter SPIEGEL ONLINE. Die Web-Gratiskultur halte "für den Journalismus so viel Zukunft bereit wie ein steiles Kliff für eine Herde Lemminge", warnt Walter Isaacson, Ex-Chef des "Time"-Magazins. Nur: Was ist die Alternative?

Lassen sich die Leser wieder ans Bezahlen gewöhnen? Oder ist Paid Content eine Art Selbstmord aus Angst vorm Tod?

Manche Verlagsobere, so scheint es, treibt vor allem die Frage um, was sie ihren Kunden überhaupt Originelles verkaufen könnten, das es nicht einen Klick weiter genauso gut und gratis gibt. Und die Angst, die Antwort lautete: nichts.

Bezahlte Inhalte sind für zweierlei ein Test: das Urteil der Leser und das Selbstvertrauen der Verlage in ihr eigenes Produkt.

Lionel Barber mangelt es an Letzterem nicht. Der Chefredakteur der ehrwürdigen "Financial Times" trägt weinrote Cowboystiefel zur Londoner Kluft aus grauer Flanellhose und hellblauem Hemd. Aus seinem verglasten Eckbüro blickt Barber zur einen Seite über die Themse, zur anderen in seinen Nachrichtengroßraum.

Rund 400 Journalisten sitzen hier an langen Tischreihen nebeneinander, wie im Handelsraum einer Bank. "Unser Nervenzentrum", sagt Barber. Jeder schreibt hier für Online und Print, getrennte Redaktionen hat er 2006 abgeschafft. "Für uns ist beides gleich wertvoll. Und wir haben dafür gesorgt, diesen Wert auch überall klarzumachen."

Seit sieben Jahren kassiert die "FT" im Internet Geld. Wer von seinem eigenen Computer aus mehr als zwei Artikel im Monat liest, wird aufgefordert, sich zu registrieren. Vom zehnten Artikel an müssen die Nutzer ein Online-Abo von gut 180 Euro im Jahr abschließen, um weiterzulesen.

Wer auch das gedruckte Blatt bestellt, bekommt Rabatt. Früher lag die Bezahlgrenze im Netz mal bei 30 Geschichten, Barber hat das Angebot verknappt, die Zahl der Abonnenten ist trotzdem auf 117.000 gewachsen. 21 Prozent der "FT"-Erlöse stammen heute aus dem Netz.

Das Modell sorgt dafür, dass alle Inhalte auf der Web-Seite erst mal frei zugänglich sind - das schafft Klickzahlen. Aber wer das Blatt so sehr schätzt, dass er öfters reinliest, der ist auch bereit zu zahlen, so das Kalkül des Verlags. Es ging auf. Und auch wenn die "FT" von der Krise nicht verschont blieb, die Anzeigenpreise haben nicht gelitten: Den Werbekunden verkauft die "FT" jetzt Leser, die nicht zufällig über eine Suchmaschine auf der Seite gelandet sind, sondern aus Überzeugung.

Dass das lachsrosa Blatt in der Finanzgemeinde als unverzichtbar gilt und daher leichter Geld verlangen kann als Publikumszeitungen, gesteht Barber ein. Aber jedes Blatt habe doch etwas, das andere nicht haben. "Wenn nicht, sollten sich Verlage die größte Mühe machen, etwas zu finden."

Der Brite hat leicht reden, sein oberster Verlagschef war selbst lange Journalist. John Ridding ist seit über 20 Jahren bei der "FT". In der Krise gebe es für Verlage zwei Möglichkeiten, glaubt er: zu sparen und sich so in einen Teufelskreis nach unten zu begeben. Oder das Vertrauen in den Wert von Journalismus hochzuhalten und dafür Geld vom Leser zu verlangen. "Die wichtigste Beziehung einer Zeitung sollte die zu ihren Lesern sein und nicht die zur Werbeindustrie", sagt Ridding.

Das stimmt auch für die "FT" nicht ganz, die auf Anzeigen dringend angewiesen ist, um ihre gut 550 Journalisten von Stockholm bis São Paulo zu bezahlen. Aber die Fixierung auf Werbegeld im Netz hat manchem Verlagsmanager vielleicht den Blick dafür getrübt, dass Journalismus etwas anderes ist, als den Platz neben den Anzeigen zu füllen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 32 Beiträge
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1. Wenn das Angebot stimmt ...
Kurt aus Kienitz, 19.08.2009
... warum nicht? Wenn die gelieferten Informationen wahr und aktuell sind und gute journalistische Arbeit dahinter steckt bin ich gerne bereit dafür etwas zu bezahlen. Wenn die Inhalte allerdings zusammengegoogled sind oder 1:1 aus Wikipedia übernommen werden und ich mir dafür dann auch noch wild blinkende Werbung ansehen muss ... dann lieber nicht. Ab solche "Zeitungen" braucht man dann ja nicht zu kaufen.
2. Gute Frage,
ferdl 19.08.2009
z. B. kostet beim Spiegel das e-Paper-Abo mehr als das Papier-Abo. Wer kauft sowas?
3. Qualität hat ihren Preis
felin 19.08.2009
Zitat von sysopMedienmilliardär Rupert Murdoch will die Online-Leser seiner Zeitungen zur Kasse bitten. Der Vorstoß hat eine Debatte um die Zukunft der Gratiskultur im Netz ausgelöst. Dabei gibt es bereits positive Beispiele. Doch mancher Verlag fürchtet die Frage: Was sind wir dem Leser wert? http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,643306,00.html
Wohin die Umsonst-Mentalität führt, zeigen Artikel aus der Vergangenheit, in denen Blog-Beiträge und Meldungen offensichtlich ungeprüft zitiert und später wieder dementiert wurden. Ich habe nicht mehr allzu viel Vertrauen in die Online-Presse und hege die Hoffnung, dass mit Einführung einer Gebühr auch die Qualität wieder steigt. Dafür wäre ich tatsächlich bereit zu zahlen, wenn auch nicht im selben Umfang wie für die Printmedien.
4. .
fsiggi2 19.08.2009
Für ein paar zusammengesuchte Agenturmeldungen, die auch noch, inklusive Fehler, überall gleich abgedruckt werden, zahle ich gar nichts mehr. Warum auch? Steht ja alles kostenlos im Netz. Die besten Informationen, oft sehr gut recherchiert, gibt es, je nach Thema, in bestimmten Blogs. Dort konnte man z.B. über die Finanzkrise schon lange alles wissen, als die in den klassischen Medien noch gar nicht vorkam. An solche Blogs spende ich dann regelmäßig, aber erst nach dem Lesen. Wenn ich aber für einen Artikel im Vorraus bezahlen soll, müsste ich mir das schon sehr gut überlegen. Im Moment kaum vorstellbar.
5. Meist zu teuer
Ljokkelsoy 19.08.2009
Ist dasselbe Problem wie meistens bei den Printmedien. Die Verlage wollen soviel Geld für die Online-Inhalte, daß man sich eigentlich gleich die gedruckte Ausgabe kaufen könnte. Siehe Buchmarkt und ebooks. Komplett unrealistische Preise und dann wundert man sich, daß die Kunden das Geschäftsmodell nicht akzeptieren. Problem ist, ein Magazin oder Buch kann ich lesen wo und wie ich möchte. Am Strand, auf dem stillen Örtchen, abends im Bett oder im Bus und das alles ohne sich Sorgen um den teuren ebook-reader oder um die Akkulaufzeit zu machen. Ein ebook ist für mich nicht ein Drittel von der gedruckten Ausgabe wert und die Verlage verlangen oft diesselben preise oder sogar mehr. Die eingeschränkte Nutzbarkeit von elektronischen Inhalten sollte sich auf jeden Fall heftig im Preis niederschlagen. Ich persönlich würde vielleicht maximal 5 cent für einen Artikel zahlen.
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