AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2009

Kriminalität Sklaven am Wok

Ausgebeutet, rechtlos und miserabel bezahlt schuften viele chinesische Köche in deutschen Asia-Restaurants. Sie sind meist Opfer systematischen Menschenhandels.


Eines Tages wollte Aijun G. sich krankmelden. "Du kannst Pause machen, wenn du Krebs hast", schrie der Boss. "Was kann mir schon passieren, selbst wenn ich dich totschlage?", so erzählt es Aijun G. Dann sei der Chef mit dem Stuhl auf ihn losgegangen, habe mit einem abgebrochenen Flaschenhals gedroht und gebrüllt: "Wenn du zur Polizei gehst, stech ich dich ab."

Das war der vorläufige Höhepunkt seines Arbeitslebens in Deutschland. Ansonsten musste Aijun G. in dem Asia-Restaurant in Speyer bis zu zwölf Stunden am Tag kochen, Geschirr spülen, die Böden wischen und die Abzugshauben putzen; für maximal 900 Euro im Monat und damit deutlich weniger, als ihm bei der Anwerbung in China versprochen worden war.

Spätestens nach der misslungenen Krankmeldung war Aijun G. klar, dass sein Traum, als wohlhabender Mann aus Deutschland in die Heimat zurückzukehren, wohl immer ein Traum bleiben würde. Der Koch erstattete Anzeige und klagte den entgangenen Lohn ein. Das zuständige Amtsgericht stellte das Strafverfahren wegen Körperverletzung vor kurzem gegen Zahlung einer Geldbuße ein, der Arbeitsgerichtsprozess dauert noch an.

Ob Aijun G. jemals entschädigt wird, ist damit offen. Doch zumindest für die deutschen Strafverfolgungsbehörden ist die Anzeige des geknechteten Kochs aus der Pfalz von besonderem Wert. Denn bislang ging die Polizei nur Hinweisen über ein weitverzweigtes System von Schutzgelderpressungen in deutschen China-Restaurants nach. Inzwischen aber haben die Ermittler ein ganz anderes kriminelles Milieu im Visier: eine Art Sklavenhandel des 21. Jahrhunderts.

Hunderte Chinesen werden in den Westen gelockt und hier teilweise brutal ausgebeutet. Es ist organisierter Menschenhandel mit hohem Gewinn bei geringem Risiko. Das Geld verdienen Schleuserorganisationen, die als Vermittlungsagenturen getarnt sind. Die Restaurantbetreiber profitieren von den niedrigen Löhnen.

Opfer sind Männer wie Zhao Zhen*, 36, aus der Provinz Jiangsu im Osten Chinas.

Mit seiner Frau, den beiden Kindern, den Eltern und Schwiegereltern lebte er in einem einfachen Lehmhaus mit einem Boden aus gestampfter Erde. Auf dem Grundstück hielt er Hühner und baute Gemüse an. Denn die 100 Euro, die Zhao in China als Koch verdiente, reichten nicht, um alle zu ernähren.

Bei einer Arbeitsvermittlung sagte man ihm, er könne auch in Deutschland kochen und dort das Zehnfache verdienen. Ein sparsamer Mann wie Zhao hätte so innerhalb von vier Jahren bis zu 25.000 Euro zurücklegen können - für ihn ein Vermögen. Die Aussicht, den Kindern eine Ausbildung finanzieren und der Familie ein größeres Haus kaufen zu können, war so verlockend, dass er zusagte.

Doch erst einmal sollte er selbst zahlen: umgerechnet 10.000 Euro für Vermittlungsprovisionen, Papierkram und die Reise. Er lieh sich das Geld bei der Bank, bei Verwandten und Bekannten. Dann unterschrieb er zwei Verträge, einen auf Chinesisch und einen auf Deutsch. Den deutschen konnte er zwar nicht lesen, doch der sei ohnehin nur eine Formalie für die Einreise, beteuerte der Vermittler. Zhao beantragte einen Reisepass.

Acht Paar Arbeitsschuhe nahm er mit, 15 Hemden und mehrere Hosen. Europa - das wusste er - ist teuer. Mit dem Bus fuhr er erst nach Nanjing und dann weiter nach Peking, wo er zum ersten Mal in seinem Leben in ein Flugzeug stieg. Sein neuer Chef erwartete ihn in Berlin am Flughafen. Er nahm ihm gleich den Pass ab. Sie sprachen nicht viel.

In der Küche des Restaurants zeigte ihm der Chef, wie man kocht, dass es auch Deutsche mögen. Und das ging so: "Die Qualität war schlechter als zu Hause, der Geschmack nicht so fein." Aus dem Gemüse, das die Gäste zurückließen, wurde Pekingsuppe gekocht, das übriggebliebene Fleisch musste gewaschen und am nächsten Tag wieder serviert werden. "Ich hätte das nicht gegessen", sagt Zhao.

Doch das durfte er ohnehin nicht. Für ihn gab es Reis, Nudeln und Chinakohl, dafür arbeitete er sieben Tage die Woche von 10 bis 23 Uhr und schlief auf einer Matratze in der Wäschekammer. Am Ende des ersten Monats gab ihm der Chef 300 Euro. "Den Rest hat er einbehalten, angeblich als Sicherheit, damit ich nicht weglaufe", berichtet Zhao. Als sich der Koch bei seiner Agentur beschwerte, hieß es nur: "Wenn du nicht arbeitest, schicken wir dich zurück nach China."


*Name von der Redaktion geändert



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