AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2009

Kommentar Münteferings Versprechen

"Merkel kann die Umzugskisten packen"
AP

"Merkel kann die Umzugskisten packen"

Von Christoph Schwennicke


Wahlkampf können wir sowieso besser, hat Franz Müntefering immer gesagt. War doch so: die Kampa 1998, die Wunderwaffe der SPD, die Gerhard Schröder ins Amt brachte. Dann 2002: mit fulminantem Finish Edmund Stoiber abgefangen. Der durfte sich am Wahlabend nur für ein paar Stunden als angehender Kanzler fühlen. 2005 hätte Schröder das Kunststück beinahe mit Angela Merkel wiederholt, als er einen großen Rückstand in den Umfragen fast noch wettgemacht hätte. Gefühlt war das beinahe ein Sieg.

Aus dieser Reihe machte Müntefering ein Naturgesetz. Die CDU begann schon, an dieses Naturgesetz zu glauben.

Jetzt zeigt sich, dass es dieses Naturgesetz nicht gibt. Jeder Wahlkampf ist neu. Einstmals gute Wahlkämpfer können patzen. Was früher funktionierte, muss nicht wieder klappen. Was einmal modern war, ist plötzlich muffig, peinlich.

Im Wahlkampf 2005 hat Franz Müntefering zweierlei behauptet: Angela Merkel kann es nicht. Und: Nach der Wahl werde es von ihr heißen: Sie tanzte nur einen Sommer.

Beides erwies sich später als falsch, aber erst einmal war es kess und traf einen Nerv. Zwischen zugespitzter Behauptung und der Einschätzung der Leute gab es einen Zusammenhang.

Im Wahlkampf 2009 sagt Müntefering, Merkel könne schon mal die Umzugskisten packen. Das soll wieder so kess sein wie damals, ist aber völlig entrückt, weil der Behauptung jeder Bezug zur Wirklichkeit fehlt. Es klingt wie der Sound aus einer anderen Zeit, als habe sich der Discjockey in einem Club vergriffen, weil er auf einen Hit setzte, bei dem früher die Tanzfläche kochte. Und nun leert sich der Saal bei dieser Nummer. Sie zieht nicht mehr. Sie ist out. Die Lichter flackern, der Bass wummert, und keiner tanzt.

Müntefering ist der Mann, der aus der Zeit gefallen ist. Die Fußballvergleiche ("Wir sind in der 80. Minute, und es steht 0:2") gehen längst auf den Wecker, das Münte-Deutsch ("Ich kann Partei") ist nicht mehr putzig, sondern grammatisch falsch, die Kunstpausen und Zigarillo-Rauchfäden sind nicht mehr cool, sondern blasiert.

Aber er macht weiter, er kann nur so, wie der gealterte Achtziger-Jahre-DJ. Merkel solle endlich aus ihrer Ecke rauskommen und sich dem Kampf stellen, ein Boxbild, immerhin. Aber es wendet sich gegen ihn, weil es mindestens in dem Maße die eigene Ohnmacht thematisiert wie die Feigheit der Kanzlerin.

Er sagt mehrmals, dass der Kanzlerin die Arbeitslosen egal seien, weil sie sich nicht auf ein konkretes Ziel festlegt. In Merkels Amtszeit ist die Zahl der Arbeitslosen von fünf Millionen auf drei Millionen gesunken. Selbst wenn sie von Schröders Vorarbeit profitiert hat, sind Merkel diese Zahlen schwer streitig zu machen - und die Attacke geht abermals am Gefühl der meisten Leute vorbei.

Nichts zieht, erste Panik kommt auf. Versuch, Irrtum, neuer Versuch, das ist der Wahlkampf der SPD. Die auffälligen Finanzhaie und Föhne mit Hemdkragen der Europawahl, des Präludiums für den Bundestagswahlkampf, sind nach der Niederlage verschwunden und durch altbackene Klientelsprüche ("Gesundheit darf kein Luxusprodukt werden") ersetzt worden.

Wahlkampf können wir sowieso besser - das stimmt nicht mehr. Ein Verdacht: Lag es all die Jahre vorher gar nicht an der Kampa, an Müntefering oder Kajo Wasserhövel, sondern an dem begnadeten Solisten Gerhard Schröder? Und der Rest war Mythos?

Das allein wäre eine schlimme Erkenntnis für die SPD. Aber es ist noch schlimmer. Müntefering macht nicht nur taktische Fehler. Er ist strategisch gescheitert. Denn dem Hauptsatz "Wahlkampf können wir sowieso besser" ging ein anderer voraus. Der ganze Satz lautete: Wir gehen jetzt in die Große Koalition, und Wahlkampf können wir sowieso besser. Im Grunde war es ein Kausalsatz: Weil wir Wahlkampf besser können, können wir in die Große Koalition gehen.

Große Koalition tut weh, aber sie geht vorbei, und es geht gut für uns aus. Mit diesem Versprechen hat Mose Müntefering die SPD in die Große Koalition unter Angela Merkel gelockt. Das Versprechen hieß ganz persönlich: Ich führe euch aus dieser Gefangenschaft als Wahlsieger wieder heraus.

Danach sieht es bisher, dezent formuliert, nicht aus. Und wenn es nicht klappt, werden sich viele in der SPD verraten und verkauft fühlen. Ganz persönlich von einem Mann, der schon für sich in Anspruch genommen hat, auf dem nächsten Parteitag unabhängig vom Wahlausgang wieder zum Vorsitzenden gewählt zu werden. Noch so ein Müntefering-Satz, der sich anhört wie das Echo aus einer vergangenen Zeit.



insgesamt 88 Beiträge
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Seite 1
kikolo, 25.08.2009
1. hhmmm ja fast
hhhmmmm alternder DJ ...ich wuerd sagen ...opi leg mal ne platte auf aber endlich mal ne andere... ist nix dahinter hinter muente absolut nix
Michael Giertz, 25.08.2009
2. Arbeitslosenzahl - Lüge?
---Zitat von SPON--- http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,644421,00.html Er sagt mehrmals, dass der Kanzlerin die Arbeitslosen egal seien, weil sie sich nicht auf ein konkretes Ziel festlegt. In Merkels Amtszeit ist die Zahl der Arbeitslosen von fünf Millionen auf drei Millionen gesunken. Selbst wenn sie von Schröders Vorarbeit profitiert hat, sind Merkel diese Zahlen schwer streitig zu machen - und die Attacke geht abermals am Gefühl der meisten Leute vorbei. ---Zitatende--- Das ist faktisch falsch. Statistik ist gut und schön, nur sagt sie nur dann die Wahrheit, wenn man weiß, was sie eigentlich aussagen soll. Die Aussage, es wären nun weniger Arbeitslose auf der Straße ist defakto falsch. Denn in der Arbeitslosenstatistik tauchen nunmal nur jene auf, die: - ALG I beziehen - sich nicht in einer einer Weiterbildungsmaßnahme befinden - weniger als eine Stunde die Woche arbeiten - nicht krankgemeldet sind - nicht im Urlaub sind Dazu kommt noch die saisonell bedingte "Bereinigung". Es handelt sich um eine tolle Wahlkampfzahl ("wir haben in unserer Amtszeit die Arbeitslosigkeit entschieden bekämpft!"), sagt aber eben nicht viel aus. Leider glauben aber viel zu viele Wähler an das Märchen mit den 3 Millionen. Dass das gar nicht stimmen KANN, wissen die wenigsten. Denn es gibt noch die Dunkelziffer. Die bildet sich aus dem ganzen "Rest": - ALG II-Bezieher - Diejenigen, die gerade krank sind, sich im Urlaub oder Fortbildungsmaßnahme befinden Und wenn man's genau nimmt, muss man auch noch die Aufstocker hinzuzählen, die da wären: - Selbstständige (mit Aufstocker) - 1-Euro-Jobber - Berufstätige (mit Aufstocker) Die haben zwar per Definition Arbeit, aber davon leben können sie nicht. Sie liegen dem Staat genauso auf der Tasche wie die anderen, sind teilweise sogar noch wesentlich teurer. Mal kurz gesagt: es wäre schön, wenn die Medien (und das ist nicht unbedingt an die Spiegel-Redaktion direkt gerichtet), sich mal zu klassisch-altmodischer Recherchearbeit bequemen und die "offizielle Zahl" mal genauer hinterfragen. Ansonsten ist nämlich der Auftrag, die Leute über die Wahrheit zu informieren, schlichtweg nicht erfüllt. Vielen Dank. (Aber ich schätze, der Beitrag wird wohl eher nicht freigeschaltet) ;)
Berlinjoey 25.08.2009
3. New SED
Im wesentlichen hat der Autor recht. Mit Müntefering könnte man fast Mitleid haben, diese unverbesserlichen Sportvergleiche haben etwas peinliches, bei einem Mann in seinem Alter auch etwas rührendes. Am ausserordentlichen Parteitag nach der Wahl, der in der Geschichte dieser ehemaligen Volkspartei auch als "Blutiger Sonntag" eingehen wird, ist Schluss, nicht nur mit dieser Rhetorik. Andrea-Lucretia Nahles wird höchstpersönlich an der Guillotine stehen und macht Münte und die Stones einen Kopf kürzer. Dann gehts ans "Säubern" bis in die Glieder der Ortsverbände. Danach steht einer "New SED" nichts mehr im Wege, dem Zusammenschluss mit den Postkommunisten. Geschichte wiederholt sich eben doch. Noch eine Anmerkung zu dem 80er Jahre DJ: die Tanzfläche wird voll, wenn diese Musik kommt. Dieser Vergleich hinkt somit auch, wie die vom ollen Münte.
praise 25.08.2009
4. *
Zitat von sysophttp://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,644421,00.html
Müntefering hat Angela Merkel unterschätzt, so wie in den 80er Jahren Helmut Kohl unterschätzt wurde. Er meinte, Merkel vorführen zu können. Und das ging schief. Seine Angriffe gegen Merkel verpuffen deshalb, weil a) jeder weiß, dass ER dieser Frau in die Kanzlerschaft verholfen hat, obwohl sie angeblich unfähig sei und b) Merkels Persönlichkeitsprofil und sachlicher Politikstil sich nicht für solche Angriffe eignen. Münte hat sich und seiner Partei ins Knie geschossen. Dennoch könnte es wieder für die Teilnahme an der Macht in einer Großen Koalition für die SPD mit Perspektive für Rot/Braunrot/Grün reichen. Und das liegt an der programmatischen Schwäche der Union. Es ist schon ein Elend ...
praise 25.08.2009
5. *
Zitat von Michael GiertzDas ist faktisch falsch. Statistik ist gut und schön, nur sagt sie nur dann die Wahrheit, wenn man weiß, was sie eigentlich aussagen soll. Die Aussage, es wären nun weniger Arbeitslose auf der Straße ist defakto falsch. Denn in der Arbeitslosenstatistik tauchen nunmal nur jene auf, die: - ALG I beziehen - sich nicht in einer einer Weiterbildungsmaßnahme befinden - weniger als eine Stunde die Woche arbeiten - nicht krankgemeldet sind - nicht im Urlaub sind Dazu kommt noch die saisonell bedingte "Bereinigung". Es handelt sich um eine tolle Wahlkampfzahl ("wir haben in unserer Amtszeit die Arbeitslosigkeit entschieden bekämpft!"), sagt aber eben nicht viel aus. Leider glauben aber viel zu viele Wähler an das Märchen mit den 3 Millionen. Dass das gar nicht stimmen KANN, wissen die wenigsten. Denn es gibt noch die Dunkelziffer. Die bildet sich aus dem ganzen "Rest": - ALG II-Bezieher - Diejenigen, die gerade krank sind, sich im Urlaub oder Fortbildungsmaßnahme befinden Und wenn man's genau nimmt, muss man auch noch die Aufstocker hinzuzählen, die da wären: - Selbstständige (mit Aufstocker) - 1-Euro-Jobber - Berufstätige (mit Aufstocker) Die haben zwar per Definition Arbeit, aber davon leben können sie nicht. Sie liegen dem Staat genauso auf der Tasche wie die anderen, sind teilweise sogar noch wesentlich teurer. Mal kurz gesagt: es wäre schön, wenn die Medien (und das ist nicht unbedingt an die Spiegel-Redaktion direkt gerichtet), sich mal zu klassisch-altmodischer Recherchearbeit bequemen und die "offizielle Zahl" mal genauer hinterfragen. Ansonsten ist nämlich der Auftrag, die Leute über die Wahrheit zu informieren, schlichtweg nicht erfüllt. Vielen Dank. (Aber ich schätze, der Beitrag wird wohl eher nicht freigeschaltet) ;)
Hat sich die Zählweise der Arbeitslosen unter Schröder von der Zählweise unter Merkel geändert? Und wenn ja, was macht das in absoluten Zahlen aus? Unter Merkel ist die Arbeitslosigkeit deutlich gesunken, unabhängig von der Frage, was die Statistik besagt, denn es geht ja um einen Vergleich.
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