AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2009

Computer: Alpha-Physiker an der Börse

Von Hilmar Schmundt

Rechner übernehmen die Arbeit der Aktienhändler. Im Millisekundentakt feuern sie Kaufaufträge an die Börsen. Kann das die Märkte destabilisieren?

Aktienhändler an der New Yorker Börse: Angst vor "Domino-Bankrotten" Zur Großansicht
dpa

Aktienhändler an der New Yorker Börse: Angst vor "Domino-Bankrotten"

Normalerweise jagt er Quarks und Quanten. Michael Feindt ist als Physiker an der Universität Karlsruhe unter anderem mit Berechnungen für den neuen Teilchenbeschleuniger am Cern befasst. Doch derzeit erkundet er ein anderes Geheimnis. Dessen Name: Alpha.

So nennen Börsianer den Profit, den sie mit dem geschickten Kauf und Verkauf von Aktien machen. "Mir ist es gleich, ob ich Märkte oder Atomkerne berechne", sagt Feindt. "Beides sind dynamische Systeme, die ich statistisch unter die Lupe nehme."

Seine Software wird von Fondsmanagern ebenso genutzt wie vom Versandhaus Otto, das wissen will, wie viele Stiefel voraussichtlich im Herbst gekauft werden. 2002 hat Feindt gemeinsam mit ehemaligen Studenten die Firma Physics Information Technologies ausgegründet.

Herr von Physikern und Mathematikern

Feindt ist nicht allein. Ein Heer von Physikern und Mathematikern erobert derzeit die Börsen. Sie berechnen, was die Finanzwelt im Innersten zusammenhält. Und krempeln sie dabei um.

Rund die Hälfte des Börsenhandels wird in vielen Ländern bereits vollautomatisch von Computern abgewickelt, Tendenz stark steigend (siehe Infografik).

Früher gestikulierten Trader auf dem Parkett, um ihre Orders zu platzieren. Heute drängen sich Serverfarmen im unmittelbaren Umkreis der Börsen - je näher sie sind, desto geringer die Zeitverzögerung. "Algotrading" wird das im Jargon genannt, weil Algorithmen die Arbeit erledigen. Wenn Banken wie Goldman Sachs trotz Krise Milliardengewinne verbuchen, verdanken sie das oft auch Computern.

"Die Händler an den Weltfinanzplätzen liefern sich ein Wettrüsten", heißt es in einer Broschüre des Computerherstellers IBM, der die Kontrahenten beliefert: "Bei einem Schusswechsel reicht es nicht aus, gut zu zielen", so IBM, man müsse auch schnell ziehen können: "Der einsame Schütze auf dem Parkett" werde ersetzt "durch Roboter mit Maschinengewehren".

Doch was, wenn ein "Algo" wegen eines Programmierfehlers Amok läuft? Um derlei Fragen wird derzeit heftig gestritten.

Schutz vor dem allzu Menschlichen am Markt?

"Selbst wenn man fehlerhafte Orders entdecken sollte, könnten innerhalb der zwei Minuten, die man für die Korrektur braucht, schon 120.000 Aufträge ausgeführt sein", warnt die Beratungsfirma Lime Brokerage in einem Brief an die US-Aufsichtsbehörde SEC. Der ungebremste Hochgeschwindigkeitshandel könne zu "Domino-Bankrotten" und "katastrophalem wirtschaftlichem Schaden" führen. Auch der Nobelpreisträger Paul Krugman klagt, das High Frequency Trading manipuliere die Preise. Es wirke "wie eine Abgabe nur für diejenigen Investoren, die keinen Zugang zu Superrechnern haben".

Andere hingegen hoffen gerade auf Algos - sie böten Schutz vor den Gefahren des allzu Menschlichen am Markt. Wenn zum Beispiel ein Händler 100.000 Aktien auf einen Schlag verkauft, könnte dies Panikverkäufe auslösen. Computersysteme dagegen stückeln das Angebot in winzige Tranchen als sogenannten Eisberg-Auftrag: Die wahre Größe des Angebots bleibt unsichtbar, der Preis hoffentlich stabil. Algos können so menschliche Passionen dämpfen.

Die Stärke der Maschinen liegt gerade in dem, was sie nicht bieten: Gier, Angst und dumme Patzer, die sogenannten Fat Finger Errors, die durch Vertippen passieren: 2004 orderte ein amerikanischer Händler Aktien für elf Milliarden statt elf Millionen Dollar; und 2005 verkaufte ein japanischer Händler 610 000 Aktien für einen Yen statt andersherum. Der Schaden belief sich auf über 200 Millionen Euro. Der Chef der Tokioter Börse musste zurücktreten.

Kampf der Kulturen

Der Siegeszug der Rechner wird begleitet von einem Kampf der Kulturen: Wirtschaftswissenschaftler gegen Informatiker und Physiker. Die einen versuchen Vorhersagen aufgrund ökonomischer Theorien, die anderen aufgrund abstrakter Zahlenklauberei.

"Wir bevorzugen Mitarbeiter, die keine vorgefassten Meinungen haben, wie Märkte funktionieren", sagt Tim Wong, Forschungschef bei der britischen Man Group, mit über 40 Milliarden Dollar Kapital der größte börsennotierte Hedgefonds-Betreiber der Welt. "Gerade Leute, die einen Uni-Abschluss in Finanzwesen haben, müssen oft erst einmal wieder eine Menge verlernen." Wong selbst ist Ingenieur.

Das Tempo wächst, immer schneller werden die Börsenregeln justiert. In den USA etwa sorgten neuartige "Flash-Orders" für Unmut, in deren Folge blitzartige Lockaufträge abgeschickt werden, die die Zahlungsbereitschaft der Kunden ausspionieren. Nach erbitterten Debatten schafft die Nasdaq-Börse die Blitzaufträge zum 1. September wieder ab. Die Regulierer müssen immer schneller handeln in Zeiten der Millisekunden-Deals.

"Nach meinen Analysen trägt das Algotrading eher dazu bei, die Börsen effizienter zu machen", sagt Börsenphysiker Feindt. "Allerdings wird es dadurch auch schwieriger, Geld zu verdienen." Ihn selbst jedoch kümmert das nicht weiter.

Er wartet sehnsüchtig darauf, dass der defekte Teilchenbeschleuniger in Genf repariert ist. Dann jagt er statt des Alpha wieder verstärkt seine alten Bekannten: Elementarteilchen.

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