AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2009

Mythen Die Feuer der Hölle

Der als Polizistenmörder verurteilte schwarze Autor Mumia Abu-Jamal ist der berühmteste Todeskandidat der Welt. Linke verehren ihn, die Witwe Maureen Faulkner aber kämpft für ihre Wahrheit. Nun sieht es so aus, als würde sie gewinnen. Von Cordula Meyer

AFP

Er sieht älter aus als auf dem Foto. Die Rastalocken sind schütterer geworden, die Stirn wirkt höher, seine Augen blicken müde im Neonlicht der Besuchszelle. Todeskandidat AM 8335 klopft zur Begrüßung mit der Faust gegen die Scheibe aus Panzerglas. Sein Anwalt auf der anderen Seite klopft zurück. "Madame Mitterrand bittet mich, dir ganz herzliche Grüße auszurichten", sagt der Anwalt, "sie war gerade auf einer Veranstaltung für dich in Berlin." Er drückt den Brief der Gattin des verstorbenen französischen Präsidenten gegen das Glas. "Wir starten eine neue weltweite Kampagne", sagt er, "eine Petition an Obama, unterschrieben auch von Nobelpreisträgern."

Mumia Abu-Jamal heißt der Häftling auf der anderen Seite der Scheibe, nach dem Besuch legt ihm ein Wärter Handschellen an und bringt ihn zurück in Zelle 9, Trakt G. Die State Correctional Institution Greene in Waynesburg im Bundesstaat Pennsylvania ist ein Hochsicherheitsgefängnis. Mumia Abu-Jamal verbringt 22 Stunden des Tages allein in einer zwei mal drei Meter großen Zelle, seit 28 Jahren ist er in Haft. Zwei Stunden am Tag darf er nach draußen, in einen Käfig, der aussieht wie ein großer Hundezwinger, dreimal 15 Minuten in der Woche telefonieren, dreimal duschen. Abendessen gibt es manchmal schon um halb vier.

Durch einen Fensterschlitz kann er aus der Zelle den Käfig sehen und manchmal nachts den Mond. Meistens aber sieht er fern. "Nachrichten", sagt er. Am 6. April sah er CNN. Eine Eilmeldung lief über den Bildschirm: Der Oberste Gerichtshof hatte seinen Antrag auf einen neuen Prozess abgelehnt. Was das bedeutet, erklärt sein Anwalt Robert Bryan erst, als er an diesem Tag das Gefängnis verlässt: "Mumia könnte in einem Jahr tot sein."

Die juristische Lage ist kompliziert, die Verteidiger wollen eine Berufung, zwei Entscheidungen von Gerichten stehen noch aus, sie können aber bald kommen.

Mumia Abu-Jamal ist der berühmteste Todeskandidat der Welt. Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu besuchte ihn im Gefängnis, der Schriftsteller Salman Rushdie setzt sich für ihn ein, auch Oscar-Gewinnerin Susan Sarandon. In Paris ist er Ehrenbürger.

Im Gefängnis hat er Bücher geschrieben, das sechste ist gerade erschienen. Die Kolumnen über den Alltag in der Todeszelle waren am erfolgreichsten. Abu-Jamal hat aber auch über die Geschichte der Black Panthers geschrieben und über Todeskandidaten, die sich in Rechtsfragen nur von anderen Gefangenen helfen lassen können. Der internationale Schriftstellerverband PEN hat ihn aufgenommen, in deutschen Städten wird für ihn demonstriert. Der Schauspieler Rolf Becker verteidigt ihn, Günter Wallraff sowieso. Abu-Jamal schreibt Kolumnen für die "Junge Welt" in Berlin, oder er spricht Radiokommentare: "Live aus der Todeszelle, dies ist Mumia Abu-Jamal."

Mumia ist eine globale Marke. Es gibt sogar Teddybären mit seinem Konterfei. Er gilt für die globale Linke als Symbol, sein Foto mit dem strahlenden Lachen ist eine Ikone wie das Bild von Che Guevara, millionenfach gedruckt auf T-Shirts und Protestplakaten.

Er eignet sich als Galionsfigur für Protestbewegungen gegen die Todesstrafe, gegen Rassismus, gegen Unrecht im US-Justizsystem, gegen Globalisierung, gegen alles, was Linke weltweit an Amerika hassen. Ein politischer Gefangener, ein schwarzer Aktivist, der Amerikas Rassismus anprangerte und dem die Polizei deswegen einen Mord an einem Polizisten anhängte - diese Geschichte glauben viele. Die Wahrheit aber verschwindet hinter der Legende.

Vielleicht hat es sein ehemaliger Verteidiger Daniel Williams am besten ausgedrückt: Die Überzeugung von Mumias Unschuld sei für viele Menschen "eine Glaubensfrage". Die Geschichte funktioniert deshalb so gut, weil sie so viele hässliche Wahrheiten über die USA bündelt.

Es gibt eine andere Geschichte, und sie klingt anders als die, die Nobelpreisträger, Literaten und Musiker kennen. Diese Geschichte erzählt Maureen Faulkner, die Witwe des erschossenen Polizisten. 28 Jahre ist es her, dass ihr Mann Danny auf einem Bürgersteig in Philadelphia starb.

Mumia Abu-Jamal und Maureen Faulkner haben nie miteinander gesprochen. Aber seit dem Tag, an dem Danny Faulkner starb, sind ihre Leben aneinandergekettet. Mumia Abu-Jamal kämpft für seine Freiheit, Maureen Faulkner für seinen Tod. Sie fühlt sich oft hilflos gegen all die gutmeinenden Menschen dieser Welt. Aber nun sieht es so aus, als könne sie gewinnen.

In ihrem Haus in Südkalifornien, wo sie jetzt wohnt, erzählt Maureen Faulkner von dem Tag, der ihr Leben für immer veränderte.

Am 9. Dezember 1981 waren Maureen und Danny Faulkner gerade 13 Monate verheiratet. Sie waren beide 25. Auf den Hochzeitsfotos schauen zwei junge Menschen in die Kamera, ein bisschen bieder. Faulkner hatte die Schule abgebrochen. Inzwischen war er schon fünf Jahre bei der Polizei, die Akademie hatte er als Zweitbester seines Jahrgangs abgeschlossen. An der Volkshochschule nahm er Kurse in Strafrecht. Sieben Belobigungen gab es in seiner Personalakte. Manchmal sprachen sie darüber, wie ihre Kinder mal heißen sollten. "Danny hatte alles, für das es sich zu leben lohnt", sagt Maureen.

Er kochte an jenem Abend, um acht Uhr ging er ins Bett. "Er hat gesagt: Leg dich neben mich. Du weißt doch, dass ich mit dir viel besser schlafen kann." Zwei Stunden später klingelte der Wecker. Danny zog seine Uniform an. "Das war's."

Maureen stellt die Kaffeetasse weg. "Das war das letzte Aufwiedersehen." Ihre Stimme versagt. "Ich war so jung."



insgesamt 130 Beiträge
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Seite 1
DefTom 28.08.2009
1. Auf Thema antworten
Zitat von sysopDer als Polizistenmörder verurteilte schwarze Autor Mumia Abu-Jamal ist der berühmteste Todeskandidat der Welt. Linke verehren ihn, die Witwe Maureen Faulkner aber kämpft für ihre Wahrheit. Nun sieht es so aus, als würde sie gewinnen. Von Cordula Meyer http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,645083,00.html
Was also will nun die Dame Cordula Meyer mit ihrem Geschreibsel? Will sie uns damit vermitteln, daß man den einen Schwarzen ruhig noch vergasen/totspritzen/verbrennen kann, bevor man endlich mal wieder eine ernsthafte Diskussion über "Sinn und Nutzen" der Todesstrafe in einem "G8-Staat" anregen kann? Oder wie? Warum kein empörter Artikel über dieses Thema Todesstrafe insgesamt? So kommt es für mich leider so rüber, wie oben schon erwähnt: Die Frau hat Recht auf ihre Rache, der Schwarze ist schuldig, bringt ihn um!
sozi 28.08.2009
2. Schuldig oder nicht ?
Zitat von sysopDer als Polizistenmörder verurteilte schwarze Autor Mumia Abu-Jamal ist der berühmteste Todeskandidat der Welt. Linke verehren ihn, die Witwe Maureen Faulkner aber kämpft für ihre Wahrheit. Nun sieht es so aus, als würde sie gewinnen. Von Cordula Meyer http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,645083,00.html
Ich weiß nicht, ob der Beschuldigte schuldig ist. Aber eins weiß ich: in einem zivilisierten, kultivierten Land zur Jetztzeit wäre er inzwischen wegen guter Führung aus der Haft entlassen worden. Ich mag die USA, besonders den jetzigen Präsidenten, aber das Rechtssystem in einigen Bundesstaaten und insbesondere die Todesstrafe passt meiner Meinung nach eher in so ein Land, welches von Fundamentalisten regiert wird. Schöne Grüße
Hador, 28.08.2009
3.
Zitat von DefTomWas also will nun die Dame Cordula Meyer mit ihrem Geschreibsel? Will sie uns damit vermitteln, daß man den einen Schwarzen ruhig noch vergasen/totspritzen/verbrennen kann, bevor man endlich mal wieder eine ernsthafte Diskussion über "Sinn und Nutzen" der Todesstrafe in einem "G8-Staat" anregen kann? Oder wie? Warum kein empörter Artikel über dieses Thema Todesstrafe insgesamt? So kommt es für mich leider so rüber, wie oben schon erwähnt: Die Frau hat Recht auf ihre Rache, der Schwarze ist schuldig, bringt ihn um!
Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Eigentlich ist der Artikel finde ich nicht schlecht, aber ihm fehlt halt jeglicher Zusammenhang. Wenn man jetzt zuvor oder gleichzeitig einen Artikel über die Unterstützer von Mumia Abu-Jamal gebracht hätte, dann könnte ich es nachvollziehen, aber so hängt der Artikel doch ziemlich in der Luft...
red angel, 28.08.2009
4. schlimmer artikel
Zitat von sysopDer als Polizistenmörder verurteilte schwarze Autor Mumia Abu-Jamal ist der berühmteste Todeskandidat der Welt. Linke verehren ihn, die Witwe Maureen Faulkner aber kämpft für ihre Wahrheit. Nun sieht es so aus, als würde sie gewinnen. Von Cordula Meyer http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,645083,00.html
dieser artikel ist tendenziöz, alles andere als sachlich. mumia abul jamal sitzt seit fast drei jahrzehnten für eine tat, die er nicht begangen hat. es gibt keine beweise oder glaubwürdige zeugen, nur indizien. der politische kontext wird von spon bzw. der gerichtsreporterin lächerlich gemacht bzw. geleugnet. natürlich ist mumia ein politischer gefangener, der der polizei von philadelphia zu unbequem war. er kritisierte in den jahren davor massiv den rassismus und die korruption der polizei bzw. deren bruderschaft, die von der rasenden reporterin nicht erwähnt wird. schon alleine das disqualifiziert den artikel, denn diese lobbygruppe hatte mumia schon lange als politischen feind definiert. das ist ein ganz klares motiv. warum lässt man dies außer acht? wie kann man der todesstrafe das wort reden. die reporterin distanziert sich nicht von dieser barbarischen strafe, sondern versucht verständnis für das opfer zu entwickeln. ein weißer polizist hält einen schwarzen autofahrer wegen einer lappalie an und fordert sofort verstärkung an, wieso? jeder, der in den usa war, weiß, dass dies nur bei gefahr in verzug geschieht. ein mythos ist mumia wirklich nicht, er ist real und lebendig. das wollen die vertreter der gleichgeschalteten freien presse der westlichen welt wohl ändern bzw. etwas dazu beisteuern. mumias schicksal ist beleg für die klassen- und rassenjustiz der usa. daran wird auch ein obama nichts ändern
Marco Z., 28.08.2009
5. Unsinnige Huldigung
Mörder haben in Ländern in denen es die Todesstrafe gibt, mit selbiger zu rechnen. Mumia Abu-Jamal ist für die Linke offenbar eine Glaubensfrage....für mich völlige Idiotie. Mich würde interessieren, wie die Einstellung seiner Befürworter wäre, wenn er deren Ehepartner, Sohn, Tochter, Mutter oder Vater ermordet hätte. Lassen wir doch mal Leuten wie Ronny Rieken, Dieter Zurwehme oder Marc Dutroux so viel Aufmerksamkeit zukommen und feiern sie. Ich bin kein Befüworter der Todesstrafe und daher meine ich, dass es hundertausendmal bessere Möglichkeiten gäbe gegen die Todesstrafe zu opponieren, als verurteilte Schwerverbrecher zu unterstützen und zu huldigen. Junge Frauen oder Homosexuelle im Iran oder allgemein im Nahen und Mittleren Osten, die wegen Ehebruch grausam gesteinigt werden oder chinesische Kleinkriminelle, die man im Akkord in Fußballstadien erschiesst. Diese Menschen verdienen viel mehr Aufmerksamkeit als irgendein Abschaum. Damit bringt man nur Wasser auf die Mühlen der Todesstrafenbefürworter, ist es doch ein leichtes auf die Schwere der Schuld eines Mörders hinzuweisen.
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